Keine Pizza für die Oma

Vor dem Göppinger Amtsgericht stand gestern eine 72-jährige Großmutter, der falsche Verdächtigung zur Last gelegt wurde. Nach einer turbulenten zweieinhalbstündigen Verhandlung wurde das Verfahren eingestellt.

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Was sich gestern vor dem Göppinger Amtsgericht abspielte, hatte schon etwas von einer griechischen Tragödie. Tragische Figur war die 72-jährige Angeklagte aus einer Kreisgemeinde, deren Verfahren letztlich eingestellt wurde. Zweieinhalb Stunden lang bemühte sich Amtsrichterin Pfeffer zuvor nicht nur redlich, den verworrenen Sachverhalt aufzuklären, sondern auch immer wieder, die resolute und eigensinnige Dame zur Räson zu rufen und sie an die Regeln vor Gericht zu erinnern.

Die Anklage: "Falsche Verdächtigung". Der Vorwurf: Die Großmutter hatte den Lebensgefährten ihrer Tochter angezeigt, weil dieser die Enkelinnen der jetzt Angeklagten geschlagen haben soll. In einem mehrseitigen Brief an die Polizei schilderte die 72-Jährige detailliert vier Fälle, wobei sie bei dreien gar nicht dabei gewesen sein will. Nachdem die Vorwürfe durch die Ermittlungen der Beamten nicht bestätigt werden konnten, bekam die alte Dame einen Strafbefehl wegen falscher Verdächtigung zugestellt. Sie legte Widerspruch ein und deshalb traf sich die ganze Familie gestern im Gerichtssaal. Worum es im Kern ging, zeigte sich nach und nach: Die Oma macht sich Sorgen um die Enkelinnen und kann den neuen Freund der Tochter nicht leiden - was wiederum auf Gegenseitigkeit beruht. Alle wohnen im gleichen Dorf in der gleichen Straße, auch der Freund zieht im vergangenen November vom Remstal zu seiner neuen Patchwork-Familie. "Die Beschimpfungen gehen von morgens bis abends, das Telefon steht nicht still", berichtete der 35-Jährige. Dessen Aussage die Großmutter erst gar nicht anhören wollte. Gehen wolle sie, verkündete sie nach ihrer Befragung durchs Gericht, der Hund belle daheim sonst "die ganze Nachbarschaft zusammen". Richterin Pfeffer ließ da freilich keinen Verhandlungsspielraum erkennen: "Aber nein, es geht doch um Sie."

Immer wieder, zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit, wiederholte die Angeklagte ihre Vorwürfe, ob sie nun das Wort hatte oder nicht: "Geschlagen hat er sie." Pfeffer reagierte mit stoischer Gelassenheit: "Ich sags nochmal, Sie kommen nachher dran." Die Angeklagte konterte prompt: "Dann verwarnen Sie mich doch. Dann kann ich endlich gehen." Als sie dann nach 13 Uhr tatsächlich aufstand, ihren Einkaufskorb und ihre Krücke nahm und gehen wollte, weil sie der Hunger so sehr plage ("Können Sie keinen Pizzadienst rufen?"), musste Pfeffer mit der Polizei drohen, damit die Dame wieder Platz nahm.

Von den Anschuldigungen gegen den 35-Jährigen blieb im Laufe der Verhandlung immer weniger übrig, was wiederum bedeutete, dass die Anklage mit dem Vorwurf "Falsche Verdächtigung" wohl richtig lag. Ob es die 43-jährige Tochter war, die beteuerte, ihr Freund habe die Kinder nicht geschlagen, oder die Enkelinnen, die die Vorfälle anders in Erinnerung hatten als die Oma - trotz mehrfacher lautstarker Intervention der Großmutter stellte niemand die Geschichten in ihrem Sinne dar. So hatte es einen angeblichen Messerwurf des 35-Jährigen auf die 72-Jährige und die jüngere, zehnjährige Enkelin nie gegeben. Auch wurde die ältere, 15-jährige Enkelin nicht von dem Mann am Kopf verletzt, die Wunde rührte vielmehr von einem Sturz im Wald.

"Mit der Oma gibts immer Probleme", berichtete die 43-Jährige, ihre Mutter habe schon ihren ersten Freund im Alter von 19 nicht akzeptiert. Sie selber sei auch schon in psychologischer Behandlung gewesen - die Ärzte meinten, bei ihr bestehe eine zu enge Bindung an die Mutter. "Ich finde es schrecklich, was da jetzt abgeht." Ihre Töchter seien nervlich fertig, dabei "lieben sie ihre Oma über alles, aber auch ihre Mutter. Meinen Freund haben sie auch akzeptiert". Dies bestätigte die 15-Jährige: "Ich liebe meine Oma so wie meine Mama - aber die Streitereien belasten mich."

Nicht leicht machten es sich Gericht und Staatsanwaltschaft mit der Entscheidung, das Verfahren einzustellen. "Das hat ja keinen Sinn, wenn Sie sagen, Sie machen eh weiter", meinte Pfeffer mit Blick auf die 72-Jährige. "Nein, eine Verurteilung will ich aber nicht", insistierte die Großmutter, was Pfeffer zu einer Belehrung veranlasste: "Das können Sie nicht entscheiden." Erst als die Angeklagte hoch und heilig versprach, sich nicht mehr in die Angelegenheiten der Familie ihrer Tochter einzumischen und deren Freund zu beschuldigen, rangen sich Anklage und Gericht dazu durch, das Verfahren wegen Geringfügigkeit einzustellen.

"Kriege ich jetzt auch mein Fahrtgeld?", wollte die Großmutter abschließend wissen. Doch diesen letzten Wunsch konnte ihr das Gericht nicht erfüllen - Unkosten bekommen nur Zeugen erstattet.

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