JOAS NOTIZEN AUS DER PROVINZ: Saure Gurken

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Politikern wird ja gemeinhin ein gewisses, wenn auch klitzekleines, Maß an Fantasielosigkeit unterstellt, was von Vertretern jener zu unrecht diskriminierten Minderheit manchmal nicht einmal bestritten wird. Unser hoch geschätzter Altkanzler Helmut Schmidt hat jenes gespaltene Verhältnis des homo politicus zum grenzenlosen Vorstellungsvermögen einmal auf schöne Weise umschrieben: "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen."

Um so mehr freut es uns, wenn wir - wie diese Woche in Ebersbach - Exemplare jener Spezies erleben, die mit Fantasie, Witz und Ideenreichtum an eine Sache herangehen. Das sieht die Chefin des Ebersbacher Stadtmarketings nicht anders. "Es ist toll, was wir in Ebersbach bewegt haben", sagt sie. Und in der Tat finden auch wir bewegend, welch kreatives Potenzial beim jüngsten Namenswettbewerb zur spontanen Explosion gebracht wurde. Aus der kritischen Masse von 170 unterschiedliche Vorschlägen, die in einem Topf voller Fantasie vor sich hinbrodelten, hat es die Jury in nächtelangen geheimen Auswahlverfahren mit traumwandlerischer Sicherheit geschafft, den originellsten heraus zu finden: Das Kauffmann-Areal heißt jetzt . . . Na? Richtig: Kauffmann-Areal.

Damit setzt sich ein Hang zur Schlichtheit im Landkreis Göppingen durch, der bereits 2002 seinen Anfang genommen hatte. Damals waren die Göppinger Stadträte bei der Namensgebung für einen neuen Bahnhofssteg geradezu über sich selbst hinausgewachsen. Auch zu der Zeit war es nicht leicht gewesen, aus 165 Wettbewerbsvorschlägen einen gleichermaßen genial einfachen wie einfach genialen Namen auszuwählen. Und doch war es gelungen. Der Bahnhofssteg erhielt den einprägsamen Namen "Bahnhofsteg". Nur die klitzekleine Extravaganz, das gewohnte Genitiv-s wegzulassen, haben sich die Politiker erlaubt. Toll.

Allerdings hat Göppingen den Spitzenplatz auf der nach oben offenen Originalitätsskala nur ein Jahr später abgeben müssen, und zwar ausgerechnet an die Nachbargemeinde Eislingen. Dort hatte sich der Gemeinderat im Gefolge eines Namenswettbewerbs mutig dazu durchgerungen, alle verbalen Tabus zu brechen und die neue Stadthalle "Stadthalle" zu nennen. Stadthalle "Stadthalle", ein sprachlich wohlklingender aber inhaltlich gewagter Doppel-Whopper, den wir den Eislinger Stadtvätern so nicht zugetraut hätten. Natürlich sind diese frühen Zeugnisse der Schlichtheit im Landkreis nicht zu vergleichen mit dem Ebersbacher Wohlklang "Kauffmann-Areal". Der klingt nach Freiheit und Abenteuer, nach heißen Shopping-Nächten, Leidenschaft und Salz auf unserer Haut. Kaum vorstellbar, dass dort früher saure Gurken produziert wurden.

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