Lola kommt groß in Fahrt

Anders als in Manns Roman und nahe an der Sternberg- Verfilmung endet Turrinis Theater-Inszenierung "Der blaue Engel" dramatisch. Das vielgepriesene Stück kam auch beim Göppinger Publikum gut an.

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Eine einfache Sache ist es nicht, eine sich so komplex entwickelnde Geschichte wie die des Schulprofessors und egozentrischen Machtmenschen Immanuel Rath hin zum Gedemütigten linear nachvollziehbar fürs Theater aufzubereiten. Heinrich Mann war es zwar nicht leichter, aber eben doch in epischer Breite eher möglich gewesen, in die Charaktertiefe seiner Romanfigur "Professor Unrat" einzutauchen. Und auch im weltweit erfolgreichen Sternberg-Film "Der blaue Engel" waren andere Stilmittel möglich. Theatermann Peter Turrini aber ist diese Unterfangen in seinem gleichnamigen Bühnenstück, das am Sonntag unter der Regie von Frank Matthus in der gut besuchten Göppinger Stadthalle aufgeführt wurde, überzeugend gelungen.

Gradlinig, kurzweilig, emotional nachvollziehbar und mit einem dramatischen Finale versehen war Turrinis Stück. Dies wiederum endet anders als im Roman und nahe am Filmschluss. Hatte schon Heinrich Mann keinen Ort der Handlung erwähnt, lediglich mutmaßen lassen, verhält sich Turrini ähnlich. Gelegentlich lässt er das Schaustellerehepaar Kiepert (Peter Schmidt-Pavloff und Judith Steinhäuser) volksnahe und authentisch frei nach Berliner Schnauze agieren. Beide glänzen in ihren Rollen. Er als der ausgebuffte Geschäftstüchtige und sie (einfach köstlich) als naive und doch herzhafte (Puff-)Mutter, unter deren Obhut Rosa Fröhlich, genannt Lola Lola (Stefanie Mendoni), Männern den Kopf verdreht.

Seinen Schülern Lohmann (Hans Machowiak) und von Ertzum (Roland Schreglmann) auf der Spur, landet Professor Unrat (Gerd Silberbauer) zuerst im anrüchigen Etablissement "Der blaue Engel" und bald in den Armen von Lola. Stefanie Mendoni ist kein Vamp, keine Domina, wirkt anfangs zerbrechlich und kommt erst so nach und nach in Fahrt. Sie agiert aber ebenso überzeugend wie alle anderen Schauspieler. Sie ist noch halb unschuldiges Mädchen, halb Verführerin und dem schönen Leben und dem Geld verfallen.

Lola wickelt Unrat um den kleinen Finger, bis der jeglichen Halt verliert. Lässt es Turrini in der ersten Hälfte seiner zweistündigen Aufführung noch ruhiger angehen, so überschlagen sich in der zweiten Hälfte die Ereignisse wie im Zeitraffer. Hier zeigt sich Turrinis Inszenierungs- und die Schauspielkunst des Gerd Silberbauer. Unrat verliert seine Stellung, heiratet, verarmt und verfällt Lola immer mehr.

Unrats gebrochener Charakter wird in knappen gehaltenen Szenen schlaglichtartig vorgeführt. Am Ende mimt er den Clown, der vorgeführt wird und fast wahnsinnig für Scham, Eifersucht und Verzweiflung Lola würgt. So eindrucksvoll dargestellt, dass am Ende der verdiente Applaus des Publikums eine Weile braucht, bevor er sich entfalten kann.

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