JOAS NOTIZEN AUS DER PROVINZ: Wieder-Kehr

|

Da kehren die Schwaben seit Jahrhunderten brav von Hauskante zu Hauskante, wischen jedem eins aus, der auch nur dreckig lacht, und dann feiern die in Stuttgart den 60. Geburtstag von Baden-Württemberg. Das vergleichsweise unwichtige Landesjubiläum und nicht das der Kehrwoche! Dabei hätte es dieses Land ohne die besenreine Erfindung der Kehrwoche überhaupt nie gegeben. Deren historisch-soziologische Bedeutung wurde wieder einmal nicht erkannt. Immerhin standen bereits 1492 im Stuttgarter Stadtrecht richtungsweisende Gebote. "Damit die Stadt rein erhalten wird, soll jeder seinen Mist alle Wochen hinausführen, jeder seinen Winkel alle vierzehn Tage, doch nur bei Nacht, sauber ausräumen lassen und an der Straße nie einen anlegen." Viele solcher Erlasse sind seit Ende des 15. Jahrhunderts in Württemberg herausgekommen, um die Menschen "zu Ordnung und Sauberkeit im häuslichen Umfeld" anzuhalten. Eigentlich heißt es ja auch württembergische Kehrwoche. Wir wollen nicht wissen, wie es zu der Zeit in Baden ausgesehen hat.

In der Tat beschränkten sich die Verstöße in Württemberg über Jahrtausende hinweg darauf, dass rücksichtslose Gesellen bei der Kehrwoche die Kandel weggelassen haben. Sie wurden geteert, gefedert und aus der Stadt gejagt. So eine Einstellung hat den Erfolg dieses Landes erst möglich gemacht. Die Erfolgsgeschichte der württembergischen "Gassensäuberungs-Ordnungen" würde wahrscheinlich heute noch andauern, wenn der SWR nicht vor vier Jahren einen neuen "Tatort" aus Stuttgart ins Leben gerufen hätte, in dem die Kehrwoche nur noch "ein Randphänomen ist", wie der Intendant damals schamesrot eingeräumt hat. Seitdem gibt es immer mehr Leute, die monatelang ihr Trottoir nicht nass rauswischen, ja sich nicht einmal scheuen, ihren Unrat in ungeputzte Mülleimer zu schütten. Während die Zahl der Diebstähle von Kehrwochenschildern im gesamten Land bedenklich zunimmt, widmen sich die Fernseh-Kommissare Bagatelldelikten wie Mord.

Kein Wunder, dass es nur noch wenige Menschen gibt, die sich gegen den allgemeinen Kehrsittenverfall zur Wehr setzen - die wackeren Bürgervertreter in Ebersbach etwa. Von einer "Abkehr vom "Standard der schwäbischen Kehrwochenmentalität" wollen sie nichts wissen. Und der von der Verwaltung vorgeschlagene Verkauf der städtischen Kehrmaschine kommt für sie schon gleich gar nicht in die Müll-Tüte.

Warum die Ebersbacher partout kein günstigeres Privatunternehmen mit der Straßenreinigung beauftragen wollen? Dafür hat der frühere Stuttgarter Oberbürgermeister Erwin Rommel eine historische Erklärung: "Mir hen da Dreck erfunde, damit mr was zum putze hend."

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Hoher Schaden nach Wohnungsbrand in Salach

Bei einem Wohnungsbrand in Salach am frühen Samstagmorgen entstand ein hoher Schaden von etwa 50.000 Euro. weiter lesen