Kreisarchäologie entdeckt in der Pfarrstraße frühes Zeugnis moderner Stadtplanung

Überraschung bei Straßenbauarbeiten in der Pfarrstraße: Hier wurde ein historischer Kanal aus dem frühen 19. Jahrhundert entdeckt.

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Die „Urkanalisation“ von Göppingen kommt ans Licht: Bei Bauarbeiten in der Pfarrstraße wurde ein gut neun Meter langes Stück Kanal freigelegt.  Foto: 

Die unerwartete Entdeckung im Erdreich  ist für den Kreisarchäologen Dr. Reinhard Rademacher eine erfreuliche Überraschung: „In diesem Bereich der Innenstadt gab es von 1950 bis 1970 viele Bodeneingriffe. Deshalb ist es fast ein Wunder, dass hier ein 9,20 Meter langes Stück des historischen Kanals noch erhalten geblieben ist.“

Wie immer in solchen Fällen hat Rademacher dafür Sorge getragen, dass alles sorgfältig archäologisch eingemessen und dokumentiert wird: „Wir haben zwei Tage lang baubegleitend dokumentiert und werden am Donnerstag noch ein paar Dinge überprüfen. Dann sind wir dort fertig.“  Der Kanal aus der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wird dann wieder zugeschüttet. „Leider kann der bestehende Gewölbebogen aus Ziegelsteinen nicht erhalten bleiben“, bedauert der Kreisarchäologe. „Der war leider zu hoch, um ihn erhalten zu können. Doch ich habe veranlasst, dass wenigstens die Seitenwände als Baudenkmale im Boden bleiben. Das war ein Kompromiss.“

Für Rademacher hat der Fund, auch wenn er unauffällig im Erdreich verborgen ist, eine hohe Bedeutung: „Dieser Kanal ist ein frühes Zeugnis aus dem Beginn moderner Stadtplanung, als es bereits um Hygiene und Wasserableitung ging.“

Nach dem Stadtbrand von 1782 ist die ganze mittelalterliche Stadt neu aufgebaut worden,  schlägt der Kreisarchäologe den Bogen in die Geschichte. Dies geschah nach klassizistischen Gestaltungsprinzipien mit dem Marktplatz als Zentrum. Beim Wiederaufbau veränderte sich das Stadtbild ziemlich stark, die Stadt wuchs über das frühere mittelalterliche Zentrum hinaus.

Bei der Expansion war jedoch der mittelalterliche Stadtgraben  im Weg, weiß Rademacher: „Der wurde deshalb aufgefüllt.  Man hat jedoch in der ersten Hälfte des  19. Jahrhunderts in diesen alten Stadtgraben einen Ringkanal eingelegt, um das Wasser abzuleiten: „Den haben wir schon 2003 beim Neubau des Gebäudes Schillerplatz 5 erwischt. Er war dort wunderschön gemauert aus Tuff- und Kalksteinen und noch sehr gut erhalten.“

An den Ringkanal angeschlossen wurde dann eine Kanalisation im Inneren der Altstadt gebaut: „Das war so etwas wie die Urkanalisation von Göppingen.  Wir haben jetzt in der Pfarrstraße kurz vor der Eimündung in den Kornhausplatz ein Stück dieses Kanals gefunden.“ Das 9,20 Meter lange gut erhaltene Stück hat außen eine Breite von 1,30 Metern, der Innendurchmesser, wo das Wasser lief, beträgt 70 Zentimeter: „Die 30 Zentimeter dicken Seitenwände sind aus Sandstein gemauert, der Gewölbebogen oben aus Ziegelsteinen.“

Für den Kreisarchäologen war ein bisschen unerwartet, an dieser Stelle auf einen solchen Kanal zu stoßen: „Wir haben bei Straßenbaumaßnahmen jedoch immer ein Auge darauf, ob die Urkanalisation kommt. Allmählich erkennt man, wie damals systematisch eine Kanalisation angelegt wurde. So erschließt sich uns nach und nach das Ausmaß dieser Anlage. Die Fortführung nach Osten wurde jedoch irgendwann in den vergangenen Jahren abgerissen: „Früher hat man da nicht so darauf geachtet.“

Reinhard Rademacher freut sich, dass die Firma Moll gleich beim Entdecken des Fundes Laut gegeben hat: „Wir haben seit Jahren immer wieder miteinander zu tun, auch beim Bau der Neuen Mitte. Das klappt sehr gut.“ Die Arbeit der Archäologen werde außerdem immer mit dem Regierungspräsidium abgesprochen. Auch die Göppinger Stadtverwaltung zeige sich bei solchen Funden stets sehr kooperativ.

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