Mutter gegen Mutter

Gerechtigkeit und Mutterliebe stellte Bert Brecht in den Mittelpunkt seines Stückes "Der kaukasische Kreidekreis". In Göppingen fand die moderne Inszenierung viel Resonanz.

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Episches Theater mit dem Euro-Studio Landgraf gab es im Rahmen des Theaterprogramms der Stadt Göppingen. Das Gastspiel-Ensemble führte in der Stadthalle Bertolt Brechts Spätwerk "Der kaukasische Kreidekreis" auf. Foto: Staufenpress

"Wenn das Haus eines Großen brennt, werden oft die Kleinen erschlagen", erzählt der Sänger Arkadi. Wie in einem klassischen Singspiel führt er in die Geschichte ein und begleitet das Schauspiel als Erzähler. In der Stadt brennt es. Bei einem Staatsstreich wird der reiche Gouverneur Abaschwili geköpft. Seine Frau hat währenddessen andere Sorgen: Soll sie das blaue oder das weinrote Kleid mit auf die Flucht vor den Aufständischen nehmen. Über den Versuch, ihre Kleider zu retten, vergisst sie ihren Sohn Michel im brennenden Palast. Wie alle anderen Figuren, außer der Magd Grusche, dem Soldaten Simon, dem Sänger und dem Dorfschreiber und Richter Azdak, trägt sie eine verzerrte Maske. Nur seinen Hauptfiguren gibt Brecht in dem Stück ein Gesicht, Emotionen und eine Seele. Alle anderen werden durch ihre Masken zu gleichförmigen Wesen, die stereotype Rollen spielen: die grausamen und dummen Soldaten, die fromme, aber mitleidslose Schwägerin und der feige Bauer. Den Mut, sich gegen die Masse zu stellen, haben nur wenige. Dazu gehört die Küchenmagd Grusche Vachnadze - auch sie eine von Brechts starken Frauengestalten. Selbstlos rettet sie den kleinen Michel aus dem Palast. Sie flieht mit Michel über eine schwankende und morsche Brücke - fantastisch auf der offenen Bühne mit einer Brücke aus Stricken und Holzlatten dargestellt, während das flackernde Licht wie bei einem schweren Gewitter leuchtet. Dramatisch untermalt die Musikerin des Euro-Studios Landgraf die unheimliche Szene mit Akkordeonmusik.

Bewusst haben sich die beiden Regisseure Peter Bause und Dirk Schröder eng an Brechts Regievorgaben gehalten. Der Bühnenumbau, der nur aus zwei hölzernen Türmen und verschiedenen beweglichen Türen besteht, erfolgt vor den Augen der Zuschauer und trägt mit dazu bei, das Geschehen auf der Bühne von der Realität abzugrenzen. Immer wieder lässt Bertolt Brecht Musik in sein Theaterstück einfließen. Die meisten Textstellen trägt der Erzähler und Sänger als Lied vor. Auch die Schauspieler bilden immer wieder einen Chor. Zudem trägt die fantastische Akkordeonmusik zur Wirkung des Stückes bei.

Der kaukasische Kreidekreis gehört zu den Spätwerken des Dichters und Dramatikers, geschrieben in einer Zeit, als Brecht in den USA im Exil war. Das Stück zeigt, wie einfache Leute unter den politischen Intrigen und unter dem Machtstreben der Herrschenden leiden. Mit dem Richterspruch des schlauen Dorfschreibers Azdak, der eher durch Zufall zu seinem Amt als Richter kommt, greift Brecht den Richterspruch des König Salomon aus dem alten Testament auf. Die selbstsüchtige Mutter und die Ziehmutter streiten vor Gericht darum, wem das Kind gehört. Schließlich ordnet Richter Azdak an, das Kind in einen Kreidekreis zu stellen. Beide Frauen ziehen an einem Arm des Jungen und "die wahre Mutter wird die Kraft haben, das Kind zu sich zu ziehen", so der Richter. Während die Gattin des Gouverneurs mit allen Kräften an dem Kind zieht, lässt Grusche den Arm los, um den Jungen nicht zu verletzen. Für dieses selbstlose Verhalten bekommt sie Michel zugesprochen.

Das Publikum bedankte sich mit minutenlangem Applaus.

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