INTERVIEW: Bestsellerautor Wladimir Kaminer über Schrebergartenglück

Die Russendisko machte ihn berühmt. "Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten" heißt Wladimir Kaminers neues Buch. Warum für ihn Schrebergarten nichts mit Spießerglück zu tun hat, erklärt er im Interview.

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Ob dieser Apfel wohl selbst geerntet ist? Wladimir Kaminer preist das Schrebergartenglück.  Foto: 

Herr Kaminer, verraten Sie mir ein Geheimnis: Wie kann man "Lieblingsrusse der Deutschen" werden, wenn man statt Wodka lieber Cognac trinkt?

WLADIMIR KAMINER: Wissen Sie, ich habe es aufgegeben, gegen Klischees anzukämpfen, und meine Strategie geändert: Dem üblichen Wodkarussen stelle ich als Erscheinung des neuen Zeitalters den Rotweinrussen gegenüber.

Aber sagen Sie unseren Lesern wenigstens, dass Borschtsch Ihr Leibgericht ist?

KAMINER: Das hängt davon ab, wer kocht. Wenn meine Schwiegermutter kocht, ist das ein fantastisches Gericht. Meine Kinder allerdings können die russische Küche nicht sonderlich gut leiden. Ihnen ist das alles zu fettig und schwer.

Sie beschreiben in Ihrem Buch das Leben auf dem Land, in Glücklitz in Brandenburg. Glücklitz - das klingt nach kleinem Spießer-Glück . . .

KAMINER: Nein, zu einem kleinen Spießer-Glück gehört mehr. Man muss viel besitzen. In meinem Buch geht es darum, sich in der Natur wieder zu finden, als ein Teil der Landschaft. Ich beschreibe ein Leben auf einem leeren Fleck zwischen Himmel und Erde. Da werden Dinge sichtbar, die in einem großstädtischen Leben gar nicht bemerkt werden. Es geht um Maulwürfe, Vögel, Katzen, ja sogar Mücken.

Sie sind mit Ihrem Erzählband "Russendisko" berühmt geworden, der auch verfilmt wurde. Können Sie mit Matthias Schweighöfer als Alter Ego leben?

KAMINER: Da hatte ich keinen Einfluss auf die Besetzung . . .

Aber Sie haben vielleicht eine Meinung?

KAMINER: Ich bin kein großer Kenner des deutschen Kinos. Aber es fällt auf, dass viele Stars in Deutschland spalten. Meine Kinder haben das alles mitgemacht: In der achten Klasse war es cool, Schweighöfer gut zu finden, in der zehnten dann war es dann uncool. Ich selber finde den Film schön. Das ist kein historisches Highlight, aber er tut gut und niemandem weh.

Warum schreiben Sie auf Deutsch und nicht in Ihrer Muttersprache Russisch?

KAMINER: Weil hier keine Sau Russisch versteht. Und ich bin auf eine breite Leserschaft angewiesen.

Genau, Sie sind ja die meiste Zeit unterwegs mit Lesungen und Vorträgen. Was sagt Ihre Frau denn dazu?

KAMINER: Sie hat sich daran gewöhnt. Irgend jemand muss doch arbeiten. Wir sind eine große Familie, und alle haben sehr viel zu tun. Aber so richtig arbeiten tun sie nicht.

Sie sagen, Sie seien "privat ein Russe, beruflich ein deutscher Schriftsteller". Was sind Sie, wenn Sie die Schlagzeilen von der Krim lesen?

KAMINER: Die Schlagzeilen treffen mich ins Herz. Ich schäme mich für mein Land . . .

Entschuldigung, aber Sie können doch nichts für Wladimir Putins Krim-Politik . . .

KAMINER: Mir geht es gar nicht um die Krim. Mir geht es um meine Heimat, um Russland, dessen Menschen es nach 25 Jahren Freiheit noch immer nicht geschafft haben, an die Zukunft ihres eigenen Landes zu glauben. Es ist sehr schade, dass die Menschen sich dermaßen aufgeben.

Blicken Ihre Landsleute zu viel in die Vergangenheit?

KAMINER: Nein, sie blicken gar nicht. Es gibt nur einen, der blickt. Und die Menschen haben nur die Wahl, entweder mit zu marschieren oder zu Hause zu sitzen.

Würden Sie jetzt gern in der Ukraine lesen?

KAMINER: Ich hatte zwei Lesungen in Odessa und habe gesehen, wie stark dort das Interesse an Europa ist. Um die Ukrainer mache ich mir keine Sorgen. Über kurz oder lang werden sie ihren Weg finden. Aber ich würde gern meinen Landsleuten helfen. Russland befindet sich in einer politisch-mentalen Krise. Und doch gibt es viele, die eine europäische Denke haben.


Am Donnerstag, 20. März, kommt Wladimir Kaminer mit dem Band "Diesseits von Eden. Neues aus dem Garten" nach Göppingen. Beginn ist um 20 Uhr in der Stadthalle.

Zur Person vom 15. März 2014
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