Nur mit den Wiesensteigern

Er sieht in einem Baumwipfelpfad große Chancen, anerkennt aber auch die Einwände der Gegner. Über Tourismus-Potenziale befragte Redakteur Roderich Schmauz Tourismus-Professor Dr. Horst Blumenstock.

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Professor Dr. Horst Blumenstock ist von der Chance für den Tourismus im Landkreis überzeugt: "Dieser Baumwipfelpfad könnte ein echtes Highlight sein." Foto: Markus Sontheimer

Wie viel Prozent seines touristischen Potenzials nutzt der Landkreis Göppingen derzeit?

PROF. DR. HORST BLUMENSTOCK (überlegt): Ich schätze 40 bis 50 Prozent.

Könnte ein Baumwipfelpfad bei Wiesensteig dazu angetan sein, diesen Prozentsatz zu heben?

BLUMENSTOCK: Dieser Baumwipfelpfad könnte ein echtes Highlight sein. Von der touristischen Seite her betrachtet, ist es doch so: Man geht nicht in den Kreis Göppingen, man geht auch nicht auf die Schwäbische Alb, sondern gezielt zu einem Punkt, den man auf der Schwäbischen Alb persönlich interessant findet, man sucht sich in der Regel etwas aus. Ein Baumwipfelpfad könnte deutlich überregionales Interesse wecken. Ein Minibeispiel dazu: Ich habe auf den Landkreis Göppingen und auf touristische Aktivitäten bezogen in meinem kleinen Umfeld in Stuttgart, wo ich wohne, noch nie so viele Anfragen bekommen wie zum Baumwipfelpfad - in dem Sinn: Was macht ihr denn da in Göppingen, das ist ja spannend.

Welche Vorteile brächte ein Baumwipfelpfad?

BLUMENSTOCK: Ein Baumwipfelpfad würde eine relativ breite Zielgruppe vom Alter und den Interessen her ansprechen: einerseits Familien mit Kindern, Naturinteressierte insgesamt, auch ältere Jahrgänge. Die kommen dann nach Wiesensteig - und nun muss man entsprechende Angebote offerieren: Gastronomisch, mit einer Übernachtung, vielleicht mit einem Badbesuch, Kombiangebote. Da muss man sich etwas einfallen lassen. Es wird natürlich auch Gäste geben, die reisen an, laufen auf dem Baumwipfelpfad, essen noch dort auf der Anlage, nicht in Wiesensteig, und reisen wieder ab. Aber es wird eben auch andere Gruppen geben.

Die Gegner sagen: Ein Baumwipfelpfad bringt Verkehrschaos in Wiesensteig und Rummel dort, wo die Natur am schönsten und ruhigsten war.

BLUMENSTOCK: Wenn man Besucherzahlen von 200 000 bis 250 000, die in der Diskussion sind, nimmt, muss man sagen: Da wird es mehr Rummel geben. Das ist Tourismus. Es wäre unseriös zu behaupten, die da kommen, sind geräuschlos, machen keinen Lärm, keinen Dreck, kein Verkehrsaufkommen. Aber es geht um ein touristisches Angebot, ich will etwas verkaufen. Ich kann nachvollziehen, dass sich die Wiesensteiger darüber Gedanken machen. Für das Verkehrsaufkommen und die nötigen Parkplätze muss man eine Lösung finden. Ich fände es völlig falsch, das gegen die Wiesensteiger durchzusetzen, das geht nur mit ihnen.

Die Wiesensteiger machen sich nicht nur Gedanken, es gibt massiven Widerstand, viele Einwohner dokumentieren mit ihrer Unterschrift, dass sie einen Bürgerentscheid wollen. Erstaunt Sie diese heftige Reaktion?

BLUMENSTOCK: Wenn man Stuttgart 21-erfahren ist wie ich, dann erstaunt mich diese Reaktion nicht. Die Wiesensteiger haben alles Recht, diese Sache in Frage zu stellen. Ich sehe allerdings vor allem große Chancen - für den Tourismus im Landkreis insgesamt. Von einem Baumwipfelpfad partizipieren dann natürlich auch Leute, die nicht in Wiesensteig ansässig sind, die das Verkehrsaufkommen und andere negative Seiten nicht zu spüren bekommen.

Ist Tourismus noch mehrheitsfähig? Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass - so geht es halt nicht.

BLUMENSTOCK: Mein Eindruck ist, dass im Landkreis Göppingen Tourismus nicht in der Form angekommen ist wie im Schwarzwald oder im Allgäu. Tourismus ist bei uns von der Wertigkeit innerhalb der Bevölkerung eher nachgeordnet. Man ist gar nicht so unglücklich, wenn da nicht so viele kommen. Man sieht darin kein so großes wirtschaftliches Thema. Man könnte aber deutlich mehr daraus machen. Wir hätten genug Möglichkeiten, aber im Landkreis stehen viele dem nicht so aufgeschlossen gegenüber. Vielleicht müsste man mehr die Chancen thematisieren.

Sie, Herr Blumenstock, waren derjenige, der maßgeblich die Idee eines Gesundheitsparks auf den Weg gebracht hat, speziell zugeschnitten auf übergewichtige Personen. Beißt sich solch ein Konzept nicht mit einem Ansatz wie dem Baumwipfelpfad, wo es um Erlebnis und Abenteuer geht?

BLUMENSTOCK: Das ist eine andere Art des Tourismus. Aber das beißt sich überhaupt nicht. Im Gegenteil. Beides würde voneinander profitieren, weil der Bekanntheitsgrad steigt, gerade durch solch einen Leuchtturm. Dann kommt man hier her und sieht: Ach, da gibt es ja auch noch dieses und jenes.

Wenn Sie bestimmen könnten, welche Marke man für den Tourismus im Kreis Göppingen herausbilden soll, worauf würden Sie setzen? Auf Natur, oder auf Kultur? Auf Albtrauf oder auf die Staufer?

BLUMENSTOCK: Es fällt mir schwer, eines der beiden herauszugreifen. Es stimmt, dass Beliebigkeit keinen Markterfolg bringen wird. Man muss etwas Besonderes bieten - wie zum Beispiel einen Baumwipfelpfad. Die Staufer wären durchaus etwas Einmaliges. Natur und Kultur bekomme ich zwar vielerorts, darin ist Baden-Württemberg insgesamt aber sehr stark.

Welche Kunden würden Sie ansprechen, wenn Sie ein Tourismuskonzept für den Kreis machen würden: Senioren wegen der Bäder? Oder Familien? Junge Leute ja wohl weniger.

BLUMENSTOCK: Gerade ein Baumwipfelpfad würde jüngere Leute nicht kalt lassen. So ist es auch bereits beim Spaßbad Beuren. Wenn Sie Natur und Kultur nehmen, dann ist das eine best ager-Zielgruppe, die spazieren, Natur erleben, gut essen will, die auch das Geld dazu hat. Mich aber hier bitte nicht falsch verstehen: Man muss nicht reich sein, um auf der Schwäbischen Alb Urlaub zu machen.

Wie sieht das Einzugsgebiet aus? Das sind Kurzurlauber und Ausflügler aus dem Großraum Stuttgart?

BLUMENSTOCK: Die Region Stuttgart halte ich für eine sehr wichtige Zielgruppe. Viele werden Ein-TagesReisen machen. Wir sind bisher nicht richtig in der Lage, aus diesen Ein-Tages-Touristen wenigstens Kurzurlauber zu machen. Da fehlt es nicht am Willen der Touristen, sondern an unseren Angeboten. Da verkaufen wir uns außerdem schlecht, denn wir haben mehr als man im Stuttgarter Raum wahrnimmt.

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