LEITARTIKEL · WIESENSTEIG: Zurück in die Zukunft

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Reizvoll eingebettet im oberen Tal der Fils liegt Wiesensteig. Der staatlich anerkannte Erholungsort mit seinen 2300 Einwohnern wird geprägt von verwinkelten Gassen mit ihren Fachwerkhäusern, dem Residenzschloss und der mächtigen Stiftskirche St. Cyriakus mit ihrer üppigen Ausstattung. Am Fuß des Albtraufs und von Wäldern umgeben ist das Städtchen, in dem die Bürger auch gerne mal zusammensitzen und gemeinsam feiern, ein Ort zum Wohlfühlen.

Doch die Idylle trügt. Hinter den mittelalterlichen Mauern wird seit Wochen heftig gestritten. Die Idee, oben auf der Alb einen Baumwipfelpfad zu errichten, um die touristische Zukunft des Städtchens und des Landkreises zu gestalten, entzweit die Bürgerschaft. Gegner fahren schweres Geschütz auf, zeichnen ein düsteres Bild von der Zukunft des Städtchens, wenn sich erst die Verkehrslawine zum Wipfelpfad durch die viel zu schmale Straße im Ort zwängt.

Zu den Initiatoren des Widerstandes gegen das Projekt oben im "Bronnen"-Wald zählt an vorderster Front Andreas Pohl. Der Chef der renommierten Jägerschule Wiesensteig, deren Kurse von angehenden Waidleuten aus der ganzen Republik gebucht werden, ist mit seinen Schülern seit vielen Jahren einer der Hauptnutzer jenes staatlichen Forsts, in dem der hölzerne Pfad gebaut werden soll. Im Ehrenamt ist Pohl Vorsitzender des 33 Mitglieder zählenden Gewerbe- und Fremdenverkehrsvereins, in dem sich der Wipfelpfad-Widerstand formiert. Im Kampf steht Pohl vor allem Renate Rothfuß vom Reußenhof zur Seite, die auch im Wiesensteiger Gemeinderat sitzt. Für einen notwendigen Parkplatz beim Wipfelpfad wird ein Acker vom Hof benötigt, zudem soll beim Pfad ein Gastronomiebetrieb entstehen - unweit der zum Reußenhof gehörenden Gaststätte bei der Burgruine.

Dass Pohl wie Rothfuß sich nur aus Eigennutz gegen den Pfad ins Zeug legen und nicht das Gemeinwohl im Auge haben, weisen die beiden jedoch weit von sich. Ihnen gehe es vor allem um die Zukunft ihres Ortes, betonen sie stets und fordern ein Konzept für sanften Tourismus, von dem auch das Gewerbe profitiert.

Das Konzept allerdings hätte der plötzlich so muntere Gewerbe- und Fremdenverkehrsverein angesichts der vielen Vorzüge Wiesensteigs schon vor Jahren erarbeiten können. Möglicherweise wären dann dem Städtchen der unselige Streit um den Wipfelpfad genauso erspart geblieben wie die aktuellen Strukturprobleme: Bevölkerungsschwund, fehlende Arbeitsplätze oder leerstehende Läden und Gasthäuser.

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