INTERVIEW · KONSTANTIN WECKER: Rebellisch, reif, ironisch - und ein klein wenig bekloppt

Mit "Wut und Zärtlichkeit" hat der Liedermacher Konstantin Wecker sein erstes Studioalbum nach sechs Jahren veröffentlicht. Seit Herbst ist er nun unterwegs mit seiner Band sowie alten und neuen Songs.

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Herr Wecker, diese Frage muss ich einfach stellen: Sind Sie bekloppt?

KONSTANTIN WECKER: (überlegt) Wenn man durch so lange Zeit seine Ideen verfolgt durch alle Gehässigkeiten hinweg, dann muss man etwas bekloppt sein.

Sie wissen, auf was ich anspiele? Sie erhalten im Juni den Prix Pantheon in der Kategorie "Reif und bekloppt". Finden Sie sich darin wieder?

WECKER: Zunächst hat es mich schon gewundert, dass das ein Ehrenpreis sein soll (lacht) . . . Aber wenn man sieht, welche großartigen Vorgänger dieser Preis hat, Leute etwa wie Dieter Hildebrandt, Georg Schramm oder Gerhard Polt - in dieser Linie der Bekloppten fühle ich mich sehr wohl.

Wahrscheinlich muss man wirklich im positiven Sinn verrückt sein, um 45 Jahre lang immer wieder auf die Bühne zu gehen . . .

WECKER: In gewissem Sinne schon. Aber diese Verrücktheit hält mich auch am Leben. Es ist wirklich so, dass ich mich jeden Abend auf mein Konzert freue. Zum Beispiel heute Abend auf meinen Auftritt in Graz.

Nach so langer Zeit . . .

WECKER: Ja, das ist schon verwunderlich. Ich hab ein schönes Häuschen in der Toskana, in das ich mich zurückziehen könnte. Und ich probiers ja manchmal auch, so für ein, zwei Monate.

Länger gehts nicht?

WECKER: Länger gehts nicht, weil ich dann etwas unleidlich werde.

Sie sind ja bekannt dafür, dass Sie Ihre Lieder moderieren, Anekdoten, Poesie und Politisches aufs Tapet bringen. Auch auf der neuen Tour?

WECKER: Ja, ganz sicher. Und Humor kommt auch nicht zu kurz.

Also tritt der Wecker, der die Welt verändern will, in den Hintergrund?

WECKER: Ich habe, sagt man mir, jetzt im Alter eine gewisse Form von Ironie gefunden. Man kann nicht allen Ernstes glauben, dass man die Welt verändert. Ich hab ja gesehen, wie sich die Welt geändert hat, und ich muss sagen: Ich wars nicht!

Aber für viele sind Sie nach all den Jahren der zornige, aufbegehrende Rebell geblieben. Ehrt Sie das? Oder können Sies nicht mehr hören?

WECKER: Nein, im Moment ehrt mich das. Wir sind ja gerade in einer Situation - und ich merke das am Zuspruch des Publikums und gewisser Medien - dass sich manche sagen: Vielleicht hat er ja recht gehabt, dass er so stur geblieben ist in seinen Vorstellungen von einer gerechteren Welt. Man muss schon sehr vernagelt sein, wenn man glaubt, dass das, was im Moment abläuft, der Menschheit zum Vorteil gereicht.

Zu Ihrer Tour: Ist Ihr langjähriger Pianist Jo Barnikel wieder dabei?

WECKER: Ja klar. Den bezeichne ich mittlerweile als meinen musikalischen Lebensgefährten. Daneben sind zwei weitere fantastische Musiker dabei: der Pedal-Steel-Weltmeister Nils Tuxen und der Alleskönner Jens Fischer, der sogar das Wagnis auf sich nimmt, in einem Wecker-Konzert zu tanzen (lacht).

Sind auch die alten Lieder, etwa "Genug ist nicht genug", zu hören?

WECKER: Ich hab einen kleinen Block mit Reminiszenzen aus den 70er Jahren. Und dann gibt es Lieder, die nie fehlen: etwa "Wenn der Sommer nicht mehr weit ist".

Singen Sie inzwischen auch den Willy wieder?

WECKER: Nein, aber nicht, weil ich nicht mehr dahinterstehen würde. Aber das ist so ein emotionales Thema. Es gibt ein paar Lieder, wenn man die jeden Abend auf der Bühne singt, dann ist das irgendwann nur noch Attitüde. Ich hab ja verschiedene Fassungen geschrieben, etwa den Griechen-Willy. Aber ich habe so viele aktuelle Lieder dabei, dass ich auf den Willy verzichte.

Sie treten weiterhin in ausverkauften Häusern auf, aber Ihre Lieder sind nur selten im Radio zu hören. Hört Ihr Publikum kein Radio?

WECKER: Ich habe mir im Lauf der Jahrzehnte schon einen gewissen Stamm aufgebaut. Ich bin ja ein Nischenkünstler, keine Frage. Ich habe nie in den 10 000er-Hallen gesungen. Bestimmte Arten von Texten sind einfach nicht massenkompatibel. Aber meine alten Fans führen mir wieder neues Publikum zu: Ich erlebe oft, dass Kinder und sogar Enkel mit ins Konzert kommen. Und dann natürlich auch Youtube.

Gehen Sie im Sommer wieder mit Hannes Wader auf Tournee?

WECKER: Nein, wir nehmen erstmal eine Auszeit. Vielleicht wieder zu unserem 80. Geburtstag . . .

Info Am 19. Mai gastiert Konstantin Wecker ab 20 Uhr in der Stadthalle in Göppingen. Karten im Vorverkauf gibt es bei der NWZ in Göppingen.

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