Modellbahntreff: Fans lieben die Spur 1

Für Märklin-Fans ist es ein Event vom Feinsten: Einmal im Jahr wird die Wiese von Wilfried Gaugele zum Eisenbahnertreff. Dort versammeln sich Liebhaber der Spur 1 aus dem ganzen deutschsprachigen Raum - und große Modellbahnen ziehen ihre Kreise.

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Malerischer könnte die Kulisse kaum sein. Vor den sanften Ausläufern der Ostalb zieht das Krokodil seine Bahnen auf einem Oval mit 18 Metern Längsseite. In Tischhöhe ist es auf "Erdnägel" aufgepflanzt, die Wilfried Gaugele angefertigt hat. Als gelernter Kunstschmied war das für ihn ein Klacks. Die neue Umgehungsstraße von Donzdorf führt zwar in Sichtweite vorbei, ist aber so gut wie nicht zu hören. Nur das Rattern der stangengetriebenen Lok liegt in der Luft, an der sich Gerhard Strasser nicht sattsehen kann. "Das ist wie ein Augenbad", seufzt der 76-jährige behaglich. Er hat sie aus Salzburg mitgebracht, 350 Kilometer weit ist er angereist. "Läuft und läuft und läuft", kommentiert er den Auftritt des guten Stücks, das wie ein Uhrwerk seine Runden dreht.

Die Lok ist batteriebetrieben und am Vortag schon feste gelaufen. "Das dürften Lithium-Batterien sein", analysiert der technikbegeisterte Strasser. Er steht gern an der Strecke, um seine Loks zu führen, braucht jetzt aber nicht einzugreifen. Er gönnt sich eine ruhige Viertelstunde unter dem Sonnenschirm, um die Seele baumeln zu lassen.

In seinem Rücken läuft eine zweite Eisenbahn in einem Partyzelt. Sie zieht Kinder an. Denn hier gibt es Trafos, um die Züge zu steuern. Vorwärts, rückwärts, zwei oder drei gleichzeitig auf einer Anlage von 15 Metern Länge. Mit originalgetreuem Zuggeräusch.

Dieses Glück bescheren Wilfried und Roland Gaugele ihren Gästen einmal im Jahr. Wilfried Gaugele opfert dafür eine ganze Urlaubswoche. Denn er ist ein Perfektionist, verrät sein Bruder, "da muss die Platte auf den Millimeter sitzen." Roland Gaugele überlässt ihm das gern und baut dafür die Anlage im Freien auf - ohne Wasserwaage.

Das hat mal klein angefangen. Vor genau 24 Jahren sagten sich die Gaugeles: "Wir müssen was tun, viele haben Spur 1." Und so luden sie zu einem Treffen im Grünen, bei dem sie nur mal einen Ring Schienen um die Grillstelle legten. Im nächsten Jahr ließen sie die Züge durchs Gelände schlängeln, aber das war uneben, und so musste doch eine Platte her. Es wuchs sich aus, es kamen das Zelt und die Erdnägel.

Es gibt nur wenige solcher Treffs, Donzdorf spielt da in einer Liga mit München, und die Gaugeles haben einen großen Bekanntenkreis. Zu den Prominenten zählt Hagen von Ortloff, der Eisenbahnfilmer in Person, der auch gern nach Donzdorf kommt. Vor Jahren war Spiegel TV hier, erzählt Roland Gaugele. Er kennt die ganze Szene von seiner Laufbahn bei Märklin, die ihm den Ehrentitel "Papa Märklin" oder auch "Mister Märklin" einbrachte. Fritz Giemulla, Präsident der Nattheimer Modelleisenbahner, kann nur bestätigen, wie Gaugele die Fanclubs wertgeschätzt hat. Als sie mal vor seiner Tür standen und zunächst nicht vorgelassen wurden, habe er sich sofort Zeit für sie genommen.

Der Donzdorfer Treff hat noch eine Besonderheit: die Echtdampflokomotiven. Dafür sorgen Michael Ammersinn aus dem Remstal und Gerhard Strasser, der "Dampfkönig". Was das ist, wird schnell klar. Ammersinn betankt die fast 80 Zentimeter lange und vielleicht 10 Kilo schwere Lok mit Wasser und Spiritus. Dazu hat er Spritzen, Pipetten und Kanülen, mit denen er die Reste auch wieder einsaugen kann. Der Spiritus ist der Sprit, der in einem Kessel im Bauch der Maschine brennt. "Sie fährt mit Dampf wie das Original", erläutert Ammersinn. Mit Funksteuerung setzt er sie in Gang, die Dampflok zieht die 20 Kilo schweren Waggons. Rauchen tut sie auch. Das liegt am Heißdampföl, das Ammersinn zusätzlich in den Zylinder füllt. Wahrnehmbar auch: Eine feine Spirituswolke umgibt die Lok. Auf dem Kessel bilden sich Flecken.

Ammersinn ist dafür Märklin untreu geworden. Zwangsläufig, denn der Göppinger Weltmarktführer hat in dieser Nische nur ein paar Jahre mitgemischt, weiß Roland Gaugele. Warum das Episode blieb: "Märklin hat bis 1958 Modell-Dampfmaschinen produziert und musste sich fast 50 Jahre später das Know How erst wieder erarbeiten."

So kommt Ammersinn mit Echtdampf-Modellen aus Japan. Zum Beispiel mit einer amerikanischen "Shay"-Waldbahn-Lok, die Langholz-Waggons zieht. Oder mit einer Schnellzug-Dampflok.

Dampfkönig Strasser hat diesmal nur eine Lok mitgebracht. Eine kleine, die mit Gas beheizt wird. Er lässt sie wie ein übermütiger Junge über die Schienen flitzen. Er liebt diese Spielart, weil sie voller Technik steckt. Zuerst mal muss man die Lok zusammenbauen, weil sie normalerweise als Bausatz geliefert wird. "Das ist nicht ohne", sagt Strasser, von Haus aus Maschinenbauingenieur, "für ein Modell brauche ich vielleicht hundert Stunden." Dieter Bode ist scheinbar ein Außenseiter beim Treff. Er ist ein großer Bastler des Märklin-Metallbaukastens, damit hat er legendäre Ausstellungsstücke geschaffen. Etwa die Wuppertaler Schwebebahn auf siebeneinhalb Meter Länge und eine Werft mit der Bismarck, dreieinhalb Meter lang. Aber ein Modelleisenbahner ist er auch, sogar ein Urgestein der Selbstbauer. Aus Bauplänen der Reichsbahn hat er Dampfloks maßstabsgetreu konstruiert. Sogar in "Spur 2". Die hatten dann Räder groß wie Handteller. Spur 1 war seine Domäne, da gehörte er zur Arge Dortmund, und ein Meisterstück war sein Siemens-Trafozug "mit 14 Achsen, blattgefedert und mit Kugellager". Weil das Hobby teuer war, hat Bode "zehn Exemplare gebaut und sieben verkauft.

Vor zehn Jahren hat er damit aufgehört. Aber: "Wenns mich greift, dann gehts weiter", lächelt er.

Geschichten über die Eisenbahn, die kleine wie die große, sind zu hören. Hans-Peter Roth aus Kuchen gibt sich als einer zu erkennen, der die Gerstettener Museumsbahn für einen Tag zur original Schwäbschen Eisenbahn gemacht hat. Nämlich mit dem Geißbock, der am hinteren Wagen angebunden ist. Er organisierte die Geiß nebst Bauer in Älblertracht und brachte so den ganzen Bahnhof in Hochstimmung. Beim Donzdorfer Treff hat Roth auch mal seine Glaskastl-Lok mitgebracht, seine einzige in Spur 1. Giemullas Augen leuchten auf, wenn Roth davon erzählt. Das Glaskastl fuhr in seinem Gäu, von Gundelfingen nach Sontheim, über die Landesgrenze nach Bayern, und wurde auch "Geesmetzger" genannt, weil immer wieder Gänse unter die Räder kamen.

Ammersinn hatte schon eine Eisenbahn, als er noch gar nicht auf der Welt war. "Das war ein Geschenk vom damaligen Märklin-Chef", erzählt er. Der traf seine Mutter, die in der Spielwarenbranche arbeitete, auf der Nürnberger Messe, und schenkte ihr für den Erdenbürger in spe eine Anfangspackung von Märklin. Ein Zügle, Gleise und Trafo.

Noch heute hält der Remstäler das Geschenk in Ehren. Aber sein Sammlerherz schlägt für die große Spur 1, die bei ihm von Weihnachten bis Dreikönig durch die halbe Wohnung rollt - einschließlich der Küche, zum Leidwesen seiner Frau. "Vom Großvater bis zum Enkel liegen dann drei Generationen auf dem Boden", schmunzelt er.

Vom Krokodil, der Königin der Loks, kann "Dampfkönig" Strasser noch selbst erzählen. Die gehörte zu seiner Kindheit, er fuhr mit Krokodil-Zügen in die österreichischen Berge. Er hat noch den "Sound" des gerad verzahnten Getriebes im Ohr und das Bild der stangengetriebenen Räder vor Augen, die durch die Kurven stampften. Gern weist er darauf hin, dass das Krokodil ein "Denkmal des österreichischen Maschinenbaus" ist. Erfunden in Österreich, von den Schweizern zu einer Güterzuglok modifiziert.

Peter Roth hat das Krokodil auch live gesehen, als es zum Märklin-Jubiläum durchs Filstal rollte und in Amstetten aus der Steigung auftauchte, ein ungemein majestätischer Anblick. Eine Eisenbahnerfrau habe dies als "putzig" empfunden, sagt Roth.

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