Narren entern die Rathäuser

Den Rathauschefs blieb gestern nichts erspart. Ob sie ihr handwerkliches Können beweisen oder sich in den Babystrampler werfen mussten: Die Narren haben am "Gombiga Doschdig" die Macht übernommen.

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Um 11.11 Uhr stürmten die wilden Weiber der Nenninger Schneckahexa das Rathaus von Lauterstein. Draußen spielten laut und schräg die "Nenninger Schneckafiedler", und drinnen musste sich der Schultes ein neues Outfit überziehen. Aus Bürgermeister Michael Lenz wurde Baumeister Michel, denn für die Sanierungen von Weißensteiner Steige und Gemeindehalle ist nach Ansicht der Hexen ein kräftiger Bauarbeiter unabdingbar. "Schafft er das?", fragte die Hexenschar zweifelnd in die Runde. "Das schafft er", schallte es aus Zuschauerkehlen zurück. Doch beim Sägen fehlte Michel, dem Baumeister, etwas die Übung, die Mauersteine saßen auch nicht im Wasser. Aber als Graffitisprayer - die städtischen Einrichtungen müssen bunter werden - bewies Lenz jede Menge Kreativität. Zum Schluss machten ihn die wilden Weiber zu ihrem Hexenmeister. Siehe da, beim Tanz mit dem Besen gab Lenz eine gute Figur ab.

Getanzt wurde auch in Ottenbach: Der Tanz, der den Winter austreiben soll, gehört zur Kinderfasnet genauso, wie das Verbrennen der Strohpuppe und der Rathaussturm der Kromm-Hexa, die auch gestern Schultes Oliver Franz gehörig einheizten. Was aber nach der Machtübernahme der Hexen im Rathausfenster auftauchte, ähnelte dem Ottenbacher Bürgermeister nur wenig: Es zeigte sich ein Riesenbaby im Ganzkörperstrampelanzug mit Babymützchen auf dem Kopf. Das war auch schon der Aufhänger für die Fasnetsansprache, denn Franz ist sich sicher: Im Tal der Liebe ist in puncto Kinderbetreuung alles in Butter, die Erzieherinnen die besten, die es gibt. Ob Ganztagesbetreuung schon im Windelalter beginnen und bis zum Erwachsenenalter staatlich geregelt werden müsse, das bezweifelte er lautstark. Mit musikalischer Begleitung des Musikvereins schlängelte sich der bunte Fasnetslindwurm dann zur Gemeindehalle, wo fröhlich gefeiert wurde.

Kaum hatten in Eislingen die Brandstifterhexen das Rathausregiment übernommen, gings Oberbürgermeister Klaus Heininger an die Wäsche. Statt Anzug und Krawatte hat er ab sofort Hexenkluft zu tragen. "Hier herrscht Chaos", sagte die Oberhexe und zählte die Skandale auf. "Hat Eislingen keine Gärtner?", stellte sie die entscheidende Frage zur Kreiselkunst, die mittlerweile schon einem Tierpark gleichkomme. "Doch, aber seit hier Kunst steht, wächst nichts mehr", konterte der Schultes prompt. Beklagt wurden auch der mangelnde Bürgerbus und die Kindertafel, bei der nach Hexenwillen künftig der Rathauschef den Kochlöffel schwingen soll. Auch der Rathausneubau brennt den Hexen auf den Nägeln. Der Schultes meinte nur lapidar: "Des eilt net."

Beim Rathaussturm in Donzdorf brachten die Stäära-Gugga das Publikum in Stimmung. Roland Seehofer, Zunftmeister der Donzdorfer Hexen, zitierte Schultes Martin Stölzle vors Narrengericht in den Schlosshof. Fasnetsprinz Stoffi I. hatten die Hästräger gleich mit im Schlepptau, weil der ja in der fünften Jahreszeit der wahre Regent von Klein-Paris ist. In Ketten gelegt, mussten beide nun Rede und Antwort stehen. Den Hexen brannte so einiges auf der Seele. Mit der Einlösung der Strafe im letzten Jahr waren sie überhaupt nicht zufrieden. Beim Stadtfest vermissten sie das Sonnensegel, und außerdem wunderten sie sich über die Idee einer Traufbühne an der Maierhalde. Nur damit man das Filstal sieht? Und warum eigentlich ein Stauferwerk? "Damit Donzdorf hell leuchtet", konterte Prinz Stoffi, der dem Schultes verteidigend zur Seite stand.

In Süßen wurde, nach einem schaurig-schönen Hexentanz, Bürgermeister Marc Kersting vor das Gericht der "Bronnahexa" gestellt: "Bringt ihn her den armen Hund, jetzt treiben wir es mit ihm bunt." Zunächst aber wurde er zum König gekrönt: zu seiner Durchlaucht Marc Ké I. Ein roter Umhang, eine Klobürste als Zepter, ein Mostkrug als Reichsapfel und noch eine Krone, fertig war die neue Süßener Majestät. Doch das war noch nicht alles: "Du brauchst auch noch an deiner Seite, eine Prinzessin, und zwar ne gescheite." Die fand sich schnell: "Es ist die reizende Chantale, von ihrer Schönheit sprechen alle." Und so fehlte dem neuen Hofstaat nur noch ein passender Hofnarr. Zu dem hatten die Hexen Kämmerer Dieter Niethammer auserkoren, der eine Narrenkappe auf den Kopf bekam und alsbald daran ging, mit einem "Nietenhammer" fröhlich Süßener Gulden zu prägen. Damit hatte die Finanznot der Stadt ein Ende, die Gulden wurden freigiebig ans Volk verteilt, und unter dem Jubel der Massen drehte König Marc Ké I. in einer Sänfte drei Runden um den Marktbrunnen.

Da Bürgermeister Bernd Lutz erkrankt ist, mussten sich die Hexen in Salach an seinen Stellvertreter Dieter Merath halten. Der wehrte sich mit aller Macht, aber sie entrissen ihm den Rathausschlüssel und übernahmen das Regiment für die närrischen Tage. Fast wie im Dschungelcamp waren die Ekelprüfungen, denen sich Merath unterziehen musste: Stinkekäse essen, Würmer verspeisen und mit dem Mund aus grünem Wackelpudding einen Stern herausfischen. Schließlich musste er dann noch mehrmals mit einem Windrädchen in der Hand über die Bühne hüpfen. Er nahms mit Humor.

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