LEITARTIKEL: Chaos made in Göppingen

Es sollte ein Signal des Aufbruchs sein: Der Göppinger Gemeinderat, der in den vergangenen Jahren oft mehr durch verbale Scharmützel, Eklats und Disziplinlosigkeiten von sich reden machte als durch konzentrierte Sacharbeit, soll am 12. und 13. März in Klausur gehen.

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Redaktionsleiter Helge Thiele

Ziel ist es, gemeinsam mit der Stadtverwaltung zu überlegen, welche Aufgaben sich die Kommune in Zukunft leisten will und kann – und welche nicht. Strategische Zielplanung, lautet das etwas sperrige Zauberwort, hinter dem sich der Wunsch verbirgt, die Gemeinderatsberatungen künftig effizienter zu gestalten und sich nicht dauernd und immer wieder in denselben Grundsatzdiskussionen zu verlieren. Die Klausur soll nicht im Rathaus, sondern in Tagungsräumen der Evangelischen Akademie in Bad Boll stattfinden – Übernachtung inklusive, da man sich am Abend nach vollbrachtem Tagwerk in gemütlich-lockerer Atmosphäre bekanntlich besser kennen und schätzen lernen kann.

Ein hehres Ziel, das aber leider nicht ereicht werden kann – oder soll. Denn statt die Chance zu erkennen, die Stadtpolitik in eine neue Ära zu führen, regiert einmal mehr das Chaos. Die Vertreter der Linken kritisieren die angedachte Übernachtung und boykottieren das Nachtlager, weil sie der Stadt Kosten sparen wollen und deshalb für einen Tagungsort in Göppingen plädieren – gerade so, als täte es Kommunalpolitikern nicht gut, auch mal außerhalb ihrer Stadtgrenzen die Köpfe zusammenzustecken. Vielleicht wäre es besser gewesen, gleich eine Hütte in den Bergen anzumieten – am besten ohne Strom und fließendes Wasser. Ein bisschen Abenteuer – das schweißt zusammen.

Aber nun geht’s eben nach Bad Boll. Die Zahl der Teilnehmer hält sich allerdings in traurigen Grenzen. Längst nicht alle Stadträte haben sich angemeldet. Der Piraten-Vertreter will nicht mal die Evangelische Akademie betreten, weil er sich um sein atheistisches Wohlergehen sorgt, obwohl gar kein gemeinsames Gebet auf der Tagesordnung steht. Oberbürgermeister Guido Till wiederum geht auch nicht mit gutem Beispiel voran: Er will nicht in Bad Boll übernachten, da er glaubt, seine junge Familie nicht für eine Nacht allein lassen zu können.

So hat das alles allerdings keinen Sinn. Vielleicht gibt es einen weitsichtigen Kopf in der Göppinger Verwaltung, der sich in Bad Boll mal nach den Stornierungsbedingungen erkundigt. Sonst besteht die Gefahr, dass der Berg nur kreißt, um ein Mäuslein zu gebären. Das wäre bedauerlich, denn eine Alibi-Veranstaltung braucht niemand. Dann lieber ganz ehrlich weiterzoffen.

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