INTERVIEW · ULRICH TUKUR: Nie war der Stil eleganter als in den 20er und 30er Jahren

Heute ab 19.30 Uhr ist Ulrich Tukur live mit den "Rhythmus Boys" zu Gast im Uhinger Uditorium. Im Interview erläutert der renommierte Schauspieler seine Liebe zur Musik der 1920er Jahre.

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Was bedeutet Ihnen die Musik?

TUKUR: Musik ist für mich eine wahre Leidenschaft, von der ich glücklicherweise nicht leben muss. Sie ist für mich gleichsam ein Ventil und Ausdruck meiner Unabhängigkeit. Außerdem ist das eine wunderbare Befreiung, die ich in der Musik genieße. Unsere Band basiert auf der Freundschaft von vier "Para-Musikern" und Hochstaplern. Die Leichtigkeit und der Spaß an der Sache stehen dabei im Vordergrund.

Wie ist Ihr Verhältnis zur Schauspielerei?

TUKUR: Wissen Sie, ich brauche das nicht unbedingt. Ich bin passionierter Musiker, würde mich aber als "gehobenen Dilettanten" bezeichnen. Ich habe nicht den Anspruch, Profimusiker zu sein. Ich liebe einfach die Musik, das Klavierspielen und Singen, obwohl ich nichts von dem richtig beherrsche. Aber wir holen das mit Freude und Engagement wieder raus. Wenn wir eins nicht wollen, ist das Perfektion!

Sie hegen einen Schatz aus über 2000 Schellack-Platten. Bleibt Ihnen überhaupt noch die Zeit, selbst Platten aufzulegen und zu hören?

TUKUR: Ich habe eine alte Musiktruhe aus den 50er Jahren, auf denen man diese Platten ganz wunderbar abspielen kann. Sie steht bei mir zu Hause in Venedig. Wenn ich dort bin, greife ich in den Plattenschrank, lege eine Scheibe auf den Plattenteller, mache eine schöne Flasche Wein auf, setze mich hin, schaue über den Canale della Giudecca und genieße die Welt der Renaissance in der untergehenden Sonne. Dazu eine Platte von Oscar Joost und seinem Tanzorchester auf dem alten Grammophon - da kippen Sie aus Zeit und Raum . . .

Ist diese Sammlung auch Grundlage für Ihre eigenen Aufnahmen?

TUKUR: Ja, zum Teil. Darüber hinaus habe ich einen großen Fundus alter Noten und bin ständig auf der Suche. Bei der neuen Platte wollte ich bewusst ein paar alte italienische Lieder verwenden, als Verbeugung vor meiner neuen Heimat.

Welche Kriterien waren für die Songauswahl entscheidend?

TUKUR: Ich habe einfach geschaut, was komisch und spritzig ist. Und ich wollte unbedingt ein Lied, das an die große Zeit der englischen Music-Halls erinnert: eine tolle Kultur, die wir in Deutschland leider nie gehabt haben. Schließlich hat sich ein internationales Konglomerat an Liedern zusammengefunden.

Woher stammt Ihr besonderes Faible für diese Epoche?

TUKUR: Es gibt in der Kunst immer wieder Phasen, in der Form und Stil besonders hoch fliegen und eine besondere Eleganz erreicht wird. Was mich an dieser Zeit reizt, ist der erschütternde Hintergrund der großen Armut der 20er Jahre und einer grauenvollen Politik, die in den Zweiten Weltkrieg führte. Trotz dieser Armut und Orientierungslosigkeit haben die Menschen ihren Mut nicht an der Garderobe abgegeben, sondern sind dieses Leben in einer ganz zauberhaften Weise angegangen. Die Menschen hatten die besondere Fähigkeit, ihre Ängste vor einem erneuten Krieg und dem drohenden Untergang, in einer sehr eleganten Form zu feiern. Das ist etwas, was heute zumeist fehlt.

Sehnen Sie sich diese Zeit zurück?

TUKUR: Nein, ich bin sicher keiner, der sich diese Zeit zurück sehnt. Das war alles andere als lustig damals. Aber nie war die Mode eleganter, nie war die Haltung der Menschen flotter als in dieser Zeit, als ein ganzer Kontinent verbrannte. Das erscheint mir total paradox, und ich habe das auch nie richtig verstanden. Aber die Menschen wachsen in ihrer Stärke, wenn sie in besonderem Maße bedrängt sind. Ich interessiere mich sehr dafür, wie sich die Generationen vor mir im alltäglichen Leben bewährt haben. Das bringt mir sehr viel für mein persönliches Leben heute.

Hatten die Menschen damals mehr Fantasie?

TUKUR: Die Menschen mussten in den 20er und 30er Jahren viel mehr selbst erledigen als heute, und ich halte diese Dinge für sehr wichtig. Heute ist ein wahnsinnig stumpfes Konsumverhalten eingerissen. Gerade für die Fantasie, von der jeder Mensch eigentlich lebt und die man auch trainieren sollte, ist die heutige Kulturepoche kontraproduktiv.

Das klingt, als würden sie der heutigen Kultur nicht so viel abgewinnen können?

TUKUR: Die heutige Welt ist keine, in der ich mich wirklich wohl fühle. Ich lebe zwar gut im Hier und Jetzt und profitiere auch von vielen Dingen heute. Aber trotzdem versuche ich es irgendwie anders zu machen, als es heute normal ist. Ich finde die Welt der vorgefertigten Bilder und Produkte verheerend, in welcher die Menschen nur noch konsumieren und alles in sich hinein stopfen sollen, was ihnen vorgelegt wird.

Was darf man von Ihnen und den Rhythmus Boys nun auf der Bühne erwarten?

TUKUR: Wir werden auf jeden Fall etwas machen, das zwischen den Welten des Theaters, des Konzertes und des Varietés wandelt. Es wird auf keinen Fall ein stumpfes, konventionelles Konzert sein. Das Varieté wird einen großen Rahmen einnehmen, aber was sich konkret auf der Bühne ergibt, wird sich erst dann wirklich zeigen.

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