Mein Gott, die Sardinen

Das Publikum lacht sich kaputt: Michael Frayns Komödie "Der nackte Wahnsinn" zeigt, wie eine klamottige Tourneetheater-Truppe ein Stück massakriert. Dem Ulmer Ensemble gelingt ein großer Spaß.

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Seitensprünge, Lügen und andere Wahrheiten. Stress in der Wäschekammer, die berühmte Leiche im Keller und noch mehr Peinlichkeiten. Falsche Fuffziger und blonde Biester. Und am Ende steht meistens der Hausherr mit heruntergelassener Hose da. Das ist Boulevardtheater. Dem Bürger bricht die Fassade weg - und wir lachen herzhaft darüber.

Da zeigt nun also eine Tourneetheater-Truppe ein solches Stück: "Nackte Tatsachen" heißt es. Das Übliche: Ehebruch, Steuerflucht, lauter komische Situationen, weil sich in einem Landhaus mit mindesten acht Türen Leute begegnen, die sich nicht begegnen dürfen. Und weil die real existierenden Ulmer Schauspieler dem Affen mächtig Zucker geben, freut sich das echte Publikum im Großen Haus allein schon an dieser Unterhaltung.

Aber Michael Frayns grandiose Komödie "Der nackte Wahnsinn" bietet ja viel mehr, nämlich Theater übers Theater. Im ersten Akt sieht der Zuschauer einer Schauspieltruppe zu, wie sie das Stück im Stück auf der Generalprobe nur mit größter Mühe ins Ziel bringt - vieles geht schief, weil zum Beispiel Dotty Otley, die alternde Diva in der Rolle der Haushälterin Mrs. Clackett, die Requisiten ständig verschusselt, vor allem den Teller Sardinen.

Im zweiten Akt verfolgen wir das Geschehen mit dem Blick auf die Hinterbühne: Es läuft eine nachmittägliche Seniorenvorstellung in der Provinz ab; pures Chaos vor und hinter den Kulissen, nicht zuletzt, weil das Ensemble von eigenen Beziehungskisten abgelenkt ist. Slapstick, Klamauk, Running Gags.

Dann bricht im dritten Akt der "nackte Wahnsinn" vollends aus. Jetzt sehen wir die Bühne des Stücks im Stück wieder von vorn, sind Zuschauer im doppelten Sinn und erleben die x-te Vorstellung dieses Ensembles, das nun final das Stück und sich selbst zerlegt. Schreiend komisch.

Ein Selbstläufer ist Frayns Stück deshalb noch lange nicht. Diese Komödie muss perfekt durchchoreografiert sein. Regisseur Philipp Jescheck und seinem Ensemble ist am Theater Ulm eine flotte, wirkungsvolle, höchst belachte Inszenierung gelungen.

Ein paar Einwände: Vielleicht könnte der erste Akt etwas ernsthafter sein, damit der Irrsinn später noch gewaltiger zündet. Vielleicht sollten die Figuren der Schauspieler ein etwas deutlicheres Profil besitzen, die Liebschaftsverhältnisse klarer herausgearbeitet sein, sodass die Doppelbödigkeit des Spiels an Potenzial gewinnt. Und schade, dass im zweiten Akt die Dialoge hinter der Szene akustisch schwer verständlich sind - aber was da auf der Hinterbühne pantomimisch passiert, das ist turbulent. Jescheck hat den "nackten Wahnsinn" bestens entwickelt. Und seine Akteure, angeführt von Ulla Willick als die versoffen knarzende, sardinen-vergessliche Altmeisterin Dotty, geben alles.

Info Nächste Aufführungen: 17., 19. und 25. Dezember. Auch die Laienschauspieler des Theaters Arche haben "Der nackte Wahnsinn" auf ihrem Spielplan (wir haben berichtet). Sie führen das Stück nochmal am 30. Januar in Amstetten auf.

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