LEITARTIKEL · BAUMWIPFELPFAD: Dicke Bretter bohren

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Das Klagelied ist laut, unaufhörlich und schmerzt in den Ohren: Der Landkreis hat Strukturprobleme und zu wenig touristische Angebote. Er ist unattraktiv für neue Unternehmen und Bürger und geht im Chor der Nachbarn schlichtweg unter. Außerdem fehlt das Geld an allen Ecken und Enden. Und überhaupt ist alles schlecht.

Doch plötzlich zeigt sich ein Lichtstrahl im kollektiven Trübsinn: Ein Investor ist bereit, am Reußenstein einen Baumwipfelpfad zu bauen. Ein Projekt, das den Tourismus kräftig ankurbeln, der Stadt Wiesensteig einen Schub geben, Arbeitsplätze schaffen und zur Marke im Kreis werden kann. Und was passiert? Neinsager, Blockierer und Bedenkenträger melden sich reflexartig zu Wort - obwohl es noch gar keine fertigen Pläne gibt. Dass unmittelbare Anlieger Sorgen und Ängste plagen, ist ja ansatzweise noch nachvollziehbar. Doch ein Touristenmagnet bringt nun mal mehr Verkehr in den Ort, das liegt in der Natur der Sache.

Die Debatte der Kreisräte in dieser Woche trieb jedoch manch seltsame Blüte. Statt aufzuatmen und sich zu freuen, dass endlich etwas passiert, der Landkreis im Wettbewerb mit den Nachbarn die Nase vorn hat und ihnen ein erfahrener Investor ein vielversprechendes Projekt auf dem Silbertablett serviert, verloren sich manche Kreisräte in recht kleinkarierten Diskussionen, feilschten um Worte und redeten um den heißen Brei. Die Erlebnis-Akademie, die am Reußenstein kräftig investieren will, musste ihren Baumwipfelpfad beinahe wie Sauerbier anbieten und war - zu Recht - irritiert über den scharfen Wind, der ihr ins Gesicht bläst. Glücklicherweise retteten FDP und Freie Wähler die Situation und lobten die Initiative ausdrücklich. Martin Joos (FW) warnte zudem davor, auf dem steinigen Weg zu den gewünschten Leuchttürmen "sich zu oft von Leuchtfeuern stören zu lassen". Er sprach damit Landrat Edgar Wolff aus der Seele und trug vielleicht dazu bei, dass der Investor nicht sofort entnervt seine Siebensachen packt.

Die Verwaltung muss jetzt viel Überzeugungsarbeit leisten und dicke Bretter bohren. Doch die Mühe lohnt sich: Der Kreis bekäme ein Projekt, das weit über die Grenzen ausstrahlen würde. Ein Baumwipfelpfad ist ein Naturerlebnis für Groß und Klein, Gastronomie und Handel würden profitieren. Es gilt jetzt, den Investor bei Laune zu halten, Trägerschaft und Finanzierung zu klären und möglichst viele Anlieger ins Boot zu holen. Eine solche Chance darf sich der Landkreis nicht durch die Lappen gehen lassen.

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