Nacht des zerbrochenen Glases

Anlässlich der Reichspogromnacht von 1938 versammelten sich Göppinger zu einer stillen Gedenkfeier. Hier wurde die Erinnerung mit Leben gefüllt.

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Arnold Kuppler (r.), Rafael Mizrahi und viele Besucher trafen sich am Mahnmal des Synagogenplatzes. Gemeinsam sangen sie das in allen drei Weltreligionen bekannte Totengebet  Foto: 

Das war die Nacht der erloschenen Kerzen. Die Nacht der verschlossenen Herzen.“ Dies ist ein Auszug aus dem Gedicht eines Schülers der Schiller Realschule. In der Burgstraße, wo einst die Göppinger Synagoge stand, abgefackelt durch SA-Verbände aus Göppingen und Geislingen im Beisein der SS, versammelten sich in Gedenken knapp 100 Leute.

Die Reichspogromnacht, das war die Mobilmachung des NS-Regimes mit dem Ziel, Menschen jüdischen Glaubens systematisch zu diskriminieren, zu verfolgen und letztendlich zu ermorden. Geschäfte jüdischer Bürger wurden geplündert und zerstört, während über 1400 Synagogen Verwüstung und Brandstiftung ausgesetzt waren. Auch in den darauffolgenden Tagen gab es zahlreiche Übergriffe, in einigen Städten Deutschlands sind Menschen aus ihren eigenen Wohnungen geworfen worden.

Den Beginn der Veranstaltung markierte um 18 Uhr ein Gottesdienst in der Friedenskirche. Schuldekanin Annette Leube mahnte in ihrer Predigt an, auch heute Zivilcourage und Einsatz gegen Fremden- und Religionsfeindlichkeit zu zeigen. Ihr Vortrag war geprägt von Demut und Nachdenklichkeit angesichts der Ereignisse, die mit der Pogromnacht ihren Anfang nahmen und mit dem Massenmord in den Konzentrationslagern endeten. „Also lasst uns nicht schlafen wie die anderen, sondern wach und nüchtern sein“, heiße es im Buch Thessalonicher.

Nach Abschluss des kirchlichen Teils ging ein Trauerzug mit Oberbürgermeister Guido Till mit Vertretern aus der Kirche an der Spitze in Richtung der Gedenkstätte. Jeder Kirchenbesucher erhielt ein „Licht der Hoffnung“, das mit hinaus getragen wurde.

Eine erhöhte Polizeipräsenz machte sich auf der Strecke von der Friedrichstraße über die Marktstraße in Richtung Burg­straße bemerkbar. Zuletzt war es im vergangenen Jahr zu Störungen rechter Gruppierungen gekommen. Um das zu vermeiden, wurde die Burgstraße ab der Kreuzung Marktstraße bis zur Schlossapotheke hin gesperrt.

Angekommen am Mahnmal hielten die Leute Kerzen und summten leise mit, während Rafael Mizrahi als Mitglied der jüdischen Religionsgemeinschaft Stuttgart und der ehemalige Jebenhäuser Pfarrer Arnold Kuppler das Totengebet erst auf Deutsch und dann auf Hebräisch vortrugen. Am Mahnmal wartete ein Bläserensemble der Jugendmusikschule, das mit getragenen Klängen die Veranstaltung umrahmte.

Danach hielt Guido Till eine Rede, die zu Toleranz aufrief. „Rassismus und Rechtsextremismus finden in unserer Stadt keinen Nährboden“, bemerkte Till auch mit einem Blick auf aktuelle politische Ereignisse. Nach diesen Worten trugen Schüler der Schiller-Realschule ihre Arbeiten und Gedanken vor. Menschen wurden in „Lagerhaft“ gebracht. Gerade die Erzählungen über Einzelschicksale Göppinger Juden machte die Umstehenden sprachlos. Weit über 100 000 jüdische Flüchtlinge mussten unter Lebensangst ihre Heimat verlassen.

„Es beunruhigt mich immer, wenn Menschen andere Menschen verachten“, bemerkte Arnold Kuppler nach dem Ende der Gedenkveranstaltung. Für den Pfarrer in Ruhestand steht fest: „Das Recht der Schwachen muss gestärkt werden.“

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