LEITARTIKEL · KIRCHEN: Abschied vom Dorf

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Früher prägten sie das Leben im Dorf: Der Bürgermeister, der Apotheker, der Lehrer - und der Pfarrer. Wenn sie sich am Stammtisch einig waren, konnte im Dorf nichts mehr schief gehen.

Dieses Idyll gehört jedoch längst der Vergangenheit an. Die Bürgermeister nahmen mit der Gemeindereform vor 40 Jahren in zahlreichen Dörfern Abschied, Apotheker gibt es heute nur noch in größeren Gemeinden, die Lehrer zieht es schon lange nicht mehr aufs Land, wo die Schulen gerade ums Überleben kämpfen. Und die Pfarrer? Auch hier gilt, dass schon lange nicht mehr unter jedem Kirchturm sonntags gepredigt wird. Dass ein Seelsorger mehrere Gemeinden betreuen muss, ist bereits die Regel. Das ist bei den Katholiken nicht anders als bei den Protestanten. In vielen Gemeinden sind die Gläubigen auf sich selbst gestellt und an die verschlossenen Türen im einstigen Pfarrhaus hat man sich schon gewöhnt.

Da wundert es nicht, dass selbst eifrige Kirchgänger nicht mehr Sturm laufen, wenn die Diözese Rottenburg-Stuttgart via Pressemitteilung wissen lässt, dass der Landkreis künftig nochmals mit drei Pfarrern weniger auskommen muss. Dies mit dem Hinweis, dass die Not an Priestern andernorts noch größer ist als hier. Parallel dazu beschließt die Synode der evangelischen Kirche Württemberg, nochmals 110 Pfarrstellen einzusparen. Auch das wird nicht ohne Folgen für den Stauferkreis bleiben.

Mit den fehlenden Pfarrern fehlen nicht nur die sonntägliche Predigt und der Segen Gottes in den Dörfern. Es geht einmal mehr auch ein wichtiges Stück Gemeindeleben verloren. Kirche war eben nicht nur sonntags, sondern auch unter der Woche in den Dörfern erlebbar. In der Jungschar oder im Jugendclub, im Kirchenchor oder beim Frauennachmittag, beim Schwatz vor dem Pfarrhaus oder beim Seniorenausflug.

Man mag bedauern, dass sich die Kirchen aus den Dörfern zurückziehen, ändern lässt sich an dieser Entwicklung kurzfristig nichts, selbst wenn der neue Papst einschneidende Reformen verkünden würde. Schuld an der Misere tragen wir alle. So wie Klimawandel oder Lebensmittelskandale auf unser eigenes Verhalten zurückzuführen sind, ist der Niedergang des Kirchenlebens das Ergebnis des von uns verantworteten rapiden gesellschaftlichen Wandels. Nun bekommen wir dafür eine Quittung: Menschen verlieren liebgewordene Strukturen und verlieren mit den Pfarrern diejenigen, die Kindern Werte vermitteln, Familien in Krisen Mut zusprechen und Alten noch Halt geben.

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