Nur Gutes im Schilde geführt

|
Die ganze Vielfalt der heimischen Werbehistorie wird im "Storchen" liebevoll dargestellt und mit Informationen gespickt den Besuchern präsentiert.

Werbung ist immer auch Spiegel der Zeitgeschichte. Das macht die Ausstellung "Reklame - Wie früher Werbung gemacht wurde" im Museum "Storchen" in Göppingen deutlich. Sie zeigt an lokalen Beispielen die Entwicklung von Werbemitteln und Botschaften.

Von Margit Haas

Werbemarken, Postkarten, Zeitungsanzeigen, Emailleschilder - schon zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts begannen Unternehmen, für ihre Produkte mit ganz unterschiedlichen Mitteln zu werben. Werbung war notwendig geworden, als Güter nicht mehr handwerklich hergestellt, sondern industrielles Massenprodukt wurden, die Beziehung zwischen dem Produzenten und dem Konsumenten verloren gegangen war. Die eigene Marke musste also in Abgrenzung zur Konkurrenz platziert werden. Durch alle Branchen hindurch wurde Werbung gemacht - wie die vorerst letzte Ausstellung im Göppinger Stadtmuseum im "Storchen" unter dem Titel "Reklame - Wie früher Werbung gemacht wurde" umfangreich und mit viel Liebe zum Detail augenscheinlich macht.

Zu sehen sind in der Ausstellung ganz unterschiedlichen Werbemittel wie die Briefköpfe, die Ausdruck des Selbstverständnisses einer Firma waren. Waren es zunächst die Wappen der Familie, werden die Illustrationen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts immer aufwendiger und nehmen ein Drittel des Briefbogens ein - wie bei der Firma Straub & und Co., die nach eigenen Angaben pro Jahr "8 - 10 000 Eggen" produziert.

Geworben wurde auch in den Zeitungen, die sich dank der Einnahmen aus der Reklame positiv entwickelten. Auch die Stadt selbst warb für sich, sonnte sich dabei im Glanze des Sauerbrunnens und natürlich des Hohenstaufen. Apropos Staufer - die mussten auch für Bierwerbung herhalten - braute doch Göppingens letzte Brauerei das Staufenbräu. Kein Wunder also, dass sich Barbarossa vor dem Hintergrund des Hohenstaufen an einem frischen Bier labt.

Ein wichtiger Industriezweig war im neunzehnten und am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts die Textilverarbeitung. Die erste Korsett- und Miederfabrik gründete J.J. Unfried 1852. Danach folgten die Firmen Rosenthal, Fleischer & Co., Paul Mitter, Carl Freudenberger, Bergmann & Sohn, Schnabel und Blank. Göppingen entwickelte sich bereits in den 1880er Jahren zu einem Zentrum der Korsettherstellung in Deutschland. Allein die Firma Rosenthal, Fleischer & Cie. produzierte zu dieser Zeit über eine halbe Million Korsette im Jahr. Mode und Werbung stehen auch heute in einem besonders engen Verhältnis. Auf diesem Gebiet sind die Hersteller in besonderem Maße gezwungen, ihre Erzeugnisse aus der anonymen Gattung "Kleidung" oder "Unterwäsche" herauszuheben und unter einem einprägsamen und gut klingenden Namen bekannt zu machen. Der Name ist oft phantasiereich erfunden - wie "Prinzess" oder "Gala". Welche Assoziationen allerdings mit dem Modell "Marie Antoinette" verbunden werden sollten, bleibt das Geheimnis des Unternehmens. Auch die Textilproduzenten warben mit der "Correspondenzkarte", die es seit 1870 in Württemberg gab. Auch in diesem Bereich der Ausstellung erfährt der Besucher so ganz nebenbei Kulturgeschichtliches - etwa, dass bis 1905 auf der Rückseite der Postkarte nur die Adresse stehen durfte. Die Postkarte wurde rasch ein Massenmedium. Nicht nur Städte warben damit für sich, auch zahlreiche Gasthäuser und Unternehmen verschickten den preiswerten Werbeträger.

Nicht mehr wegzudenken aus dem Stadtbild waren die Litfaßsäulen des Buchdruckers Ernst Litfaß. Der geschäftstüchtige Berliner druckte nicht nur die Werbeplakate, sondern ließ sie auch noch gut sichtbar aushängen. Mit den Litfaßsäulen wurde dem wilden Plakatieren und dem Verschandeln von Hausfassaden entgegengewirkt. Welche Auswüchse da die Reklame nehmen konnte, zeigt ein Bild der ehemaligen Buck"schen Scheuer an der Bahnhofstraße, auf deren Fassade kein Zentimeter ohne Werbung blieb.

Ein besonders erfolgreiches Beispiel für die Bedeutung des Markennamens ist die Firma Gentner. Carl Gentner hatte wohl mehr als jeder andere Göppinger Fabrikant auf Reklame gesetzt und die Bedeutung des Markenartikels erkannt. Seiner Schuhputzcreme gab er den Kunstnamen Nigrin - abgeleitet aus dem Lateinischen bedeutet dies Schwärze. Optisch unterstützt wurde diese Bezeichnung ganz sinnfällig durch einen schwarzen Mann, den Schornsteinfeger. Dieser steht bekanntlich auch noch mit dem Glück im Bunde und strahlt damit nur Positives aus. Aber auch in der Konstante des Kaminkehrers drückt sich der Zeitgeist aus. In den 1920er Jahren wurde das Bild des rundlichen Schornsteinfegers modernisiert und durch eine abstrakte, flächige Darstellung in der Seitenansicht ersetzt worden.

In Göppingen wurde aber nicht nur geworben, hier wurden auch Werbemittel hergestellt. 1885 hatte Kommerzienrat Karl Bellino in Göppingen eine Werkstatt zur Herstellung emaillierter Haus- und Küchengeräte gegründet. In den 1920er Jahren gehörte die Fabrik in Deutschland zur Spitzengruppe der Qualitäts-Emaillierwerke. Ein kleiner Bereich im Firmensortiment waren die Emailschilder. Bellino fertigte in jeder gewünschten Farbe, Schriftart und Größe Tür- und Firmenschilder, Straßenschilder, Tür-, Schlüssel- und Hausnummern, Kastenschilder für Schubladen und auch bis zu 1,5 Meter hohe Emailbuchstaben für Luft und Reklameschilder. Seine Blütezeit erlebte das Emailschild zwischen den Weltkriegen. In der Nachkriegszeit wurde es nach und nach von Lichtreklame und Papierplakaten verdrängt. Im Zeitalter des schnellen Produktwechsels waren sie die billigeren Werbemittel.

Zu sehen sind in der Ausstellung in zahlreichen Vitrinen und Schaukästen nicht nur sehr viele der Produkte, für die geworben wurde. Gezeigt werden auch zwei Filme: Im Kino war für den Göppinger Sprudel und das Bekleidungshaus Zizmann geworben worden. Eine Modeschau aus dem Jahre 1950 belegt, dass ein Uniformrock durchaus zu einem schicken Mantel umgearbeitet werden konnte.

Der Gang durch die Ausstellung macht auch deutlich, wie stark Handel und Industrie dem Wandel unterliegen. Den Landmaschinenhersteller Speiser gibt es lange nicht mehr, ebenso die Brauerei, das Haus Guberan, die Stiefelfabrik Gaißer oder die "Staufenecker Rundschau". Und auch die Bandagenfabrik Paul Mitter stellt lange schon keine Geradehalter mehr her. Bestand hat dagegen der Göppinger Sprudel, für den auf Gläser und Flaschen, auf Menü-Karten und Kalendern oder einem Märklin-Waggon geworben wurde.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Eislinger Bluttat: Täter stach morgens zu

Das Verbrechen in der Eislinger Tiefgarage geschah am vergangenen Donnerstag gegen 7 Uhr. Der vermutete Tathergang hat sich bestätigt. weiter lesen