Palast-Lichtspiele fallen in Trümmer

Für das „Zentrum Untere Marktstraße“ gleich beim Kreissparkassen-Turm weichen fünf alte Göppinger Häuser. Die Arbeiten laufen. Als erstes wird ein Gebäude abgebrochen, das in früheren Zeiten als Lokal und Kino beliebt war.

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  • Die Abbrucharbeiten fürs „Zentrum Untere Marktstraße“ haben begonnen. Fünf Häuser fallen, als erstes das ehemalige „Palast“-Kino mit Laden und Gaststätte. Der östliche Teil fehlt schon. 1/4
    Die Abbrucharbeiten fürs „Zentrum Untere Marktstraße“ haben begonnen. Fünf Häuser fallen, als erstes das ehemalige „Palast“-Kino mit Laden und Gaststätte. Der östliche Teil fehlt schon. Foto: 
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Es war der Film „Zwei Herzen im Dreivierteltakt“, mit dem die Göppinger „Palast-Lichtspiele“ im Jahr 1930 ihre Tonfilm-Premiere gaben. Damals entstand der Ruf des „Palast“ als einem der traditionsreichen Göppinger Kinos. Doch das Gebäude hatte auch zuvor schon eine wechselvolle Geschichte als eines der angesehenen Gasthäuser der Stadt.

Der Glanz ist längst verblasst. Natürlich ist auch die Tafel abmontiert, auf der dem Gebäude nach einer Renovierung Mitte der Neunzigerjahre bescheinigt wurde, eine vorbildliche Fassadengestaltung zu haben. Die Abrissbagger haben das Haus mit der Adresse Geislinger Straße 26 in die Zange genommen. In einigen Wochen wird von dem Gebäude nichts mehr zu sehen sein.

Die Göppinger Stadtchronisten haben den Standort an der Ecke zur Marktstraße als eine der ältesten Gasthof-Adressen ausgemacht. Im Jahr 1425 waren beim Wiederaufbau nach dem damaligen Stadtbrand sechs Herbergen erlaubt worden, darunter das Gasthaus „Sand“. Seinen Namen hatte es wohl wegen seiner Lage nahe der Fils und dem Mühlkanal, wo viel Sand und Geröll angeschwemmt wurde. Über Jahrhunderte waren die Herberge und die ganze Nachbarbebauung unter diesem Namen bekannt, wechselte einige Mal den Besitzer und wurde häufig umgebaut. Es gab Höhen und vor allem im 18. Jahrhundert auch einige Tiefschläge.

Die Geschichte des jetzt in Trümmer fallenden stattlichen Hauses an der Ecke begann dann um das Jahr 1830. Damals wurde der neue „Sand“ errichtet, ein zweieinhalbstockiges Wirtschafts- und Wohngebäude mit zweigeschossigem Anbau, wie der Göppinger Stadtarchivar Karl-Heinz Rueß berichtet. Mit dem „Sand“ hat sich in den Siebzigerjahren auch der damalige NWZ-Redakteur Hermann Rumpp ausführlich befasst. Eine Episode ist demnach aus dem Jahr 1844 überliefert. Rumpp schreibt: „Der Wirt Heinrich Köpff verwahrte sich öffentlich energisch gegen die ,ganz niederträchtige allgemeine Sage’, dass sein verstorbener Hausknecht der Totschläger des Andreas Geiger (vulgo Schlamper) gewesen sei und jetzt deshalb im Sand als Geist umher gehe. Er setzte elf Gulden Belohnung für die Nennung des Urhebers dieses Gerüchts aus.“

Das Revolutionsjahr 1848 bekam dem „Sand“ gar nicht. Das Haus brannte aus, wurde aber wieder hergerichtet. Von 1857 bis 1893 war es Posthalterei und wurde  vorübergehend unter dem Namen „Post“ geführt. Das Lokal und seine Säle waren Schauplatz vieler Festessen, Konzerte, Bälle und Tanzstunden. Unter anderem wurde im Nebenraum im Jahr 1901 die Sektion Hohenstaufen des Alpenvereins gegründet.

Im Jahr 1902 nahmen die Besitzer mehrere Anbauten vor: eine Werkstatt, ein flaches Eiskellergebäude, eine Autogarage und eine Gartenhalle. So hat es der Göppinger Stadtarchivar rekonstruiert. Im Jahr 1919 wurde das Haus vergrößert und erneut umgebaut als Gasthaus mit Konzertcafé sowie Lichtspieltheater: das „Schillerhaus“. Der Erfolg währte aber nur bis 1923. Danach war in dem Gebäude kurzzeitig die Korsettfabrik Karl Riese untergebracht. Im Jahr 1927 schließlich richtete die Kinobetreiber-Familie Huttenlocher in den ehemaligen Tanzsälen im Obergeschoss die „Palast-Lichtspiele“ mit 300 Sitzplätzen ein, als Göppingens zweites Kino nach dem „Ideal“ in der Lange Straße. Drei Jahre später liefen im „Palast“ erstmals Tonfilme. Tausende Göppinger kamen in der Glanzzeit des Zelluloid, als Göppingen bis zu zehn Kino-Standorte hatte

1951 wurde noch einmal kräftig investiert, im Jahr 1989 endete  aber die Tradition des Lichtspielhauses. Zumindest das Obergeschoss blieb aber zunächst eine Anlaufstelle für Göppinger Tanzfreunde. Nach einer Renovierung eröffnete Mitte der Neunzigerjahre ein Tanzcafé. Ein Teil des Erdgeschosses wurde weiterhin als Gaststätte geführt, konnte aber längst nicht mehr an den alten Ruf anknüpfen. Im Gegenteil. Der Niedergang schritt immer mehr fort. Der Glanz verblasste, das Schmuddel-Image gedieh.

Zusammen mit der Nachbarbebauung muss das Gebäude nun weichen für das Zentrum Untere Marktstraße (siehe Infokasten).

Start Die Abbrucharbeiten für das Zentrum Untere Marktstraße haben begonnen. Zunächst verschwindet das Gebäude der ehemaligen Palast-Lichtspiele und Gaststätte „Express“, dann das in der Marktstraße gelegene Nachbarhaus (zuletzt ­Bäckerei Kauderer), berichtet Friedrich Fauser von der Firma Fachpartner Gewerbeimmobilien. Schließlich weicht das ehemalige Spielwarengeschäft Elser (früher Kinderhaus Reik), zuletzt das Flachdachgebäude in der Gartenstraße (Tafelladen).

Interesse Die Biberschwanz-Dachziegel des „Palast“ seien vorab abgenommen worden und würden an anderer Stelle wieder Verwendung finden, berichtet Fauser. Interesse habe ein Privatmann auch am Schriftzug „Kinderhaus“ am  Nachbargebäude angemeldet.

Zeitplan Bis Ende November sollen die Abbrucharbeiten abgeschlossen sein, hofft Fauser. Am Donnerstag entscheidet der Gemeinderat über die Auslegung des Bebauungsplans. Anschließend könne der Bauantrag bei der Stadt eingereicht werden. Wann Start für den Neubau mit 17 Wohnungen und etwa 1600 Quadratmetern Einzelhandelsfläche sein wird, stehe noch nicht fest, sagt der Projektentwickler.

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