Mehr als Reden und Häppchen

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Städtepartnerschaften - da bekommen manche Mitbürger glänzende Augen, andere winken gelangweilt ab. Vor allem die deutsch-französischen Begegnungen kommen vielen im Zeichen der europäischen Integration überholt vor. Sind sie das wirklich?

Von Ingrid Zeeb

Je mehr Angela Merkel und Nicolas Sarkozy sich öffentlich busseln, desto mehr schwindet das Interesse der beiden Völker aneinander, scheint es. Die deutsch-französische Freundschaft ist zwar die Keimzelle der europäischen Integration, aber vielen kommt die deutsch-französische Verbindung inzwischen alltäglich vor, und man streckt lieber die Fühler nach Osteuropa oder China aus. Das ist ein Anlass, einmal eine Lanze für lebendige Städtepartnerschaften zu brechen. "Was bringt das eigentlich? Zweimal im Jahr treffen sich ein paar Honoratioren und Studienräte, lesen sich langweilige Reden vor und plündern anschließend das Büffet", solche ketzerischen Reden kennt wohl jeder. Meist stammen sie allerdings von Leuten, die sich selbst noch nie an einem Austausch beteiligt haben.

Interessant ist, einmal zu betrachten, welche Größenordnung diese kommunalen Verbindungen haben. Insgesamt 6277 Partnerschaften pflegen deutsche Kommunen nach den aktuellen Zahlen des europäische Kommunalverbandes "Council of European Municipalities and Regions" (CEMR, auf deutsch: Rat der Europäischen Kommunen und Regionen). Davon entfallen 2200 auf Partnerschaften mit Frankreich. Auch wenn tatsächlich immer nur eine Minderheit aktiv ist und - den Sprachbarrieren zum Trotz - ins Ausland reist oder selbst Gäste beherbergt - sind das über die Jahre ganz schön viele Deutsche, die auf diese Weise mit ihren Nachbarvölkern in Kontakt gekommen sind.

Ein Beispiel ist die Verbindung zwischen Eislingen und Oyonnax, die kürzlich ihr zehnjähriges Bestehen gefeiert hat. Eine 70-köpfige Delegation aus Eislingen reiste in die Stadt im französischen Jura. In herzlicher Atmosphäre beschwor man die Freundschaft, erneuerte den Partnerschaftsbund noch einmal, und man sang und tafelte gemeinsam. Im Lauf der Zeit sind Freundschaften entstanden, etwa zwischen Sängern von "Salto vocale" und dem französischen Chor "Chansons à voir". Besonders wertvoll ist die private Unterbringung der Gäste, seien es nun Schüler, Vereinsmitglieder oder Kommunalpolitiker. Kein Hotelaufenthalt der Welt kann diese Nähe zum Alltag vermitteln, das informelle Plaudern mit seinen Gastgebern beim Frühstück oder abends beim Wein, zur Not mit Hilfe von Händen und Wörterbuch.

Und doch gibt es Unterschiede in der deutsch-französischen Betrachtungsweise. Auffällig beim Festakt in Oyonnax waren die unterschiedlichen Reden der Stadtoberhäupter. Bürgermeister Klaus Heininger beschwor die heute engen deutsch-französischen Beziehungen und sagte: "Unsere Partnerschaft ist kein Relikt aus der Vergangenheit, sondern vielmehr ein Zeichen für die Zukunft."

Michel Perraud, Stadtoberhaupt von Oyonnax, hingegen schlug einen großen historischen Bogen. Er zitierte Charles de Gaulle, der gemeinsam mit Konrad Adenauer "nach einer so langen und blutigen Geschichte von Kriegen" nun ein neues Kapitel zwischen den Nachbarländern aufschlagen und damit die Tür zu einer neuen europäischen Zukunft aufstoßen wollte, als sie im Jahr 1963 den deutsch-französischen Freundschaftsvertrag unterzeichneten. Perraud erzählte, wie sehr ihn 1984 das Bild angerührt habe, als Präsident Mittérrand und Bundeskanzler Helmut Kohl sich über den Gräbern von Verdun symbolträchtig an den Händen hielten.

Auch wenn wir uns aus deutscher Sicht nicht gern mit der Vergangenheit aufhalten, müssen wir doch feststellen, dass das Geschichtsbewusstsein andernorts durchaus lebendiger ist als bei uns. "Diese Partnerschaft einzufädeln war am Anfang gar nicht so einfach", verrät Eberhard Weiler, der Partnerschaftsbeauftragte der Stadt Eislingen. Der französische Jura war im Zweiten Weltkrieg eine Hochburg des Widerstands gegen die Besatzer aus Nazideutschland. Es gab in Teilen der Bevölkerung zunächst große Vorbehalte gegen eine Partnerschaft mit einer deutschen Stadt. Weiler berichtet von fast schon "konspirativen Treffen", in denen die Eislinger und ihre Beweggründe genauestens unter die Lupe genommen wurden. Umso höher schätzt man es im Eislinger Rathaus, dass diese Partnerschaft zustande kam, und dass sie im Laufe dieses Jahrzehnts viele Menschen in Freundschaft zusammengebracht hat, deren Vorfahren einst Todfeinde waren. Und wer die Herzlichkeit der französischen Gastgeber erlebt hat, der stellt den Wert von Städtepartnerschaften schon gar nicht in Frage.

Im deutsch-französischen Verhältnis mag der Elan nachgelassen haben. Andererseits haben gerade die vielen Schüleraustausche und Vereinspartnerschaften dazu beigetragen, dass sich viele Bürger selbst ein Bild vom Nachbarn machen und Vorurteile überwinden konnten - abseits der allgegenwärtigen Medienpräsenz der deutsch-französischen Allianz. Man glaubt, den Nachbarn gut zu kennen und kennt ihn doch nicht.

Unterdessen richtet man den Blick stärker nach Osten, wo sich eine neue Dynamik entwickelt, wie die unlängst von Heiningen geschlossene Dreierpartnerschaft mit Gemeinden in Kroatien, Slowenien und Ungarn beweist. Dieser dank eines EU-Förderprogramms ange-

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