Leben mit dem Tod

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Sie sind zur Stelle, wenn bei anderen die Welt zusammenbricht: Seelsorger und Pflegekräfte. Ihre Erfahrungen mit menschlichem Leid sind erschütternd und wunderbar zugleich. Ihr Beruf ist Berufung, ihre Motivation kann ein Lächeln sein.

Von Elke Berger

Jugendlicher tödlich verunglückt" lautet die nüchterne Überschrift über einer kleinen Zeitungsmeldung in der Randspalte.Derdazugehö-

rige Text beschreibt in knappen Worten einen tragischen Fahrradunfall, bei dem ein 13-jähriges Kind tödlich verletzt wurde und im Krankenhaus starb. Nicht mit Worten zu beschreiben ist dagegen die Situation in der hinterbliebenen Familie. Dort sind die Worte ausgegangen.

"Die Menschen sind an dem Punkt angelangt, an dem sie sich fragen: ,Hat Gott mich verlassen?", versucht Christian Brencher, katholischer Pfarrer in der Göppinger Klinik am Eichert, den Zustand zu beschreiben. Er hat fast täglich mit Menschen zu tun, die den Tod eines nahen Verwandten im Krankenhaus befürchten oder verkraften müssen. Auch bei Eltern mit Totgeburten bricht eine Welt zusammen. "Wir begleiten die Menschen durch diese schweren Stunden und versuchen, ihnen Kraft zu geben."

Brencher steht nicht wie andere Pfarrer sonntags auf der Kanzel, er unterrichtet keine Kommunionkinder und traut keine Paare. Sondern er leistet seelischen Beistand, wo er am dringendsten benötigt wird. "Früher", berichtet er, "waren das alles meine Aufgaben als Gemeindepfarrer." Sehr geschätzt hat er diese Arbeit und er ist dankbar für diese Zeit, aber die liebe Verwaltung, ja, die hat einfach viel zu viel wertvolle Zeit aufgefressen: Sitzungen, Papierkram. "Dafür bin ich nicht Seelsorger geworden." Mit dem Wunsch, mehr Zeit für die Menschen zu haben, wechselte er Ende 2009 die Abteilung: Er tauschte Kirche gegen Krankenhaus.

Sein Mitstreiter, der katholische Seelsorger Erich Karp, unterstützt schon seit 1989 die Hilfe Suchenden in der Klinik am Eichert. "Man ist gleichzeitig Psychotherapeut. Das Leid der Menschen muss einem Seelsorger am Herzen liegen." Für beide ist es ein Dienst mit viel Freude, weil so viel zurück kommt von den Menschen.

Das Thema Tod ist ein heißes Eisen. In den allermeisten Familien wird es verschwiegen. Man möchte nicht daran denken und schon gar nicht darüber sprechen - nicht einmal, wenn der nahe Tod eines Familienmitglieds absehbar ist. Dabei ist es wichtig, darüber zu reden, vor allem mit Kindern. "Je früher desto besser", rät Karp. Auch die Ärzte und das Krankenhauspersonal brauchen gelegentlich ein offenes Ohr. Doch den größten Gesprächsbedarf haben meist die Sterbenden. "Menschen, die spüren, dass es zu Ende geht, haben das Bedürfnis zu reden", sagt Brencher. Dabei gibt es immer wieder berührende Erlebnisse und eine beeindruckende Offenheit der Menschen. Sie erzählen Dinge, die sie noch nie jemandem erzählt haben. "Es ist faszinierend, wie einem Menschen innerhalb weniger Tage oder Wochen vertraut werden. Das geschieht in der Pfarrei selten so intensiv."

Doch nicht erst der Tod wirft Angehörige aus der Bahn. Gabriele Ulmer, Koordinatorin des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes der Malteser in Uhingen, kümmert sich unter anderem um Familien, in denen die Eltern mehrere Rollen tragen müssen: Neben ihrer eigentlichen Verpflichtung als Eltern sind sie zusätzlich Pflegekraft und Therapeut für ein chronisch oder gar lebensverkürzt erkranktes Kind. Die gesunden Kinder der Familie dabei nicht aus den Augen zu verlieren, ist ohne fremde Hilfe meist kaum mehr möglich. "Bei uns geht es nicht in erster Linie ums Sterben, sondern um die Lebensqualität", bekräftigt Ulmer. "Wir wollen die Familien unterstützen, dass in all dem Gefühls- und Organisationschaos ein wenig Alltag gelebt werden kann."

Die Malteser in Uhingen begannen vor gut drei Jahren, einen ambulanten Kinderhospizdienst aufzubauen, um betroffene Familien zu Hause zu unterstützen. "Ambulant bedeutet, dass wir in die Familien gehen, wenn unsere Hilfe benötigt wird", erklärt die ehrenamtliche Mitarbeiterin Sabine Wacker. "Dann kümmern wir uns aber nicht nur ums kranke Kind, sondern, wenn die Familie es möchte, auch um das gesunde. Mal wünscht es sich eine Radtour, mal hat es einfach nur das Bedürfnis, mit jemandem zu reden. "Es ist wunderschön, wenn einen das Kind als Bezugsperson annimmt."

Außer erkrankten Kindern gibt es in den Familien natürlich auch andere Situationen wie zum Beispiel erkrankte Elternteile. "Wir wollen den Familien Lebensqualität erhalten und sie ermutigen, gerade auch im Angesicht eines sich nähernden Todes noch Wünsche und Hoffnungen zu äußern und miteinander im Gespräch zu bleiben", erklärt Ulmer. "Da ist so viel zu verkraften, zu organisieren und auf der Gefühlsebene auszuhalten." Oft gibt es in den Familien einen regelrechten Aha-Effekt, wenn neue Anregungen oder Alltagsunterstützung von außen kommen. Ulmer, die durch die Sterbebegleitung einer an Krebs erkrankten Freundin zu ihrem heutigen Beruf gefunden hat, sagt, dass sie als Hospizmitarbeiterin das Geschenk des Lebens nun viel intensiver erlebt. Auch Wacker bestätigt, dass sich die Wertigkeit irdischer Dinge schnell verschiebt. "Familiäre Dinge werden viel wichtiger als materielle. Und man lernt, das Positive im Negativen zu sehen." Erkenntnisse, die in den Mitarbeiterinnen einen sehr positiv empfundenen Lebensimpuls hervorrufen, aus dem sie die Kraft schöpfen zu helfen.

Von ähnlichen Erfahrungen berichtet Petra Kreidenweiß aus ihrer Arbeit als Pflegedienstleiterin im Pflegestift Ebersbach. "Schon als Auszubildender oder sogar Praktikant müssen wir uns mit dem Tod auseinandersetzen. Der Nebeneffekt daran ist, dass man selbst plötzlich viel bewusster lebt." Trotzdem warnt sie davor, ein Altenheim nur als Ort zu sehen, an den die alten Menschen zum Sterben hingehen. "Wir sind keine Trauerklöße, die alle auf den Tod warten. Wir haben Spaß hier! Praktikanten sind oft überrascht, wie viel Leben hier herrscht. Manche der Bewohner tanzen gerne oder trinken mal einen Sekt."

Einen "Beruf mit Menschen" wollte sie ausüben, gerne mit Älteren. So kam sie schließlich zu ihrer jetzigen Stelle. Als immer wieder recht nervenzerrend beschreibt sie die Arbeit, aber "man bekommt so viel Menschliches zurück".

Trotzdem sind die Erfahrungen mit dem Tod die prägendsten. Eine Geschichte berührte Kreidenweiß ganz besonders. "Eines Abends wollte ein Patient unbedingt seine Wanderstiefel haben, weil er in der Nacht vor hatte, wandern zu gehen. Ich versuchte, ihn von seinem Wunsch abzubringen, doch er ließ nicht locker, bis ich ihm die Schuhe auf seinen Nachttisch stellte. Dann war er zufrieden. Jetzt könne er auf Wanderschaft gehen, sagte er. Am nächsten Morgen war er tot."

Meist dauern die Sterbephasen länger, die Angehörigen können sich im Idealfall noch verabschieden und den Sterbenden begleiten. "Alte Menschen haben oft Angst vor dem Sterben, weil sie Schmerzen befürchten oder nicht alleine sein wollen, aber vor dem Tod haben sie normalerweise keine Angst", erklärt Iris Ebensperger, Einrichtungsleiterin des Ebersbacher Pflegestifts. Sie wirbt für einen vorurteilsfreien Umgang der Angehörigen mit dem Tod. "In der Sterbephase verändert sich der Körper. Das ist ein ganz natürlicher Vorgang. Die Anwesenden können dabei mit dem Patienten zum Beispiel sprechen oder leise Musik spielen."

Auch Ebensberger hat den Umgang mit alten Menschen schon immer sehr geschätzt. "Sie haben Ecken und Kanten und jeder hat seine eigene Geschichte. Mit jeder einzelnen ließen sich Bücher füllen." Sie hat großen Respekt vor dieser Lebenserfahrung, die gleichzeitig eine der vielen Gründe ist, warum sie ihren Beruf so liebt. Ihre Kraft schöpft sie aus der menschlichen Nähe. Dabei zitiert sie immer wieder gerne die Schauspielerin Bette Davis mit ihrer Feststellung: "Altwerden ist nichts für Memmen."

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