Leitartikel · STÄDTISCHES GRÜN: Zwischen Baum und Borke

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Stadtbäume sind besonders im Stress. Ihre Wurzeln stecken oft im Asphalt fest - wie gerade nördlich der Stadthalle anschaulich dokumentiert ist. Sie werden von herabtropfendem Motorenöl, von Hundekot, Streusalz und oft genug von üblen Pilzen malträtiert.

Und doch will niemand auf sie verzichten. Auf öffentlichen Plätzen können sie den Unterschied machen zwischen urbaner Tristesse und Aufenthaltsqualität. Kein Wunder, dass die Bürger hellhörig werden, sobald ein Baum geopfert werden soll. Das zeigt, wie wichtig den Menschen das Grün in der Stadt ist. Mit ihrer Klimawirkung sind Bäume außerdem viel mehr als nur Stadt-Deko.

Gerade deshalb sind Bäume aber zu schade für parteipolitische Scheingefechte mit Image-Kalkül. Im Göppinger Gemeinderat ist genau das jetzt wieder passiert. Die Fraktion von Linken und Piraten ist in ihrer Angriffslust über das Ziel hinausgeschossen. Man kann doch die Verwaltung der Hohenstaufenstadt nicht ernsthaft verdächtigen, sie dichte den Bäumen, die einem Bauvorhaben im Weg stehen, wundersame Krankheiten an. Gerade im Falle des Schlossplatzes ist dieser Vorwurf an den Haaren herbeigezogen. Im Amt für Umweltschutz und Grünordnung ist jede Menge Sachverstand angesiedelt. Und wenn Zweifel über den Zustand eines Exemplars bestehen, ist schon jetzt schnell ein Experte zur Hand. Die Forderung der Lipi-Fraktion nach einer "Baum-Troika" war deshalb nur ein wohlfeiler Schnellschuss.

Wenn einer der fast 12 000 Göppinger Bäume krank, alt oder einfach morsch ist, muss die Verwaltung auch die Gefahr im Blick haben, dass der Stamm beim nächsten Gewittersturm auf Autos oder Passanten krachen könnte.

Selbst bei gesunden Pflanzen darf das Fällen nicht grundsätzlich tabu sein. Denn sonst wären städtebauliche Veränderungen schlicht nicht mehr möglich. Die Filsterrassen beim Christophsbad beispielsweise wären ohne das Fällen einiger Linden nicht machbar gewesen. Und stehen die neuen Bäume entlang der Hauptstraße nicht besser als früher die Kastanien auf dem Marktplatz?

Der Einsatz der Säge muss vor allem an exponierten Stellen genau überlegt sein. Ob Bäume eine Blickachse stören, wie vor der Kunsthalle, oder ob vor dem Gebäude lieber Skulpturen stehen sollten, das ist natürlich Geschmacksache. Im Falle der Bäume auf dem Bahnhofsvorplatz dürfte die Debatte also bald wieder aufflammen, ob man sie einer Tiefgarage opfern soll. Dann sollten aber alle bitte ohne Beißreflex diskutieren.

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