No druff: Prügel für Scharfmacher

Die mutigen Frauen von Altenstadt haben verhindert, dass am Ende des Zweiten Weltkriegs US-Truppen Altenstadt beschossen. Die Frauen entfernten eine Panzersperre - ein gefährliches Tauziehen

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Im Folgenden wieder im Wortlaut der minutiöse, plastische Bericht von Georg Maurer, der auf Augenzeugen zurückgeht und den der Autor vermutlich 1947, also in der unmittelbaren Nachkriegszeit, niedergeschrieben hat:

Etwa um 3 Uhr nachmittags wurden vermutlich von Leuten der Organisation Todt die Balken in die Panzersperre wieder eingelegt. Die Anna Burkhardt schildert, wie sie und die Hermine Schmid und deren Mutter Margarete Schmid sowie die Bäckerehefrau Anna Hagmaier über die ernste Lage und die Gefahr gesprochen haben, die sich aus der erneuten Schließung der Panzersperre für die Gebäude der Umgebung und für den ganzen Stadtteil Altenstadt ergeben hatte. Diese Frauen waren sich darin einig, dass etwas geschehen müsse und haben zwischen 5 und 6 Uhr nachmittags die Balken wieder entfernt. Die 40 bis 50 Zuschauer, die alle über die Schließung der Panzersperre laut schimpften, gaben durch beifällige Bemerkungen kund, dass sie mit dem Vorgehen der Frauen einverstanden waren. Sie blieben alle noch beieinander und besprachen die immer mehr sich zuspitzende Lage.

Etwa um ½8 Uhr abends erschien ein Führer der Organisation Todt in kurzer Lederhose mit Kittel und in der Hand eine Reitgerte mit 10 weiteren Leuten der Organisation Todt bei der Panzersperre. Alles vermutete, dass diese wieder die Panzersperre schließen wollten. Der Rentner Mössmer fragte diesen Führer, was er wolle, worauf dieser erwiderte: "Was haben Sie zum Fragen? Die Panzersperre muss geschlossen werden." Darauf packte der 67jährige Mössmer den 30jährigen OT-Führer hinten am Rockkragen und schüttelte ihn. Die dabeistehende Hermine Schmid, jetzige Schellhorn und Frau Katharina David von der Bergwerkssiedlung schlugen mit ihren Fäusten auf den Führer ein. Eine andere Frau entriss ihm die Reitgerte und verprügelte ihn damit. Aus der Volksmenge, es hatten sich inzwischen über 100 Personen angesammelt, erschollen laute Rufe: "No druff." Die mit ihrem Führer erschienenen Leute der Organisation Todt hatten inzwischen ihren Führer im Stich gelassen und Reißaus genommen.

An diesem Freitagabend etwa um ½10 Uhr versuchten eine Anzahl Frauen aus der Bruckwiesen-Siedlung und dem unteren Teil der Stuttgarter- und Felsstraße die Balken der seitlichen Widerlager zu entfernen, um auf diese Weise eine nochmalige Schließung der Panzersperre unmöglich zu machen. Es ist ihnen aber nur zum Teil gelungen, obwohl sie bis nachts ½1 Uhr arbeiteten.

Etwa um ½12 Uhr in der Freitagnacht übermittelte Volkssturm- Bataillons-Führer Ranz an den Abschnittsführer Maurer den Befehl des Kampfkommandanten, die Sperre sofort zu schließen, da es in 2 Stunden zu spät sein könne. Der Kampfkommandant machte Abschnittsführer Maurer für die Schließung verantwortlich und wollte bei Nichtausführung des Befehls eine Kompanie beauftragen, die Ordnung schaffen müsse. Unmittelbar darauf wurde dann Abschnittsführer Maurer vom Rathaus mitgeteilt, dass Reichsstatthalter Murr wegen der Entfernung der Sperre am Adler über Geislingen den Ausnahmezustand verhängt habe und dass jede Person erhängt werde, die versuche, Sperren zu entfernen.

Abschnittsführer Maurer wies auf die Gründe hin, die die Bevölkerung veranlasse, die Sperre zu entfernen (. . .) Er fügte noch bei, dass er die Gründe der Bevölkerung würdige. Er hielt eine Sperre, die nicht verteidigt werden kann, weil der Volkssturm keine Waffen besaß, für wertlos. Trotzdem wollte er, um dem gegebenen Befehl nachzukommen, den Versuch unternehmen, die Sperre zu schließen. Die angedrohten Maßnahmen gegen die Bevölkerung im Falle der Nichtschließung erschienen ihm folgenschwerer, als die geschlossene Sperre. Als erfahrener Soldat glaubte er nicht, dass eine unverteidigte Sperre eine militärische Aktion von Bedeutung auslösen würde und alarmierte den 3. Zug der 10. Kompanie, der nach Ausbesserung der Sperre diese in der Nacht von Freitag auf Samstag zwischen 1 und 3 Uhr wieder geschlossen hat.

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