Keine Zeit für Wehmut

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In zwei Sätzen: Was ist eigentlich die Aufgabe eines Kreisarchivars?

WALTER ZIEGLER: Er muss sich erstens um die Archive der Städte und Gemeinden kümmern, die keinen hauptamtlichen Archivar haben, und zweitens um das Archiv des Landkreises - das heißt, im Prinzip um alle Akten, die älter sind als 30 bis 40 Jahre und teilweise bis ins 16. Jahrhundert bei den Gemeinden vorhanden sind.

Ist das ein attraktiver Job?

ZIEGLER: Ja, es ist eine sehr interessante, vielseitige Arbeit, die viele Bereiche tangiert.

Dann müsste es ja viele Bewerbungen für ihre Stelle geben?

ZIEGLER: Es werden schon einige Bewerbungen kommen, aber der Kreis ist reduzierter, als wenn es eine Museumsstelle wäre. So viele Archivare gibt es nicht. Ich kenne keinen arbeitslosen Archivar.

Sie waren fast 42 Jahre lang Kreisarchivar. Was war für Sie die spannendste Zeit?

ZIEGLER: Jedes Jahrzehnt hatte da seine Höhepunkte. Die 70er Jahre waren geprägt von vielen Gemeindejubiläen und Heimatbüchern, vom Stauferjahr 1977, in dem wir die Straße der Staufer kreiert haben, es entstand in Teamarbeit ein Stauferstättenführer und der Dokumentationsraum der Staufergeschichte. Dann wurde die Veröffentlichungsreihe des Landkreises ins Leben gerufen. Das Sagenbuch ist erschienen und - für mich ein besonders schönes Werk - die Romantische Filstalreise . . .

Wenn inzwischen fast jede Gemeinde ihr Heimatbuch hat, muss doch irgendwann eine Sättigung eintreten. Hat sich inzwischen der Schwerpunkt Ihrer Arbeit geändert?

ZIEGLER: Man muss da unterscheiden. Was ich hier erwähnt habe, sind die Dinge, die nach außen wirken, die sich aber zu einem Großteil in der Freizeit der Beteiligten abspielen. Die tägliche Arbeit ist das Ordnen und Sichten der Archivalien. Daraus selber zu forschen, ist der nächste Schritt. Das spielt sich dann in staatlichen Archiven ab. Das Archiv des Klosters Adelberg zum Beispiel ist in Stuttgart, nicht bei uns im Kreis.

Spielt da auch Erfahrung eine Rolle?

ZIEGLER: Natürlich: Je mehr Berufserfahrung man hat und je öfter man mit den Quellen zu tun hat, desto mehr kann man entdecken: etwa bei Pergamenturkunden aus der Stauferzeit, wo einem, nimmt man sie zum dritten, vierten Mal zur Hand, plötzlich ganz andere Erleuchtungen kommen. Hinzu kommen die Kenntnisse der heimischen Landschaft, die ich von Kindesbeinen an kenne. Das war bei mir sicher ein Vorteil.

2011 stand im Zeichen der Fils. Erstmals zogen alle fünf Museen im Kreis an einem Strang - mit Erfolg. Glauben Sie, dass diese Einrichtungen künftig verstärkt kooperieren sollten - oder vielleicht sogar müssen? Um zum Beispiel an Fördergelder zu kommen?

ZIEGLER: Wir arbeiten natürlich seit Jahrzehnten zusammen. Aber eine Thematik, die alle fünf Museen betrifft, gibt es nicht alle Tage. Es gäbe aber schon Bereiche, die man längerfrsitig gemeinsam vorausplanen könnte. Wir haben uns da schon Gedanken gemacht. Um auf die Filsausstellungen zurück zu kommen: Ein wenig unglücklich war, dass viele dachten, das sei eine Wanderausstellung. Dabei hatte jedes Museum eine spezielle Ausstellung für seinen Filsabschnitt im Blick.

Sie setzen sich seit Jahren für ein großes Staufermuseum ein, halten aber nicht viel von einer Stauferburg. Warum?

ZIEGLER: Für einen Wiederaufbau der Stauferburg sind die Anhaltspunkte einfach zu gering. Das wäre ein Wagnis sondersgleichen und würde viele Befunde zerstören. Das scheidet aus vielerlei Gründen aus. Der Berg lebt von sich selber, so wie er ist.

Und ein Aussichtsturm?

ZIEGLER: Auch ein Aussichtsturm macht nicht viel Sinn. Ich habe mich selber überzeugt: Man sieht von dort nicht viel mehr. Das kann ich durch Fotos belegen. Wenn man die dafür benötigten 750 000 Euro in die Hand nimmt und noch ein bis drei Millionen dazu tut, dann könnte man am Fuß des Berges ein Staufermuseum bauen. Das wäre einzigartig, unser Alleinstellungsmerkmal, und würde touristischen Zulauf bringen. Aber dafür müsste man eben Geld in die Hand nehmen.

Also kein leicht vergrößerter Dokumentationsraum, wie es ihn heute schon gibt, sondern ein großes, eigenständiges Museum?

ZIEGLER: Ja, das geht nur auf dem entsprechenden Arreal, das man erst suchen müsste. Der Platz müsste auch für parkende Busse ausreichen.

Sie haben zahlreiche Bücher über die Geschichte des Landkreises und die Kulturschätze seiner Städte geschrieben und herausgegeben. Welche Veröffentlichung liegt Ihnen am meisten am Herzen?

ZIEGLER: Da gibt es viele. Der letzte Begleitband mit 24 Autoren über die Fils war sehr schön, auch bei der Romantischen Filstalreise mit historischen Ansichten der Städte und Gemeinden steckt viel Herzblut drin; und die Ausstellungsbücher, etwa über die Gotik an Fils und Lauter mit meinem Kollegen vom Göppinger Stadtarchiv, Dr. Karl-Heinz Rueß, mit dem mich eine fast dreißigjährige Zusammenarbeit und Freundschaft verbindet.

Das Regionale steht derzeit hoch im Kurs - von der Küche bis zum Krimi. Andererseits gibt es immer mehr Menschen, die herzlich wenig über ihre Heimat wissen. Ein Widerspruch?

ZIEGLER: Wir haben sehr viele Veranstaltungen, unser GP-Programm mit 15 bis 16 Vorträgen und Exkursionen pro Trimester ist schon ein gewissen Markenzeichen. Aber erfahrungsgemäß erwacht das Interesse bei den meisten erst ab etwa 40 Jahren.

Und Sie haben nicht das Gefühl, dass das Interesse insgesamt weniger wird?

ZIEGLER: Nein, etwa bei der Berufsorientierung sind immer wieder interessierte Jugendliche bei uns im Archiv. In der Archäologie kommt gleich im März wieder einer, der hereinschnuppert. Das ist erfreulich. Und wir haben auch sowohl im Archivbereich als auch in der Archäologie im Lauf der Jahrzehnte so manchen "Ziehsohn" hervorgebracht.

Was viele nicht wissen: Sie waren einer der Initiatoren der Freilichtspiele Kloster Adelberg. Wie kam es dazu?

ZIEGLER: Ach so. . . Das war 1978, das 800-jährige Klosterjubiläum, bei dem wir auch einen Nachmittag der Adelberger Geschichte durchgeführt haben. Damals sagte Bürgermeister Wolfgang Rösch zu mir: Ich habe Geld in Aussicht vom Fabrikanten Erni. Ich schlug vor, die Freilichtspiele Schwäbisch Hall zu holen, die dann unter der Regie von Achim Plato Schillers "Räuber" spielten. Das war damals abenteuerlich, wie die Pferde in der Dunkelheit vor die Ulrichskapelle galoppierten . . . Seitdem bin ich im Kuratorium, und seitdem machen wir den Nachmittag der Adelberger Geschichte.

Sie saßen ja nicht immer hier auf Schloss Filseck. Wann sind Sie mit dem Kreisarchiv hochgezogen?

ZIEGLER: 1993. Und 1994 war dann die Einweihung des Schlosses.

Was viele zuvor ja nicht vermutet hätten. Filseck war ja lange Zeit ein Ruine.

ZIEGLER: Ja, der Landkreis hat Filseck 1986 gekauft.Das war schon umstritten. Es gab auch Stimmen, die über Filseck sagten: Nehmt eine Planierraupe und schiebts den Berg runter . . .

Hätten Sie damals gedacht, dass Sie mal hier landen?

ZIEGLER: Nein, nie. Ich habe 1971 den Brand live erlebt und viele Fotos davon gemacht. Ich wohne ja in Faurndau. Es war Samstagmittag, und ich habe mit meiner Frau auf unserem Obstwiesle geschafft, als ich den Rauchpilz sah. Schnell mein Auto geschnappt, den Foto geholt und hoch zum Brand. Überall waren Flammen. Ich hatte kurze Hosen an und habe mir die Oberschenkel verbrannt.

Blicken Sie denn mit Wehmut zurück auf die vergangenen vier Jahrzehnte?

ZIEGLER: Nein, in keinster Weise. Für mich ist das kein Abschied. Ich bleibe dem Bereich ja erhalten. Nur kann ich mir die Aufgaben jetzt selber stellen.

Was würden Sie Ihrem Nachfolger raten?

ZIEGLER: Der soll seine Erfahrungen selber machen. Aber falls er einen Rat braucht - ich bin in Reichweite und gerne bereit, ihm zu helfen.

Werden Sie Ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten in Geschichtsvereinen und der Stauferstiftung weiterführen?

ZIEGLER: Die Stauferstiftung ist mit dem Archiv eng verbunden, vom Verwaltungsaufwand ist das Kreisarchiv als Geschäftsstelle ideal. Da hoffe ich, dass das auf meinen Nachfolger übergeht. Aber ich bin weiterhin im Kuratorium dabei. Und ich bin momentan noch der Vorsitzende des Geschichts- und Altertumsvereins. Wobei es auch da irgendwann Zeit wird, nach einem Nachfolger zu suchen. Ich bin ja schon seit 1974 Vorsitzender.

37 Jahre, das ist allerdings eine lange Zeit . . .

ZIEGLER: Ja, manchmal erschrickt man selber.

Jetzt wäre eigentlich wieder Zeit für ein Buch. Es gibt ja schon noch genügend weiße Flecken, die es zu erforschen gilt. Haben Sie sich schon für ein Thema entscheiden?

ZIEGLER: Der Band 18 des Jahrbuchs Hohenstaufen/Helfenstein ist gerade in der Entstehung. Es wartet das Buch über das Symposium mit der Universität Tübingen vom vergangenen Jahr. An weiteren Ideen fehlt es nicht. Ich hätte Material, um die nächsten 20 Jahre Aufsätze oder Bücher zu schreiben. Allein über Schloss Filseck könnte man ein Buch schreiben.

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