Jungs müssen Kraft ablassen

Im Interview erklärt der Göppinger Studienleiter und Pädagoge Karl-Heinz Held, warum Jungs mehr männliche Begleiter brauchen - und warum er den Autor Rainer Oberländer nach Göppingen eingeladen hat.

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Der Studienleiter und Lehrer Karl-Heinz Held plädiert für mehr männliche Betreuung von Jungs. Sie wollen auch mal experimentieren und Abenteuer erleben. Foto: Privat

Herr Held, Sie haben den Autor Rainer Oberländer eingeladen, der vor Pädagogen zum Thema "Jungen stärken" spricht. Er stellt die Frage, welche spezielle Erziehung Jungs brauchen. Warum ist das heute noch ein Thema?

KARL-HEINZ HELD: Rainer Oberländer ist Landesjugendpfarrer und hat ein sehr interessantes Buch veröffentlicht: "Mit Jungen unterwegs". Das hat mir die Augen geöffnet. Und ich konnte jeden Tag an meinen drei Jungs selber verfolgen, was mit ihnen in der Schule passiert und was sie brauchen.

Was ist denn das Problem?

HELD: Viele Erzieherinnen und Erzieher sind der Meinung, dass Jungs schwieriger sind. Sie gelten als nicht so leistungsbereit, zum Teil aggressiver, vor allem in der Pubertät. Das ist ein Befund, der unter Pädagogen wabert. Der andere Pol ist die Tatsache, dass Mädchen in den vergangenen Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen haben. Sie gelten als leistungsbereiter und dringen in Männerdomänen vor.

Und die Jungs?

HELD: Meiner Erfahrung nach wollen Jungs, im Gegensatz zu Mädchen, nach außen wahrnehmbar sein. Sie suchen das Abenteuer, wollen experimentieren und vielleicht auch mal scheitern oder die eigenen Grenzen erforschen. Wenn ich als Lehrer zum Beispiel im Schulhof eine Spielkiste auspacke, dann nehmen die Jungs die Keulen und schlagen die Bälle quer über den Hof. Sie müssen einfach Kraft ablassen. Jungs brauchen auch andere Lernmethoden.

Und die beherrschen Lehrerinnen und Erzieherinnen nicht?

HELD: Das klassische erlebnispädagogische Element können auch Frauen. Aber vieles können sie nur ein Stück weit leisten. Jungs identifizieren sich bei Eigenschaften wie Kraft, Mut und Ausdauer an einem männlichen Gegenüber. Sie brauchen jemanden, der mit ihnen hinaus geht in den Wald mit einem Messer. Das Abenteuerliche fehlt aber in der Pädagogik oft.

Was soll sich also ändern?

HELD: Aus dem Kopf muss raus, dass Jungs gegenüber Mädchen immer schwieriger sind. Der erste Schritt wäre, zu akzeptieren, dass Jungs und Mädchen unterschiedlich sind. Und natürlich wäre es nützlich, wenn Jungen auch in der Pädagogik mehr männliche Bezugspersonen haben. Vorstellbar ist, dass sie in der Grundschule das Recht bekommen sollten, verstärkt männliche Lehrkräfte zu haben. Das halte ich für machbar. Wenn die Kinder und Jugendlichen ganztags in der Schule sind, fehlt es ihnen auch an der Zeit für Vereinsaktivitäten, wo sie diese Bedürfnisse stillen können. Es stellt sich also die Frage, wie sie in der Schule Grenzen erspüren können. Ich denke da an ein Schulfach "Erlebnis" .

Sie veranstalten den Vortrag am 7. November um 19.30 Uhr im Dietrich-Bonhoeffer-Haus in Zusammenarbeit mit dem CVJM. Der war früher mal ein reiner Jungenverein? War es damals besser?

HELD: Der CVJM hat gute Jungenarbeit gemacht. Aber alles hat seine Zeit. Auch das Miteinander von Jungen und Mädchen kann gut sein. Beides hat seine Berechtigung.

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