Peymann bog Leute zurecht

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  • Martin Schwab am Wiener Burgtheater: hier in der Rolle des Grafen von Gloster mit Gert Voss (li.) als König Lear. Die Shakespeare-Inszenierung hatte 2007 unter der Regie von Luc Bondy Premiere. 1/2
    Martin Schwab am Wiener Burgtheater: hier in der Rolle des Grafen von Gloster mit Gert Voss (li.) als König Lear. Die Shakespeare-Inszenierung hatte 2007 unter der Regie von Luc Bondy Premiere. Foto: 
  • Martin Schwab (li.) und Michael König proben im Dezember 2008 im Wiener Burgtheater für Thomas Bernhards Stück „Der Schein trügt“. 2/2
    Martin Schwab (li.) und Michael König proben im Dezember 2008 im Wiener Burgtheater für Thomas Bernhards Stück „Der Schein trügt“. Foto: 
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Sie hätten eigentlich Adolf heißen sollen. Wie dankbar sind Sie Ihren Eltern, dass sie damals Luthers Vornamen gewählt haben?

MARTIN SCHWAB: Da bin ich mehr als dankbar; wenn man Protestant ist und nach Luther, einem Verändern-Wollenden, und nach dem Heiligen Martin benannt ist, dann ist das wunderschön.

Sie arbeiteten lange unter Claus Peymann in Stuttgart, Bochum und Wien. Wie haben Sie ihn erlebt?

SCHWAB: 1972 gab es ein neues Ensemble am Stuttgarter Schauspiel unter Generalintendant Hans Peter Doll, Oberspielleiter war damals Alfred Kirchner, übrigens ebenfalls ein gebürtiger Göppinger. Doch nachdem die Presse an den ersten zwei Jahren nichts gut sein ließ, kam Peymann, der die Leute mit einem Donnerschlag zurechtbog. So entstand das „Stuttgarter Wunder“. Später ging fast das ganze Ensemble nach Bochum, aber nach drei Jahren – da war ich dann acht Jahre mit Peymann zusammen und musste neue Luft atmen – ging ich nach Frankfurt. Er war mir da sehr böse.

Aber Sie spielten später wieder unter ihm …

SCHWAB: Ja, da war der Thomas Bernhard, der den „Theatermacher“ geschrieben hat. Und der sagte zu Peymann: „Bei der Rolle des Sohnes habe ich immer an den Martin Schwab gedacht, der muss das spielen.“  So arbeitete ich wieder mit Peymann zusammen – bei den Festspielen in Salzburg.  Dann war in Wien ein Kulturpolitiker, der meinte, Bernhard sei ein Fall für den Psychiater. Und so hat Peymann beschlossen, eben mit diesem Stück im Wiener Burgtheater seine Intendanz zu beginnen. Ich weiß noch genau: Der erste Satz war „Was, hier in dieser muffigen Atmosphäre . . .“

Und dort blieben Sie gleich?

SCHWAB: Nein, ich war noch ein Jahr in Frankfurt und als Gast in Wien, 1987 wurde ich dann Ensemblemitglied und bin es bis heute geblieben. Ich hab‘ es sogar zum Ehrenmitglied gebracht, eine Auszeichnung, die nur wenigen Schauspielern zuteil wird. Da bin ich sehr stolz darauf.

Sie hängen ja auch in Öl in der Ehrengalerie der Burg. Muss man sich da manchmal zwicken und fragen: „Bin das ich?“?

SCHWAB:  Da denken Sie gar nicht dran. Da fragt man sich eher: Warum hänge ich neben dem und nicht neben der? Als diese Ehrengalerie vor zehn Jahren eröffnet wurde, hat ein Kritiker zu meinem Bild, bei dem ich auf einer Leiter stehe, geschrieben: „Martin Schwab auf der Arbeitsleiter des Ruhms, der mit seiner schwäbischen Mentalität das Burgtheater-Deutsch salonfähig machte.“

Sie spielten unter weiteren großen Regisseuren, unter anderem Luc Bondy, Andrea Breth, Peter Zadek. Waren darunter auch verzichtbare Erfahrungen?

SCHWAB: Nein, es waren immer gute Erfahrungen. Und Franz-Josef Strauß hat ja einst gesagt: „Es ist mir wurscht, wer unter mir Bundeskanzler ist.“

War es also egal, unter welchem Regisseur Sie spielten?

SCHWAB: Nein, aber wichtig ist, dass man weiß, wer man ist, und nicht in Ehrfurcht erstarrt.

Was war für Sie als Schauspieler die aufregendste Zeit?

SCHWAB: Jede Zeit ist wichtig. Das Hier und Jetzt ist das Wichtige. Und wenn man Literatur und Dichtung ins Herz und in den Geist der Zuhörer weitergeben kann,  dann gibt es für mich nichts Schöneres und Sinnvolleres.

Auf welche Auszeichnung sind Sie am meisten stolz?

SCHWAB: Auf Preise angesprochen, hat ja Billy Wilder mal gesagt: „Ach, wissen Sie, mit den Preisen ist es wie mit Hämorrhoiden: Am Ende kriegt ihn jedes Arschloch.“ Aber ich hab‘ mich schon über Preise gefreut: etwa über die Kainz-Medaille, benannt nach dem tollen Schauspieler. Und die Ehrenmitgliedschaft im Burgtheater wird nur wenigen zuteil.

Jetzt zum Schwaben Schwab: Sie sind eigentlich gar kein Göppinger, sondern ein Uhinger – zumindest was Ihre Kindheit angeht . . .

SCHWAB: Meine Geburtsstadt ist Möckmühl, aber mein Vater, der dort Lehrer war, ist strafversetzt worden zu einem parteihörigeren Oberstudiendirektor nach Göppingen. Doch die Wohnung hatten wir in Uhingen auf dem Haldenberg.

Stimmt es, dass der langjährige Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt und Sie dicke Sandkastenfreunde waren?

SCHWAB: Und wie! Wir sind Freunde bis zum heutigen Tag. Wir waren Nachbarskinder und hatten eine schöne Kindheit direkt neben den Bauernwiesen, wo man Fußball und im Wald spielen konnte.

Haben Sie noch einen Bezug zur Stauferlandschaft?

SCHWAB: Ja, sicher. Die Stauferstadt ist und bleibt in meinem Herzen. Beim letzten Besuch war ich in der Berggaststätte Himmel & Erde auf dem Hohenstaufen, das war einzigartig. Ich kenne ja auch noch viele aus der Göppinger Zeit, etwa den Klaus Ege von Odeon, einen Mitschüler, oder den Fritze Weigle, der in Berlin wohnt und mit dem ich sehr eng befreundet bin, oder Horst Singer oder eben Alfred Kirchner.

Sie spielten ja Schülertheater in der legendären Dram-AG des Hohenstaufen-Gymnasiums. Hat Sie das geprägt?

SCHWAB: Zumindest habe ich dem Fräulein Dr. Strobelt vom Mädchengymnasium, die damals mit Dr. Rohrer zusammen die Dram-AG leitete, noch bevor es meine Eltern erfuhren, gesagt: Ich möchte Schauspieler werden! Ich bin sehr schamhaft, aber auf der Bühne nicht. Dort bin ich ja geschützt durch die Rolle und das Spielen.

Sie waren sieben Jahre am Staatstheater Stuttgart. Aktuell sinken dort in der zweiten Spielzeit der Ära Petras rapide die Besucherzahlen. Was ist in einer solchen Situation zu tun?

SCHWAB: Das ist sehr, sehr schwer zu sagen. Theaterkunst ist etwas Subjektives. Aber ich würde generell den Theatern raten – auch unserem, mit dem ich nicht immer zufrieden bin –, ja nicht Film und Fernsehen nachzueifern. Theater ist und bleibt ein eigenes Medium. Wir müssen wieder,  gerade in der heutigen Zeit, versuchen, Stille auf der Bühne zu erreichen, den Menschen Utopien für sich selbst, fürs Leben zu geben, mit Theater, wie es zum Beispiel Peter Brook mit dem „leeren Raum“ gemacht hat. Der Mensch muss im Mittelpunkt stehen. Und auf das Wort kommt es an.

Ist für einen, der die Kainz-Medaille und den Nestroy-Preis erhalten hat, eine Auszeichnung wie der Schickhardt-Preis überhaupt noch von Bedeutung?

SCHWAB: Ja, natürlich. Der Preis der Stadt Göppingen wächst aus dem Boden des großen Renaissance-Baumeisters Heinrich Schickhardt. Der Feuilletonist Heinrich Domes hat ihn erhalten, Fritz Weigle alias F.W. Bernstein, Klaus Heider und Klaus Ege – da kann ich mich ja nur dankbar einreihen.

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