Mozart für heutige Ohren

Draußen zeitigte der Protest gegen die von einem Istanbuler Gericht gegen Fazil Say verhängte Strafe eine Unterschriftenaktion, drinnen in der Stadthalle jubelte das Publikum später dem Musiker begeistert zu.

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Mit dem Auftritt der Württembergischen Philharmonie Reutlingen, der sich der türkische Pianist und Komponist als Solist angeschlossen hatte, setzten die Städtische Konzertmiete und der Göppinger Kulturkreis ihre kleine Reihe mit Aus- und Seitenblicken auf die Welt orientalischer Musik fort, freilich ungleich authentischer als zuvor das Freiburger Barockorchester, das mit abendländischen Adaptionen türkischer Musizierweisen angereist war, und umfangreicher als der junge chinesische Pianist Yundi, der es bei einer heimatlich tönenden Zugabe belassen hatte.

Das klug gefügte Programm der Reutlinger eröffnete Alexander Borodins Tondichtung "Eine Steppenskizze aus Mittelasien", in welcher der hauptamtliche Chemieprofessor, der nur nebenbei komponierte, die Begegnung russischer mit "morgenländischer" Folklore in recht bildhafter, wenn auch konventioneller Weise ausstellt. Dieses "Einführungsstück" bot der von Norichika Iimori engagiert geleiteten Württembergischen Philharmonie Gelegenheiten genug, im Rahmen einer solide ausgeführten Darstellung ihre orchestralen Qualitäten aufzuzeigen: fülligen, dennoch durchsichtigen Klang, rhythmische Präzision und instrumentale Spielfreude - Vorzüge, die in Fazil Says das Konzert beschließender "Istanbul Symphony" sich zu großartigen Steigerungen und mitreißenden Effekten verdichteten.

In dem siebensätzigen, an die sieben Hügel Istanbuls anspielenden Werk bündelt der Komponist handwerklich souverän und überaus illustrativ in bald sensibler Farbgebung, bald in gewaltigen Klangexplosionen spätromantische mit moderner Musik, alte religiöse Gesänge mit jazzigen Elementen, Unterhaltendes und Nachdenkliches, all das zudem tönend angereichert durch traditionelle orientalische Instrumente wie Ney, einer Art Rohrflöte, gespielt von Burcu Karadag, oder Kanun (Zither), gemeistert von Hakan Güngör, oder durch ein reich bestücktes Schlagzeug (Aykut Köselerli), zu einem durch seine Vielgestaltigkeit faszinierenden, auch musikalische Kulissenschieberei à la Hollywood nicht verschmähenden Bild der Metropole am Bosporus.

Zwischen den beiden genannten Werken eingefügt war Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 467, das in der Darstellung von Fazil Say nicht nur seinen Platz zwischen all dem Weitläufigen und Kolossalen behauptete, sondern in seiner neugewonnenen Eigenart gar zum konzertanten Höhepunkt geriet. Say transferierte das Stück auf seine Art ins Heute: mit ungestümem, aggressivem Zugriff, der keine Rokoko-Tändelei zuließ, sondern klare, bisweilen harte Konturen und einen beinahe gewalttätigen Ausdruck zur Folge hatte, sich jedoch mit der selbstverständlich sich ereignenden spielerischen Brillanz zu einer bravourösen, die eigenen Kadenzen einschließenden Darstellung verband, deren Sogkraft sich das Publikum nicht zu entziehen vermochte.

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