Jüdische Ärzte: Erst geachtet, dann geächtet

Mit der Machtergreifung der Nazis wurde jüdischen Ärzten die Berufstätigkeit immer mehr verwehrt. Dr. Susanne Rueß hat die Auswirkungen untersucht.

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Der Vortrag von Dr. Susanne Rueß in Jebenhausen stieß auf großes Interesse.

Groß war der Andrang am Sonntagabend im Jüdischen Museum der Stadt in der Alten Kirche Jebenhausen. Die Stuttgarter Ärztin Dr. Susanne Rueß spürte dem Schicksal derjenigen nach, die den Repressalien der nationalsozialistischen Machthaber nach der Machtergreifung Ende Januar 1933 sofort ausgeliefert waren: Gerade die jüdischen Ärzte waren es, denen die Berufsausübung erschwert, dann verboten wurde. Für viele sollte sich das als Glück im Unglück erweisen. Sie wanderten aus und retteten sich und ihren Familien das Leben.

Dr. Rueß untersuchte am Beispiel Stuttgarts die allgemeine Entwicklung und die Schicksale der 88 jüdischen Ärzte. Viele Unterlagen sind vernichtet worden, sodass es detektivischer Akribie bedarf, Licht ins Dunkel zu bringen. Gut strukturiert und lebendig vorgetragen, zeigte die Referentin die zunehmenden gesetzlichen Einschränkungen für die jüdischen Mediziner auf, die nicht mehr in öffentlichen Kliniken arbeiten durften oder ihre Kassenzulassung verloren. Die Einzelbeispiele, die doch typisch sind, machten einmal mehr deutlich, wie geachtete Mitglieder der Gesellschaft geächtet wurden und ihr Vaterland verlassen mussten.

So wie Dr. Erwin Hirsch, der ab 1931 Facharzt für Nervenheilkunde war und bereits im Juni 1933 nach Palästina auswanderte. "Er hat relativ gut Fuß fassen können", erfuhr Dr. Rueß im Gespräch mit der Tochter. In Auschwitz ermordet wurde Dr. Siegmund Karpeles. Er behielt als Teilnehmer des Ersten Weltkrieges zunächst die Kassenzulassung. Dr. Ruth Selke-Eissler verließ 1933 Stuttgart und ging nach Wien. 1938 gelang ihr die Flucht nach Amerika. Sie wurde in den 50er Jahren Präsidentin der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung.

Nach dem Vortrag entwickelte sich eine lebhafte Diskussion. Für Stadtarchivar Dr. Karl-Heinz Rueß ist der Vortrag Ansporn, die Schicksale der beiden Göppinger jüdischen Ärzte Dr. Salomon Krämer und Dr. Albert Salinger zu beleuchten.

Info Die Dissertation "Stuttgarter jüdische Ärzte während des Nationalsozialismus" wurde mit einem Forschungspreis ausgezeichnet. Sie ist im Buchhandel erhältlich.

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