Oliver Hirschbiegel über Freigeister und Zivilcourage

Mit dem Psychothriller "Das Experiment" gab er 2001 sein viel beachtetes Kinodebüt. Für sein Hitler-Drama "Der Untergang" bekam er eine Nominierung für den Oscar. Jetzt setzt Regisseur Oliver Hirschbiegel dem Widerstandskämpfer Georg Elser ein filmisches Denkmal.

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  • Die Hauptdarsteller des Elser-Films Christian Friedel und Katharina Schüttler mit Regisseur Oliver Hirschbiegel (rechts) bei der Berlinale. Das rechte Bild zeigt ein Original-Porträt des Hitler-Attentäters. 2/3
    Die Hauptdarsteller des Elser-Films Christian Friedel und Katharina Schüttler mit Regisseur Oliver Hirschbiegel (rechts) bei der Berlinale. Das rechte Bild zeigt ein Original-Porträt des Hitler-Attentäters. Foto: 
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Herr Hirschbiegel, im Unterschied zu Stauffenberg oder den Geschwistern Scholl ist der Widerstandskämpfer Georg Elser und sein Attentat auf Hitler relativ unbekannt - woher kommt das?

OLIVER HIRSCHBIEGEL: Für mich war es immer ein Rätsel, weshalb Elser nicht die Anerkennung erfahren hat, die ihm gebührt. Es mag mit seiner sozialen Herkunft zu tun haben: Stauffenberg war Aristokrat und Offizier, die Scholls kommen aus Akademiker-Kreisen - solche Leute haben eine größere Lobby als ein einfacher Handwerker wie Elser. Dabei hatte er eine viel größere Weitsicht. 1944 braucht es nicht viel Fantasie, um den Wahnsinn des Nazi-Regimes zu erkennen, Elser hat das bereits 1938 erkannt und gehandelt - das ist schon visionär.

Es gibt bereits zwei Filme über Georg Elser, was unterscheidet Ihr Drama davon?

HIRSCHBIEGEL: Rainer Erlers Fernsehfilm "Der Attentäter" stammt aus den 60er Jahren, da wird Elser noch als tumber Eigenbrötler dargestellt. Und Brandauers Film folgt einer klassischen Ticking-clock-Dramaturgie à la Hollywood, was das Drehbuch unserer Autoren Fred und Léonie-Claire Breinersdorfer bewusst vermeidet. Die beiden haben nach jahrelangen Recherchen zudem ganz neue Erkenntnisse über Georg Elser gefunden, die vorher gar nicht bekannt waren.

Wie sehen diese neuen Erkenntnisse denn aus?

HIRSCHBIEGEL: Es gibt einen neuen Stand der historischen Forschung, die aus Vernehmungsprotokollen jener Zeit sowie den Aussagen von Angehörigen und Zeitzeugen ein ganz anderes Bild von Elser zeichnen als es bislang üblich war. Demnach war er eben nicht jener depressive, psychopathische Einzelgänger, der aus einer Wahnvorstellung heraus diese Bombe konstruierte. Er war ein Freigeist im besten Sinn, der an Individualität und Selbstbestimmung glaubte und einen starken inneren Drang verspürte, dass er etwas gegen dieses System unternehmen muss.

Elser plante den Anschlag mit enormer Präzision. Warum lässt er sich auf der Flucht mit seinen Plänen in der Tasche erwischen und damit als Täter identifizieren?

HIRSCHBIEGEL: Darüber lässt sich nur spekulieren, weil es keine Aussagen darüber gibt. Eine These wäre, dass Elser damit nach dem Attentat hätte beweisen können, der alleinige Urheber gewesen zu sein. Es könnte auch ganz banal die Hybris des perfekten Verbrechens sein, die an eine Flucht gar keine Gedanken mehr verschwendet.

Einiges in Ihrem Film erinnert mit dem ganzen Dorfleben an einen Heimatfilm - sehen Sie "Elser" in diesem Genre?

HIRSCHBIEGEL: Heimatfilm ist als Genre ja keineswegs zu verurteilen, ganz im Gegenteil: Die authentische Darstellung schafft Identität und besitzt damit eine ganz besondere Wirkung. Leider wird Heimat in seichten Seifenopern oft zur puren Kitsch-Kulisse degradiert und hat ihre poetische Kraft völlig verloren. Mir war es sehr wichtig zu zeigen, wie sich so eine kleine Dorfgesellschaft unter der Nazi-Herrschaft so dramatisch verwandelt hat. In der anonymen Stadt lässt es sich leicht als ein Außenseiter leben, auf dem Land hingegen endet das schnell ganz fatal.

Sie zeigen sehr drastisch den qualvollen Todeskampf eines Erhängten - warum blenden Sie hier nicht früher ab?

HIRSCHBIEGEL: Diese Szene steht exemplarisch für die Bestialität dieses Systems, das auf diese brutale Art und Weise Hunderttausende von Menschen getötet hat. Zudem scheint es mir notwendig, in Zeiten, in denen wieder zunehmend die Todesstrafe gefordert wird, einmal ganz drastisch zu zeigen, wie grausam und pervers es ist, wenn ein Mensch erhängt wird.

Mit welchen Gefühlen inszeniert man solche Szenen?

HIRSCHBIEGEL: So eine Sequenz geht allen Beteiligten sehr an die Nieren, auch wenn jeder weiß, dass alles nur gespielt ist. Auch beim Inszenieren der Folterszenen herrschte eine allgemeine Beklommenheit am Set, weil man einfach eine ganz furchtbare Situation herstellen muss. Meine persönliche schwierigste Szene war im "Untergang", als die Goebbels-Kinder von der eigenen Mutter umgebracht wurden - danach war mir wirklich zum Heulen.

Die reinen Verhörszenen fallen, auch ohne körperliche Gewalt, gleichfalls beklemmend aus. . .

HIRSCHBIEGEL: Um ein Klima der Ausweglosigkeit zu generieren, habe ich die Kamera während der Verhöre nicht bewegt: Es gibt keine Schwenks oder Kamerafahrten, die Einstellungen sind statisch, die Bilder wie eingemauert. Abgeschaut habe ich das bei Meistern wie Yasujiro Ozu und Akira Kurosawa, funktionieren konnte das aber natürlich nur, weil ich so exzellent Darsteller zur Verfügung hatte. Wenn sich die Kamera nicht rührt, dann muss die Inszenierung stark sein. Da gibt es kein Schummeln.

Bei Ihrem vorausgegangenen Film über Prinzessin "Diana" sagten Sie damals zunächst "Das interessiert mich nicht!". Was hat Ihre Meinung geändert?

HIRSCHBIEGEL: Prinzessin Diana hatte mich nie besonders interessiert, ich wusste auch nur wenig über sie. Aber mein Agent überredete mich, das Drehbuch zu lesen, weil es von dem exzellenten Autor Stephen Jeffreys stamme. Also las ich es und war nach zehn Seiten süchtig danach. Diese Liebesgeschichte, die mir völlig unbekannt war, hat mich begeistert.

Weshalb ist das öffentliche und mediale Interesse an Adelsgeschichten derart immens?

HIRSCHBIEGEL: In einer Zeit, die sehr flüchtig ist und vom Verfall vertrauter Werte bestimmt wird, scheint es eine immer größere Sehnsucht danach zu geben, Leitfiguren zu finden, auf die man sich verlassen kann. Da bietet sich dieses Konzept der Monarchie geradezu an, mit Menschen, die traditionell über allem stehen und damit für viele einen Vorbildcharakter haben.

Wie beim "Untergang" waren auch bei "Diana""die Erwartungen naturgemäß sehr groß. Wie lebt es sich damit als Filmemacher?

HIRSCHBIEGEL: An diesen Druck denkt man nicht. Man macht seine Hausaufgaben, bereitet das Projekt intensiv vor und versucht dann, wie bei jedem Film, ein möglichst gutes Ergebnis zu liefern. In diesem Fall bedeutete es, die Geschichte so authentisch und wahrhaftig wie möglich zu erzählen. Es geht nicht darum, es den Kritikern recht zu machen - man muss es sich selber recht machen.

Gab es offizielle royale Reaktionen?

HIRSCHBIEGEL: Nein, der Palast äußert sich zu solchen Dinge nie. Selbst zu "Die Queen" von Stephen Frears gab es damals keinerlei Kommentare, obwohl das eine sehr emotionale Sympathiewerbung gewesen ist. Erst drei Jahre später wurde Helen Mirren von der Queen einmal zum Tee eingeladen.

Wären Sie mit der Bezeichnung Märchen einverstanden?

HIRSCHBIEGEL: "Diana" ist eine wahre Geschichte, bei der man das Gefühl hat, einem Märchen beizuwohnen. Es handelt sich um eine ganz universale Liebesgeschichte mit einer Prinzessin, die sich in einen normalen Mann verliebt - eine griechische Tragödie wie von Sophokles.

Wie groß ist die Gefahr, dass man beim Porträt dieser Figur zu sehr Denkmalspflege betreibt und sie als Heilige darstellt?

HIRSCHBIEGEL: Denkmalspflege lässt sich verhindern, indem man ein selektives Bild dieser überhöhten Figur präsentiert, die durchaus auch Brüche und Irrationalitäten besitzt. Wobei es mir bei diesem Film keineswegs um ein kritisches Porträt dieser Frau gegangen ist. Für mich ist Diana eine absolut positiv besetzte Figur - ganz im Unterschied zu Hitler in "Der Untergang".

Was macht die enorme Popularität dieser Prinzessin aus?

HIRSCHBIEGEL: Diana besitzt das, was nur wenige Menschen haben: Eine Ausstrahlung, die sie zum echten Star werden lässt. Sie hat ein ganz natürliches Talent für den Umgang mit Öffentlichkeit und Medien. Von Diana wird man kaum ein schlechtes Foto finden. Auf der anderen Seite ist sie ihr Leben lang ganz unsicher. Auch durch diese Verletzlichkeit und Ehrlichkeit fühlten sich viele Menschen zu ihr hingezogen und haben sofort eine Verbindung zu ihr gespürt.

Die britische Presse hat den Film vernichtet - hatte Sie mit diesen Reaktionen gerechnet?

HIRSCHBIEGEL: Die Reaktion hat mich nicht überrascht, enttäuscht war ich allerdings, dass es nicht eine einzige Stimme gab, die das etwas ausgewogener betrachtet hat. Man hatte fast das Gefühl, als wären die ganzen Aussagen gleichgeschaltet. Unmittelbar nach der Premiere gab uns der "Evening Standard" noch viereinhalb Sterne. Beim Kinostart war es dann plötzlich nur noch ein Stern.

War das ein bisschen Déjà-vu wie die deutschen Reaktionen auf "Der Untergang"?

HIRSCHBIEGEL: Stimmt, beim "Untergang" kam uns ein Sturm medialer Entrüstung entgegen, lediglich der "Spiegel", die "FAZ" und lustigerweise die "Bild"-Zeitung waren uns letztlich positiv gesonnen. Ich habe nichts gegen negative Kritiken, wenn daraus eine Debatte über Pro und Contra entsteht, ist das spannend. Schlimm wird es nur, wenn alles plötzlich nur noch Contra bleibt - dann wird die Sache langweilig.

Zurück zu "Elser" - was lässt sich heute von ihm lernen?

HIRSCHBIEGEL: Zivilcourage. Wann kommt der Punkt, an dem man sagt: "Da mache ich nicht mehr mit, das kann ich mit meinem Gewissen nicht vereinbaren?". Ich muss da an Edward Snowden denken, der über Jahre hinweg gesehen hat, was da in einem demokratischen System passiert. Das hat er öffentlich gemacht, obwohl er wusste, dass sein bisheriges Leben damit vorbei sein würde. Er hat in Kauf genommen, fortan ständig auf der Flucht zu sein und in Todesangst leben zu müssen. Trotzdem hat er gesagt: "Das kann nicht sein!" Was diesen inneren Drang betrifft, ist Snowden dem Elser sehr verwandt.

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