Kandidaten liefern sich faire Partie beim Wahlforum

Es ging um Zuwanderung und Chancengleichheit, Energiewende und Pflegenotstand: Beim Polit-Talk von NWZ und GZ fühlten die Moderatoren den sechs Bewerbern auf den Zahn.

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Das große Finale steigt am 24. September. Dann wird es auch Sieger geben. Derzeit ringen die Bundestagskandidaten im Wahlkreis Göppingen noch um jede Stimme und befinden sich im Wahlkampf-Endspurt. Bei der Podiumsdiskussion von NWZ und Geislinger Zeitung am Mittwochabend im Alten E-Werk lieferten sich die Bewerber einen fairen, aber engagierten Schlagabtausch. Es ging um Zuwanderung, Chancengleichheit und Umweltthemen, aber auch um Verkehrsprobleme und soziale Belange. Die Gelbe Karte, die nach Ablauf der jeweils zweiminütigen Redezeit gezückt wurde, kam nur selten zum Einsatz, die Rote brauchte die „Schiedsrichterin“ gar nicht. Und es verließ auch keiner der Kandidaten freiwillig das Feld.

Die knapp 300 Besucher erlebten einen informativen, spannenden und unterhaltsamen Abend. Die Moderatoren, die NWZ-Redakteure Helge Thiele und Joa Schmid sowie GZ-Redakteurin Kathrin Bulling, spielten sich die Bälle zu und lockten die Kandidaten aus der Reserve. Zunächst hatte das Sextett die Möglichkeit, in eigener Sache zu trommeln. Warum sind sie die Richtigen, um den Landkreis in Berlin zu vertreten? Hermann Färber (CDU) führte seine vierjährige Erfahrung in der Hauptstadt und seine Verwurzelung im Landkreis an, seine Regierungskollegin Heike Baehrens (SPD) möchte weiterhin ihr Wissen rund um die Pflege einbringen. Der Grünen-Kandidat Dieter Burchard wiederum sieht „viele grüne Ansätze im Landkreis“, den er stärken und in Berlin vertreten möchte. „Wir brauchen eine Partei, die einen Gegenpart bildet zu dem Einheitsbrei“, beschrieb Volker Münz von der AfD seine Motivation, das Ticket in die Hauptstadt zu lösen. Hans-Peter Semmler (FDP) möchte bewusst für den Wiedereinzug der Liberalen ins Parlament kämpfen. Ähnlich sieht das Konstantinos Katevas (Die Linke): „Man kann die Dinge nur ändern, wenn man selbst reingeht und Verantwortung übernimmt.“

Erste Runde ohne gelbe Karte

Die erste Runde der insgesamt zweieinhalbstündigen Partie überstanden alle Bewerber, ohne Gelb zu sehen. Das änderte sich, als die Moderatoren sie aufforderten, sich ein Topthema herauszupicken, das ihnen besonders am Herzen liegt. Volker Münz, 53 Jahre alter Banker, musste nicht lange überlegen und fasste ein heißes Eisen an: „Die Zuwanderung muss begrenzt und die Wanderungsbewegung verantwortungsethisch gelöst werden.“ Dass Deutschland nicht uneingeschränkt Menschen aufnehmen kann, sahen auch die „Gegenspieler“ so. Der Liberale Semmler forderte ein qualifiziertes Einwanderungsgesetz und einen Schutz der EU-Außengrenzen. Sein grüner Kollege Burchard pflichtete ihm bei und will zwischen Flüchtlingen, die in Not sind, und Zuwanderern differenzieren. Das sah auch die Sozialdemokratin auf dem Podium so und machte deutlich: „Wir sind auf Zuwanderung wegen des Fachkräftemangels angewiesen.“ Färber warf ein, dass die Akzeptanz in der Gesellschaft für Flüchtlinge steige, wenn Menschen ohne Bleiberecht und Straftäter abgeschoben werden dürften. Auch der Kandidat der Linken, Katevas, plädierte für ein geregeltes Zuwanderungsgesetz, warnte aber vor Panikmache und davor, Flüchtlinge als „Parasiten“ einzustufen.

Nun war Hans-Peter Semmler am Zug. Der 39-jährige Unternehmer will sich für mehr Chancengleichheit einsetzen und Kindern – egal welcher Herkunft – gleiche Bildungschancen einräumen. Wirklich Widerspruch erntete der FDP-Mann für diesen Anspruch nicht. „In dem Thema könnten wir koalieren“, meinte der Grünen-Bewerber Burchard, 51-jähriger Zimmermann, augenzwinkernd. Sein Topthema sei ein respektvoller Umgang mit der Umwelt, „um Folgegenerationen nicht den Gestaltungsspielraum zu nehmen“. Auch Burchard erntete in dieser Frage viel Zuspruch auf dem Podium. Dass die Bewältigung des Klimawandels eine große Herausforderung und das Erreichen von mehr Energieeffizienz und emissionsarmer Mobilität drängende Zukunftsaufgaben sind, daran haben alle sechs Kandidaten keinen Zweifel. „Wir sind uns über das Ziel einig, über den Weg dahin aber uneins“, brachte es Hermann Färber auf den Punkt.

Einigkeit bei Pflegenotstand

Ein ganz anderes Thema brennt Konstantinos Katevas auf den Nägeln. Der 23-jährige Student beklagte den Pflegenotstand – aus eigener leidvoller Erfahrung nach einem langen Krankenhausaufenthalt. Er sprach sich dafür aus, „Krankenhäuser nicht wie Unternehmen zu führen und an Pflegekräften und deren Lohn zu sparen“. Zustimmendes Nicken bei den Politikern jeder Couleur. Mit Würdigung der Arbeit, einer besseren Bezahlung und Bürokratie-Abbau (ein Vorschlag Semmlers) soll der Beruf der Pflegekraft attraktiver werden. Burchard plädierte wie Baehrens für eine Bürgerversicherung, also ein solidarisches Sozialversicherungssystem, um die Finanzierung auf eine breitere Basis zu stellen. Münz regte an, die häusliche Pflege zu stärken und Pflegezeit auf die Rente anzurechnen. „Das ist in dieser Legislaturperiode schon passiert“, konnte sich die 61-jährige SPD-Abgeordnete einen Seitenhieb in Richtung des AfD-Bewerbers nicht verkneifen. „Diese Bundesregierung hat in der Pflege mehr getan als jemals eine zuvor“, brach Färber eine Lanze für die Große Koalition.

Katevas und Baehrens stürmten in Sachen würdevolles Altern und Pflege in die gleiche Richtung. Auch die SPD-Kandidatin hat sich auf die Fahnen geschrieben, hier die Rahmenbedingungen zu optimieren: mit einem besseren Personalschlüssel, einer Aufwertung des Berufs und besserer Bezahlung.

Bei Hermann Färber steht ein ganz anderes Thema ganz oben auf der Liste: Der 54-jährige CDU-Parlamentarier will sich für gleichwertige Lebensverhältnisse in Stadt und Land einsetzen, dazu zählten eine gute Ausstattung der Infrastruktur wie Schulen, Krankenhäuser und schnelles Internet, aber auch der Aus- beziehungsweise Weiterbau der A8 und B10. Damit sprach Färber einen Dauerbrenner an. Alle Kandidaten machten den Zuhörern aber Hoffnung, dass die B 10 recht zeitnah bis Geislingen weitergebaut wird. Das Sextett versprach, im Falle einer Wahl lautstark in Berlin dafür trommeln zu wollen.

Zum Abschluss hatten die Zuschauer die Gelegenheit, die Kandidaten zu löchern, wovon sie regen Gebrauch machten. Nach zweieinhalb Stunden pfiff Moderator Helge Thiele die Partie ab – mit dem Aufruf, am 24. September wählen zu gehen. Hartmut Zeller am Klavier entließ das Publikum mit ruhiger Musik in die stürmische Nacht.


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