Neue Horizonte für ein Industriedenkmal

Die Firma Boehringer hat einst den  Ruf der Stadt Göppingen als erste Adresse für den Maschinenbau mitbegründet. Doch auf dem Areal an der Stuttgarter Straße ist es längst ruhig geworden. Die Stadt setzt nun auf einen Neuanfang. Bald soll junges Gewerbe in alten Mauern blühen. Ein Rundgang.

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  • Uralte Pläne aus allen Epochen der Firmengeschichte lagern noch in den Werkshallen. 1/4
    Uralte Pläne aus allen Epochen der Firmengeschichte lagern noch in den Werkshallen. Foto: 
  • Warten auf den Neuanfang: Das Boehringer-Areal soll zum Gewerbepark werden. 2/4
    Warten auf den Neuanfang: Das Boehringer-Areal soll zum Gewerbepark werden. Foto: 
  • Steingewordene Boehringer-Historie mit dem Charme der Jahrhundertwende: An vielen Gebäudeteilen hat der Zahn der Zeit genagt. Nach der Sanierung sollen hier kreative Dienstleister einziehen. 3/4
    Steingewordene Boehringer-Historie mit dem Charme der Jahrhundertwende: An vielen Gebäudeteilen hat der Zahn der Zeit genagt. Nach der Sanierung sollen hier kreative Dienstleister einziehen. Foto: 
  • Im staubigen Pförtnerhäuschen an der Stuttgarter Straße scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. 4/4
    Im staubigen Pförtnerhäuschen an der Stuttgarter Straße scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Foto: 
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Fast scheint es, als habe der Pförtner eben erst abgesperrt: Im Empfangshäuschen an der Stuttgarter Straße steht noch der rote  Drehstuhl im 80er Design.  Jemand hat einen Karteikasten mit jahrzehntealten Aufträgen vergessen. Die große Uhr, die draußen im Hof hängt, zeigt kurz vor 12. Im Aufzugsturm bröckelt der Putz. In der ehemaligen Wohnung des Gießereileiters  liegt eine tote Ratte neben der Heizung. In der gähnend leeren ehemaligen Lehrwerkstatt hängt noch die alte Tafel.

Auch wenn das alles viel Patina hat. Das Boehringer-Areal ist  eines der bedeutendsten Industriedenkmäler der Stadt. Der gesamte vordere Teil entlang der Stuttgarter Straße soll saniert werden. Er steht als steinernes  Zeugnis der  örtlichen Industrie-Geschichte und Gewerbe-Architektur  unter Denkmalschutz.

Der Weltruf ist allerdings etwas verblasst. Vom Boehringer-Schriftzug am stolzen Aufzugsturm sind nur noch vage Umrisse zu erkennen. Tatsächlich sind große Teile des Areals in den vergangenen Jahrzehnten nach und nach in einen Dornröschenschlaf verfallen. Viele Besitzerwechsel,  Umstrukturierungen und mehrere Wellen von Personalabbau gingen darüber hinweg.  Das einst stolze Göppinger Traditionsunternehmen schrumpfte auf den winzigen Teil eines  internationalen Konzerns zusammen.

Dann hat die Stadt zugegriffen. Die Tochtergesellschaft  Businesspark Göppingen (BPG) hat 2015 das ganze Gelände gekauft. Nun soll es wiederbelebt werden. „Verbindung von Tradition und Innovation“ lautet  die Strategie. Martin Maier, Geschäftsführer der BPG gibt zu, dass das ein Spagat ist.  Denn auf dem Boehringer-Areal sind ganz verschiedene Baustrukturen miteinander verzahnt.  Neben denkmalgeschützten Backsteinbauten von 1908 steht der schick modernisierte Bürokomplex, der aussieht, als könne man ihn sofort vermieten, angestückelt an riesige Hallen unterschiedlichster Baujahre.

Kein leichtes Unterfangen, hier ein gutes Gesamtkonzept auf die Beine zu stellen, erklärt Baubürgermeister Helmut Renftle beim Rundgang. Dennoch geht die Stadt das Wagnis ein. Ansonsten hat die Kommune nicht mehr viele Flächen anzubieten – und nicht viele Industriedenkmäler. In den denkmalgeschützten Altbauten mit dem Charme roher Industriearchitektur könnten sich Ingenieurbüros, kreative Unternehmen, Mechatronik-Betriebe, High-Tech-Dienstleister oder technologieorientierte Unternehmen mit Bezug zur Hochschule ansiedeln, so die Vorstellungen.  Dazu könnten Architektur- und Ingenieurbüros kommen: „Industrie  4.0  funktioniert gut in historischer Umgebung“, sagt Martin Maier. „Auch die Kreativwirtschaft sucht doch eine solche Atmosphäre.“ Dazu soll Gastronomie kommen. Möglich wären auch  Freizeitangebote wie beispielsweise eine Kletterhalle.

Beispiel für eine kulturelle Nutzung könnte die 6000 Quadratmeter große ehemalige Gießereihalle sein, die zu den ältesten Teilen gehört. „Fast wie eine Kathedrale“, schwärmt Baubürgermeister Helmut Renftle und zeigt auf die gemauerten Fensterbögen und die kühne Dachkonstruktion. Im Obergeschoss wartet fast original erhaltene Ursprungsflächen darauf, dass jemand sie wachküsst.

Bis es so weit ist, muss aber ein Gesamtkonzept her.  Was nicht erwünscht ist: noch mehr große Einkaufstempel. Das Boehringer Areal soll ein Gewerbestandort bleiben: neuer Wuchs auf alten Wurzeln.  Klar ist für Maier und Renftle: Das geht nicht  von heute auf morgen. Einige Jahre will sich die Stadt  Zeit lassen.

Um freie Flächen für neue Produktionsbetriebe zu gewinnen, werden wohl einige weniger ansehnliche Hallen angebrochen werden, erklärt Maier. Entlang der Bahnlinie soll jedenfalls eine neue Straße die Zufahrt zu den dortigen Flächen ermöglichen. Je nach Nachfrage könnten dann neue Gewerbebauten, Freiflächen und Parkplätze hinzukommen. Derzeit ist in diesen jüngeren Teilen des Areals aber noch Betrieb: Die Firma MAG hat das Gesamtgelände zwar verkauft und sich weitgehend nach Eislingen zurückgezogen, dann aber Teile wieder angemietet – auf unbestimmte Zeit. So kommt es, dass hier tatsächlich noch Maschinen gebaut werden.

Wenn es nach der Stadt geht, brummt das Gebiet bald wieder richtig. Doch bis dahin wartet viel Arbeit. Durch manche Gebäude weht noch der Hauch einer Metaller-Hochburg. Hier arbeitete einst eine Belegschaft, die den Namen Göppingen mit ihren Maschinen in alle Welt transportierte. Mit ein bisschen Phantasie könnte man meinen, unter dem Stahlgerippe der Jahrhundertwende die Arbeiter in ihren Blaumännern wuseln zu sehen

 Knapp 2500 Menschen haben in den besten Zeiten in den Siebzigerjahren hier gearbeitet. „Damals  war Leben auf dem Gelände“, erinnert sich beispielsweise Hermann Grupp aus Nenningen, der 1949 als Lehrbub kam und 1992 als Meister in den Ruhestand ging. „Es war etwas Besonderes, als Lehrling beim Boehringer genommen worden zu sein“, sagt er. Morgens wälzte sich ein ganzer Strom von Arbeitern und Angestellten vom Bahnhof Richtung der Werkshallen. Man traf sich in der Kantine oder ging abends ein Bier zusammen trinken. Besonders der Zusammenhalt der einzelnen Montagegruppen war eng. Boehriger-Rentner wie Grupp können so manche Anekdote zum Besten geben. Sie erinnern sich an frühere Zeiten mit leicht patriarchalischen Chefs, die aber das Herz am rechten Fleck hatten. „Sie haben viel verlangt, waren aber kameradschaftlich, wenn es darauf an kam.“ Für viele Monteure und Vertriebler war der Boehringer auch das Tor zur Welt, denn mit den Maschinen wurden auch die Mitarbeiter in ferne Länder geschickt. Hermann Grupp kam mit Revolverdrehbänken und Kurbelwellenmaschinen viel herum.

Das schleichende Ausbluten des Boehringer-Areals hat viele Ehemalige geschmerzt. „Es war uns immer klar: Die Firma, die es einmal war, wird es nie wieder“, sagt Hermann Grupp. Er selber ist der Tradition sehr verbunden und macht bei den „Boehringer-Schraubern“ mit, die viele historische Maschinen gerettet haben, sie hegen und pflegen. Dass bald neue Nutzer auf dem Traditionsstandort einziehen sollen, findet er gut.

Neben dem verlassenen Pförtnerhaus mit dem roten Stuhl ist das Tor noch verrammelt. Irgendwann wird es sich öffnen.  Schon bald könnten die Göppinger das Gelände besichtigen, kündigt der Baubürgermeister  an. Den Namen Boehringer-Areal wird der Gewerbepark behalten. Und er ist künftig ein frei zugänglicher Teil der stolzen Maschinenbaustadt Göppingen.

Gebäude von uralt bis modern

Anfang Die ältesten Bauten des Boehringer-Areals sind 1908 errichtet worden: Dazu gehört die ehemalige Gussputzerei (Bild unten).

Mix Wesentliche Teile des zentral gelegenen Werks III stammen aus dem Baujahr 1912, wurden aber bis 1935 immer wieder ergänzt und erweitert. So kommt ein wahres Sammelsurium an Dachformen zustande.

Geschützt Das Verwaltungsgebäude, die Lehrwerkstatt und die Modellbau-Werkstatt mit ihren charakteristischen und einheitlichen Fassaden wurden in den Dreißigerjahren errichtet. Sie stehen unter Denkmalschutz.

Modern Jüngster Bau ist die sogenannte Composite-Halle ganz im Westen des Areals, die erst 2001 gebaut wurde.

Die Flächen:

Gesamtgröße: 48 000 Quadratmeter

davon:

Produktion/Lager 31 500 Quadratmeter

Büro/ Sozialflächen: 5300 Quadratmeter sonstige Flächen 1800 Quadratmeter

Die Geschichte:

Die Firma Boehringer war bei ihrer Gründung im Jahr 1844 zunächst eine Reparaturwerkstatt für Spinnerei- und Webmaschinen, produzierte später Dampfmaschinen. Nach dem Umzug von der Karlstraße an die Lorcherstraße spezialisierte man sich auf Hobelmaschinen und Drehbänke. Boehringer wurde auch bekannt als Geburtsstätte des Arbeitsfahrzeugs Unimog, das nach dem Krieg kurz an der Stuttgarter Straße gebaut wurde.

Der Niedergang: Im Jahr 1972 ging Boehringer eine Kooperation mit Oerlikon-Bührle in Zürich ein, die 1973 eine Mehrheit erwarben. 1981 wurde der Firmenname in Oerlikon-Boehringer geändert, ab 1987 firmierte sie wieder als Boehringer Werkzeugmaschinen GmbH. Seither gehörte Boehringer wie die Ex-Cell-O-Gruppe in Eislingen zur IWKA-Aktiengesellschaft, wurde 2006 von der US-Gruppe Maxcor gekauft und gehörte schließlich zum Konzern MAG/IAS.

Gebäude von uralt bis modern

Anfang Die ältesten Bauten des Boehringer-Areals sind 1908 errichtet worden: Dazu gehört die ehemalige Gussputzerei (Bild unten).

Mix Wesentliche Teile des zentral gelegenen Werks III stammen aus dem Baujahr 1912, wurden aber bis 1935 immer wieder ergänzt und erweitert. So kommt ein wahres Sammelsurium an Dachformen zustande.

Geschützt Das Verwaltungsgebäude, die Lehrwerkstatt und die Modellbau-Werkstatt mit ihren charakteristischen und einheitlichen Fassaden wurden in den Dreißigerjahren errichtet. Sie stehen unter Denkmalschutz.

Modern Jüngster Bau ist die sogenannte Composite-Halle ganz im Westen des Areals, die erst 2001 gebaut wurde.

Die Flächen:

Gesamtgröße: 48 000 Quadratmeter

davon:

Produktion/Lager 31 500 Quadratmeter

Büro/ Sozialflächen: 5300 Quadratmeter sonstige Flächen 1800 Quadratmeter

Die Geschichte:

Die Firma Boehringer war bei ihrer Gründung im Jahr 1844 zunächst eine Reparaturwerkstatt für Spinnerei- und Webmaschinen, produzierte später Dampfmaschinen. Nach dem Umzug von der Karlstraße an die Lorcherstraße spezialisierte man sich auf Hobelmaschinen und Drehbänke. Boehringer wurde auch bekannt als Geburtsstätte des Arbeitsfahrzeugs Unimog, das nach dem Krieg kurz an der Stuttgarter Straße gebaut wurde.

Der Niedergang: Im Jahr 1972 ging Boehringer eine Kooperation mit Oerlikon-Bührle in Zürich ein, die 1973 eine Mehrheit erwarben. 1981 wurde der Firmenname in Oerlikon-Boehringer geändert, ab 1987 firmierte sie wieder als Boehringer Werkzeugmaschinen GmbH. Seither gehörte Boehringer wie die Ex-Cell-O-Gruppe in Eislingen zur IWKA-Aktiengesellschaft, wurde 2006 von der US-Gruppe Maxcor gekauft und gehörte schließlich zum Konzern MAG/IAS.

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