Mittelalterliche Glocke für den Storchen

In genau zwei Wochen öffnet das frisch sanierte Göppinger Stadtmuseum im Storchen seine Pforte. Als eines der letzten und wertvollsten Exponate ist jetzt die mittelalterliche Glocke von Schloss Filseck zurückgekehrt. Hier ein Vorgeschmack darauf, was die Göppinger in ihrem restaurierten Schatzkästchen erwartet.

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Seit August 2012 ist das städtische Museum im Storchen brandschutz- und elektrotechnisch saniert worden. Architekt Dr. Hartmut Mayer vom Referat Hochbau hat es im Zusammenspiel mit Stadtarchivar und Museumsleiter Dr. Karl-Heinz Rueß geschafft, durch die klare optische Trennung von viel „Alt“ und zurückhaltend gestaltetem „Neu“ den Geist des alten Fachwerkhauses wieder aufleben zu lassen.

Kosten: Inklusive der neuen Ausstellungskonzeption wurden 2,24 Millionen Euro für das 1536 als Liebenstein’sches Stadtschloss errichtete Gebäude investiert, das nun bis ins erste Dachgeschoss barrierefrei erreichbar ist.

Umbau: Die historischen Fenster im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss erhielten im Innern Vorfenster; die gewählten filigranen Stahlfenster heben sich von der historischen Bauweise ab und setzen eigene Akzente, ohne den Charme des Hauses zu zerstören. Auch die alten Böden kommen wieder besser zur Geltung. Im ersten Obergeschoss wurden zudem die abgehängten Decken, die unmittelbar über den Fenstern angeordnet waren, entfernt, so dass jetzt die ursprünglichen Proportionen der Räume wieder stimmig sind.

Im Keller wurden massive Stützen für das Treppenhaus betoniert, das, getragen von einer Stahlkonstruktion, ebenso wie der Aufzug komplett verglast worden ist. Aus allen Stockwerken wird somit der Blick frei auf die anderen Geschosse.

Neu: Auch der älteste Teil des Museums, ein Wohn- oder Wehrturm der ehemaligen Stadtbefestigung aus der Zeit vor 1535 mit Gewölbecharakter und Terracotta-Boden, ist nun für Ausstellungszwecke zugänglich.

Konzeption: Insgesamt stehen 550 Quadratmeter Ausstellungsfläche zur Verfügung. Im Erdgeschoss finden sich erste Siedlungsspuren. Auch das Thema Mittelalter wird thematisiert. Das erste 1. OG bleibt dagegen Sonderausstellungen vorbehalten. Im 2. OG werden Spuren ab 1750 bis zur Gegenwart gelegt, zum Beispiel mit einer Wand, an der Produkte Göppinger Firmen wie Nigrin und Bellino präsentiert werden. Im 3. OG stehen prägende Personen wie Märklin und ihre Ideen im Fokus. In einer historischen Küche wird anschaulich gemacht, wie und vor allem mit welchen Lebensmitteln früher gekocht wurde. Und im 4. OG, direkt unterm Dach, wird Spielzeug aus Göppingen vorgestellt. Auf allen Ebenen sind außerdem Kinderstationen eingerichtet, in denen Themen greifbar gemacht werden sollen.

Endspurt: Die Exponate sind inzwischen im Haus, in den nächsten zwei Wochen werden Vitrinen und Medientechnik installiert, Exponate platziert und LED-Leuchten an Schienen angebracht. „Jetzt muss sich alles zusammenfügen“, sagt Karl-Heinz Rueß, der optimistisch ist, dass bis zur Eröffnung alles fertig ist.

Wo wird die Filseck-Glocke künftig stehen?

Die Glocke bekommt einen Ehrenplatz im 3. Obergeschoss inmitten eines Raumes, der ausgewählte Exponate zu „gelebtem Glauben“ zeigt. Zu sehen sind dort unter anderem Skulpturen und Gemälde religiösen Inhalts von bekannten Künstlern wie Johann Baptist Straub und Jakob Grünenwald (Letzterer ist eher für seine Genremalerei bekannt). Präsentiert werden aber auch eine gotische Madonnenfigur (siehe Bild Mitte rechts), eine private Schenkung, sowie der „wunderbare Ofen“ (Karl-Heinz Rueß) von Schloss Ramsberg mit seinen religiösen Botschaften und Figuren im Halbrelief.

Wie kam die Glocke nach Göppingen?

Ursprünglich hing die oben abgebildete Bronzeglocke auf Schloss Filseck, doch Schlossbesitzerin Freifrau von Podewils verkaufte das gute Stück in den 1960er Jahren. Durch Zufall entdeckte Jürgen Kettenmann sie 1970 bei einem Weilheimer Antiquitätenhändler wieder. Zwei Tage später wäre sie bei einer Kunstauktion in München gelandet und fürs städtische Archiv, dessen Mitarbeiter Kettenmann war, verloren gewesen. Kettenmann erzählte Stadtarchivar Manfred Akermann von dem Fund, und kurz darauf wanderte die Glocke für 6000 Mark in den Storchen.

Wie alt ist die Glocke?

1486 (die „4“ wird als „halbe 8“ dargestellt) steht in gotischer Schrift auf der Glocke. Sie ist also älter als das heutige Schloss Filseck (1597/98) und wurde wohl für die Vorgängerburg gegossen.

Wo war die Glocke während der Sanierung?

Vier Mitarbeiter mussten Hand anlegen, um die zentnerschwere Last vor der Sanierung des Storchen 2012 durchs Treppenhaus nach unten zu tragen. Als die Glocke jetzt vom Außenmagazin zurück ins frisch sanierte Museum kam, transportierte einer allein: Gerd Wengenmayr von der Firma Geramo (im oberen Bild: links, mit Museumsleiter Dr. Karl-Heinz Rueß) beförderte die Glocke an ihren Bestimmungsort. Möglich machte dies der neue Aufzug (großes Bild links), der nun von dort, wo früher die Kasse stand, bis ins erste Dachgeschoss fährt. Der Clou: Die Treppenanlage wurde durch ein Sicherheitstreppenhaus aus Stahl ersetzt, das bei einem Brand dank Überdruck rauchfrei ist und so auch als Fluchtweg nutzbar bleibt. Bei einem separaten Fluchtweg hätte der Storchen viel Fläche verloren, die jetzt den Ausstellungen zugute kommt.
 


Info: Am Freitag, 19. Juni, ab 18 Uhr wird das Stadtmuseum feierlich wiedereröffnet.

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