Klinikchef Jörg Martin verabschiedet sich aus dem Landkreis

Klinikchef zu sein, ist ein harter Job. Dennoch wirkt Professor Jörg Martin nie gestresst. Vor der neuen Herausforderung in Ludwigsburg ist dem 55-Jährigen daher nicht bange. Derzeit überwiegt jedoch die Wehmut.

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Manchmal bereut er es, den weißen Kittel gegen den Chefsessel ausgetauscht zu haben: der scheidende Klinikchef Professor Jörg Martin.  Foto: 

Mit Schlips ist Professor Jörg Martin selten bis nie unterwegs. Er bevorzugt schlichte Eleganz ohne Schnickschnack. "Am Montag werde ich aber eine Krawatte tragen. Das zeigt, dass das ein besonderer Tag für mich ist", sagt der 55-Jährige und schmunzelt. Denn am Montag wird Martin nach 25 Jahren Berufstätigkeit an der Klinik am Eichert tschüss sagen und das Filstal Richtung Ludwigsburg verlassen. "Ich freue mich auf die Verabschiedung", sagt der Chef der Alb-Fils-Kliniken. Nicht darauf, dass die "schöne Zeit" in Göppingen vorbei ist, sondern darauf, mit langjährigen Weggefährten gute Gespräche zu führen, danke zu sagen, Wertschätzung entgegen zu bringen. Und welches Gefühl ist stärker: Vorfreude oder Wehmut? Martin muss nicht überlegen: "In den letzten Tagen hat die Wehmut überwogen."

Aus ursprünglich geplanten drei Jahren ist ein Vierteljahrhundert in Göppingen geworden: Fast auf den Tag genau 25 Jahre hat der gebürtige Hesse nach dem Studium in Tübingen und einem Zwischenstopp am Stuttgarter Robert-Bosch-Krankenhaus am Eichert gearbeitet. 2007 wechselte er als Leiter der Intensivstation auf den Chefsessel und wurde medizinischer Geschäftsführer, zwei Jahre später Alleingeschäftsführer der kreiseigenen Krankenhäuser. Manchmal bereue er es, den weißen Kittel an den Nagel gehängt zu haben: "Arzt zu sein, war für mich Berufung."

Aber das ist Schnee von gestern: Jörg Martin hat sich der strategischen Weiterentwicklung von Kliniken verschrieben - "ohne den Blick fürs Ganze zu verlieren". Hier sieht er seine Stärken, und die will er auch in Ludwigsburg einbringen. Anfang Mai wird der spezialisierte Anästhesist Chef der Regionalen Kliniken Holding, einem der größten kommunalen Klinikverbünde Deutschlands mit 7500 Mitarbeitern und neun Akut-Krankenhäusern im Kreis Ludwigsburg, im Enzkreis und im Landkreis Karlsruhe.

Neue Herausforderungen

"Eine große Herausforderung", sagt der Manager. Doch wäre nicht der beschlossene Neubau am Eichert auch eine spannende Aufgabe gewesen? Martin nickt. Doch Konzepte zu stricken, wie Krankenhäuser im Spannungsfeld betriebswirtschaftlicher Notwendigkeit, optimaler Patientenversorgung und politischen Ränkespielen fit für die Zukunft gemacht werden können, sei eben eher sein Ding. Und auch wenn die Kliniken Holding drei bis vier Mal so groß ist wie die Alb-Fils-Kliniken, will der 55-Jährige - wie bisher - so nah wie möglich am Geschehen bleiben. Er beschreibt sich selbst als "hemdsärmelig und bodenständig". Diese lockere Art wussten auch viele Weggefährten, Mediziner-Kollegen und Mitarbeiter zu schätzen. Und nicht selten waren Patienten überrascht, wenn sie bei Beschwerden den Klinikchef selbst an der Strippe hatten, um ihrem Ärger Luft zu machen.

Jörg Martin ist überzeugt, in den vergangenen drei Jahren viel bewegt zu haben: "Es ist eine enorme Dynamik drin." Zusammen mit dem kaufmännischen Direktor, Wolfgang Schmid ("wir haben uns gut ergänzt") habe er viele Erfolge verbuchen, aber auch Misserfolge wegstecken müssen - "aber das ist okay". Am meisten schmerze ihn, "die tollen Mitarbeiter" zurücklassen zu müssen. Und gleichermaßen freue er sich, dass sein dezentraler Führungsstil Früchte trage, dass die Abteilungen "selbstständig arbeiten und unternehmerisch denken".

Was er in Ludwigsburg zuerst anpacken wird, weiß Martin noch nicht genau: "Ich muss mir die Strukturen in Ruhe anschauen. Fest steht: Ich werde alles mit Augenmaß machen und die Mitarbeiter mitnehmen." Doch erst einmal gönnt sich der verheiratete Vater zweier erwachsener Kinder eine Woche Pause, damit es keinen fliegenden Wechsel von einem Chefsessel zum nächsten gibt: "Ich werde einfach relaxen, mit den Hunden spazieren gehen und Motorrad fahren", sagt der Stuttgarter und strahlt. Martin hat eine 30 Jahre alte Suzuki in der Garage stehen. Auch joggen steht hin und wieder auf dem Programm, ein gutes Essen mit einem Gläschen Rotwein, ein Konzert der Punkrockband "Die Toten Hosen" oder ein Kinobesuch - vor allem, wenn Filme mit seinem Lieblingsregisseur Quentin Tarantino laufen. Man hat also auch als Klinik-Manager Zeit für solche Sachen? "Ich nehme mir die Zeit", meint der 55-Jährige, den scheinbar nichts aus der Ruhe bringt. Selbst der Jobwechsel nicht? "Muffensausen habe ich nicht. Aber eine gespannte Erwartung", sagt Martin. Vielleicht treibt ihm ja die Auswahl der richtigen Krawatte eine Schweißperle auf die Stirn.

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