Nahrung für Leib und Seele

Noch bis 5. Februar kann in der Stadtkirche Göppingen Nahrung für Leib und Seele genossen werden. Die Vesperkirche verspricht Gemeinschaft, Kost und Gespräch. Das Angebot gilt nicht nur für Bedürftige.

|

Wer die Stadtkirche in Göppingen bis zum 5. Februar zwischen 11 Uhr und 14 Uhr betritt, wird schnell feststellen: Irgendetwas ist anders.

Hinter den regulären Bänken sind viele Tischreihen aufgestellt, schön dekoriert mit Blumen und Kerzen. In dem gemütlichen Ambiente herrscht schon kurz vor Mittag ein reges Treiben. Ehrenamtliche Helfer bringen Geschirr und Essensnachschub von A nach B, verkaufen Essensmärkchen für einen Mindestpreis von 1,50 Euro und unterhalten sich mit den Gästen. Die Gerichte sind auch etwas fürs Auge: liebevoll zubereitet und schön dekoriert. Auch die Dekoration auf den Tischen verrät einen Sinn fürs Detail. Die Gäste wissen sich gut versorgt und finden Gefallen an der Einrichtung. Die Anzahl an Besuchern steigt von Jahr zu Jahr.

"Die Kirche wird zu dieser Zeit wortwörtlich zum Gasthaus. Und das auch durchaus im übertragenen Sinne", schmunzelt der Pfarrer der Stadtkirchengemeinde Oberhofen, Andreas Weidle. Bedürftige fänden in der Vesperkirche nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern auch Gespräch und Gemeinschaft, erklärt der Pfarrer.

Reservierungen gibt es keine. Die Vesperkirche ist schließlich kein gewöhnliches Restaurant. Essen kann jedoch jeder dort. Und soll es auch. Die Tische und Stühle sind so aneinander gereiht, dass größere Gruppen sich trennen müssen. Oft sind nur noch ein bis zwei freie Plätze zu finden. "Dann muss man sich einfach dazu setzen und lernt so schnell neue Leute kennen", bemerkt eine Rentnerin, die mit ihrem Mann schon das dritte Mal in diesem Jahr zu Gast ist. "Erst wollte mein Mann gar nicht hier essen. Er meinte, er wolle den Armen ja nicht ihr Essen wegnehmen", erzählt die Frau. Das sollte sich ändern. "Schon als wir das erste Mal hier waren, war er so begeistert von den unterschiedlichen Leuten hier, dass wir beschlossen haben, öfters hierher zu kommen." Ihr Ehemann nickt zustimmend.

"Dieser Mischmasch an sozialen Schichten, den wir hier täglich versorgen, ist beeindruckend", schwärmt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Gudrun Kübler. Sie sitzt in den fünf Wochen, die die Vesperkirche geöffnet hat, täglich an der Kasse und kennt die meisten Gäste schon aus den Vorjahren. "Da sitzt manchmal der Großverdiener neben Bedürftigen, Rentner unterhalten sich freudig mit Kindern, und ab und zu schauen auch einige Konfirmanden oder Schülergruppen vorbei", berichtet Kübler. Sie selbst ist seit zehn Jahren mit Freude dabei. "Es ist eine sehr schöne Zeit. Wir sind wie eine große Familie."

Dass die Vesperkirche in Göppingen etwas ganz Besonderes ist, bestätigen auch viele Gäste. Ein Arzt im Ruhestand nennt die Vesperkirche eine Begegnungsstätte sozialer Schichten. "Durch den Geist der Vesperkirche wird die Integration sozial Schwächerer gefördert", erklärt er.

Edith Scholz ist seit 45 Jahren Witwe und findet die Organisation wunderbar. Für sie ist das Angebot nicht nur Hilfe gegen die Einsamkeit, sondern auch ein Genuss für den Gaumen. "Das Essen schmeckt einfach gut. Und es gibt jeden Tag etwas anderes. Wenn man als Alleinlebende sich etwas kocht, zehrt man davon meist noch Tage danach. Hier jedoch gibt es täglich Abwechslung", schwärmt die Rentnerin und man sieht ein Strahlen in ihren Augen. So geht es vielen Rentnern, die die Vesperkirche besuchen. "Armut bedeutet nicht immer Geldmangel, sondern einfach manchmal fehlende Gesellschaft. Und genau die kann ein gemeinsames Essen geben", erläutert Pfarrer Weidle.

Um 12 Uhr gibt es zudem täglich eine Andacht. "Mit der werden die Gäste teils ermutigt, teils zum Nachdenken angeregt oder es wird ihnen auch einfach Hoffnung vermittelt", erklärt der Pfarrer. Bei den Andachten bekommt er immer viel Rückmeldung, oft bedanken sich die Gäste offenherzig, manchmal äußern sie auch Kritik oder suchen die Diskussion. Oder stellen einfach nochmal Fragen zum Thema. Das gefällt Weidle sehr gut, denn so bekommt er auch direkte Rückmeldung von den Gästen.

Natürlich muss man auch bedenken, dass es bei der Vesperkirche viel zu organisieren gibt. Der finanzielle Aufwand ist entsprechend. So muss zusätzlich zu den Normalkosten der Mahlzeit von 3,20 Euro auch noch die Miete sowie Wasser bezahlt werden. "Das sind etwa fünf Euro pro Mahlzeit", sagt Gudrun Kübler. Die gesamte Vesperkirche ist ein Zuschussbetrieb und würde ohne die unzähligen Spenden nicht funktionieren. Durch die steigende Besucherzahl in den letzten Jahren wurde auch mehr Essen angefordert. Der Mindestbetrag für die Gäste ist dabei trotzdem bei 1,50 Euro geblieben, die Gesamtsumme der Ausgaben jedoch gestiegen.

Die Mühen der Ehrenamtlichen und Verantwortlichen, die sich um die Zufriedenheit der Gäste kümmern, zahlt sich dennoch auch ohne materiellen Wert aus. Die Herzlichkeit und Freude, die hier vermittelt wird, überbrückt die Grenze zwischen Arm und Reich.

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Neue Probleme dank Sperrung der B297 zwischen Göppingen und Rechberghausen

Seit Montag ist die B 297 zwischen Göppingen und Rechberghausen gesperrt. Schleichweg am Waldheim wird trotz roter Ampel immer wieder benutzt. weiter lesen