Praxis-Kauf sorgt für Ärger

Klinik und Niedergelassene kämpfen gegen den Ärzte-Notstand. Über den Weg dahin scheiden sich die Geister, wie das Beispiel Deggingen zeigt.

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Ein Arzt untersucht einen Jungen – auch im Landkreis ist die Andrang auf Kinderärzte oft groß. Um die Übernahme der Praxis in Deggingen durch die Klinik am Eichert gibt es noch Nachwehen.  Foto: 

Mediziner, Verbände und Politiker schlagen Alarm: Es gibt zu wenig Ärzte, weshalb sich die Nachfolge oft schwierig gestaltet  – auch bei den Kinder- und Jugendärzten. Jüngstes Beispiel im Kreis Göppingen ist Deggingen. Als Andreas Krebs sich kürzlich zur Ruhe setzte und niemanden fand, der seine Kinder- und Jugendarztpraxis übernahm, sprangen die Alb-Fils-Kliniken in die Bresche und haben zum 17. Juli seine Praxis übernommen. Sie wurde in das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) der Alb-Fils-Kliniken GmbH in Räume der Klinik am Eichert in Göppingen integriert. Geleitet wird die Praxis von der Fachärztin Dr. Katja Bauer, sagt Britta Käppeler, Leiterin der Marketing- und Öffentlichkeitsarbeit der Alb-Fils- Kliniken.

Doch nicht alle Kinderärzte im Kreis – und auch nicht die Kreis­ärzteschaft – sind mit dieser Lösung glücklich: Ursprünglich sei ein Modell diskutiert worden, wonach die Ärztin jeweils zu 50 Prozent im MVZ und in der Praxis in Deggingen gearbeitet hätte, sagt Dr. Johannes Domay, Kinder- und Jugendarzt in Süßen. Der Chef der Kinderklinik, Dr. Fabian Kaßberger, habe dieses Modell mitgetragen, doch dann sei die Kehrtwende gekommen: „Wir waren alle konsterniert. Die eigentliche Absprache ist ausgehöhlt worden“, sagt Domay, der auch Vorsitzender des Vereins Kinder-Notfallpraxis ist. Dr. Frank Genske, Vorsitzender der Kreis­ärzteschaft, bestätigt dies: „Das war sehr wohl mit der Klinik so besprochen und ist daher ein stückweit ärgerlich.“ Die Zusage sei nicht schriftlich fixiert gewesen, räumt Genske ein, jedoch hätten sich die niedergelassenen Kinderärzte auf diese Aussagen verlassen. „Wir wurden vor vollendete Tatsachen gestellt, das hinterlässt schon Spuren“, fügt der Chef der Kreisärzteschaft hinzu. Domay und Genske sehen im jetzigen Modell einen Rückzug aus der Fläche.

Bei den Alb-Fils-Kliniken sieht man dies anders: Britta Käppeler spricht von einer „einvernehmlichen Lösung“ mit den niedergelassenen Ärzten und bewertet die Integration der Praxis in das MVZ als Beitrag, „die kinder- und jugendärztliche Grundversorgung im Landkreis sicherzustellen“. Kaßberger pflichtet ihr bei: „Es gab von Seiten der Kinderärzte dafür eine breite Zustimmung.“ Es habe von der Klinik nie eine Zusage für das 50-50-Modell gegeben: „Es ist wohl die Frage: Was war Wunsch und was war Zusage.“ Die Lösung, eine Doppelstruktur aufzubauen, sei letztlich aus KV-rechtlichen und organisatorischen Gründen verworfen worden.

Der Chef der Kinderklinik räumt aber auch ein, dass die Kliniken beim Kauf des Degginger Arztsitzes auch andere Ziele verfolgen: Mit der Etablierung der Praxis in das MVZ habe das Krankenhaus die Möglichkeit, eine spezialkinderärztliche Sprechstunde einzurichten, beispielsweise durch einen Kardiologen oder Neurologen. „Wir brauchen das als Klinik und als Landkreis“, betont Kaßberger. Dennoch räume die Klinik der Grundversorgung einen hohen Stellenwert ein. Die neue Praxis im MVZ könnten Eltern von Deggingen aus in 20 Minuten erreichen, nach Boll, Süßen oder Geislingen führen sie genauso lange, rechnet Kaßberger vor.

Dem Leiter der Kinderklinik ist es bei aller Unstimmigkeit im Fall Deggingen jedoch wichtig, mit Domay und Genske im Gespräch zu bleiben und die gute Zusammenarbeit fortzusetzen. Der Chef der Kreisärzteschaft stößt in dasselbe Horn: „Es geht um die Notwendigkeit, die Versorgung sicherzustellen, und das klappt am besten, wenn wir es gemeinsam anpacken.“ Derzeit habe niemand eine Lösung parat, „wie man das ruckzuck hinkriegt“, daher sei der Kreisärzteschaft an einem gemeinsamen Modell gelegen. Brechen an der Peripherie Praxen weg, wie jetzt in Deggingen, orientierten sich die Patienten auch in andere Landkreise, letztlich auch bei stationären Aufenthalten. „Das  ist kurzsichtig. Die Klinik sägt an dem Ast, auf dem sie sitzt“, kritisiert Genske. Daher sei ein Konzept aus einem Guss so wichtig, „aber wir werden immer vertröstet und am Ende des Tages kommt nichts Gemeinsames raus. Aber ich bin der festen Überzeugung, dass wir das hinbekommen.“

Dr. Johannes Domay bekommt die Degginger Praxisschließung hautnah zu spüren. Bei ihm klopfen Krebs’ ehemalige Patienten an, alle könne er nicht nehmen, das sei nicht zu schaffen, sagt er. Zwei weitere Praxisinhaber in Rechberghausen und Geislingen suchen ebenfalls seit langer Zeit nach einem Nachfolger – vergeblich. Domay fragt sich, wer diese jungen Patienten dann auffangen soll. Daher plädiert auch er für eine engere Kooperation mit den Kliniken – und nimmt sie wie sein Kollege Genske in die Pflicht: „Ein kommunales Krankenhaus hat auch einen Versorgungsauftrag.“ Er hätte das Modell „Außenstelle Deggingen“ gerne ausprobiert, um dem Ärzte-Notstand in der Fläche etwas entgegenzusetzen: „Wir sind auf alles angewiesen, was funktioniert.“

LEITARTIKEL von Susann Schönfelder: Vertane Chance

Husten, Durchfall, Platzwunde: Die Wartezimmer der Kinderärzte im Kreis sind überfüllt. Viele Eltern klagen über lange Wartezeiten oder tun sich schwer, überhaupt einen Arzt für ihren Nachwuchs zu finden – obwohl es nach Aussage der Kassenärztlichen Vereinigung nur einen freien Arztsitz im ganzen Land gibt. Mag sein, dass rechnerisch-statistisch alles in Butter ist. Wer aber stundenlang in der Praxis ein krankes Kind bei Laune halten muss, weiß, dass die Daten auf dem Papier mit der tatsächlichen Versorgungssituation nichts zu tun haben.

Kreisärzteschaft und die Mediziner schlagen deshalb zu Recht Alarm – in der Hoffnung, dass sie wenige Wochen vor der Bundestagswahl Gehör finden. Denn das Problem wird sich noch verschärfen: Ein Viertel der Kinderärzte im Kreis ist über 60 und wird in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Die Praxis in Deggingen ist bereits Geschichte, eine weitere in Geislingen wird 2018 folgen. Wer die jungen Patienten dann auffängt, steht in den Sternen, denn die niedergelassenen Kinderarzt-Praxen platzen jetzt schon aus allen Nähten. Nicht selten werden Eltern abgewiesen, weil der Arzt nicht mehr weiß, wie er der Patientenflut Herr werden soll. Lange Anfahrtswege sind die Folge.

Das Modell, das Kreisärzteschaft und Kinderärzte für die Degginger Praxis vorgeschlagen hatten, klang vielversprechend: Eine Fachärztin arbeitet zum Teil in der Klinik am Eichert, die anderen Tage hält sie den Betrieb vor Ort aufrecht. Leider hat sich die Klinikleitung auf diesen Versuch nicht eingelassen und die Chance vertan, neue Wege zu gehen – zum Wohl der Allgemeinheit, für das ein kommunales Krankenhaus bei allem Kostendruck auch verantwortlich ist. Leidtragende sind die Patienten vor Ort, die sicher in der Masse nicht nach Göppingen fahren, sondern sich in näherer Umgebung einen Kinderarzt suchen – vielleicht sogar im Nachbarkreis.

Es ist schade, dass diese Kooperation nicht zustande kam. Denn um den drohenden Ärzte-Notstand auch nur ansatzweise in den Griff zu bekommen, müssen alle Beteiligten an einem Strang ziehen. Letztlich wird es darum gehen, den Arztberuf und auch die Niederlassung im ländlichen Raum wieder attraktiver zu machen. Kleine Orte haben viel zu bieten: nicht nur günstige Mieten und viel Grün, sondern auch ein enges Verhältnis zum Patienten.

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Arztsitze Derzeit gibt es 22 Kinderärzte im Kreis Göppingen, davon arbeiten zwei im Krankenhaus und sind im Rahmen einer Ermächtigung tätig, erklärt Kai Sonntag, Leiter der Stabsstelle Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Kassenärztlichen Vereinigung Baden-Württemberg (KV). Das bedeutet, dass sie zusätzlich zu ihrer Arbeit in der Klinik auch ambulant tätig sein dürfen. Bei den genannten 22 Medizinern handele es sich um Köpfe. Die Zahl könne daher auch Ärzte beinhalten, die nur in Teilzeit tätig sind. Ebenfalls könnten natürlich auch mehrere Ärzte in einer Praxis tätig sein.

Alter Zu Beginn dieses Jahres waren 26 Prozent der Kinder- und Jugendärzte im Landkreis älter als 60 Jahre. Das sei etwas mehr als der Landesdurchschnitt, der bei 24 Prozent liegt. Was passiert, wenn ein Arzt in den Ruhestand geht, ist ungewiss. Sonntag: „Je ländlicher der Raum und kleiner die Praxis, desto schwieriger die Nachfolge.“

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