In jedem Auto ein Spion

Spione allerorten: Diese Furcht geisterte vor 100 Jahren durch Göppingen. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde die Gerüchteküche kräftig geschürt. Jedes Auto war verdächtig.

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Am Beginn des Ersten Weltkriegs - hier eine Bekanntmachung - grassierte die Furcht vor Spionen.  Foto: 

"Die Aufregung war groß in der Stadt", meldete der "Hohenstaufen", die führende Zeitung im Oberamt Göppingen, drei Tage nach Kriegsbeginn. "Ein Gerücht jagte gestern das andere." So waren angeblich französische Spione aus Heidenheim mit einem Sarg im Auto angehalten worden. Die Leiche stimmte, die Spione nicht. Diese Leute hätten tatsächlich die Leiche einer Angehörigen transportiert, die in Freudenstadt gestorben sei. Abends hieß es gar, die Göppinger Wasserleitung sei vergiftet worden. Der Anhaltspunkt: Im Nassachtal seien zwei Automobile gesehen worden, "und die Automobile sind gegenwärtig alle verdächtig".

Ein Rätsel gab das nächste Gerücht auf: In Gingen sei ein Auto angehalten worden, ein Mann sei geflüchtet und im Wald von Grünenberg spurlos verschwunden. Dasselbe Auto mit Chauffeur sei dann in Plochingen angehalten worden. Fragte sich der "Hohenstaufen": "Aber wie ist es nach Plochingen gekommen?" Sodann sei ein herrenloses Auto bei Schorndorf entdeckt worden. Der "Hohenstaufen" behielt kühlen Kopf: "Die Gerüchte zeigen nur, wie fieberhaft die Phantasie zurzeit in allen Köpfen arbeitet."

Sie wurde freilich auch gut angeheizt. Französische Spione, so lasen die Göppinger tags zuvor in ihrer Zeitung, seien bei Freudenstadt verhaftet worden, als sie die Eisenbahnbrücke hätten sprengen wollen. Von 80 Zentner Sprengstoff war die Rede, auch vom Versuch, die dortige Wasserleitung zu vergiften. Ein beständiger Verdacht in jenen Tagen.

Die Storys am nächsten Tag: Zwei Serben hätten am Hauptpostamt in Stuttgart Telefondrähte durchgeschnitten, französische Spione bei Waiblingen ihr Unwesen getrieben. Teils seien sie als Frauen verkleidet, teils als Arbeiter getarnt gewesen.

Das Gift des Misstrauens wirkte. Verdächtig waren nicht nur Autos. Im "Apostel"-Hotel wurden am 4. August zwei Gäste kontrolliert, ein gewisser Oberleutnant Bellino übernahm das persönlich. Wie sich herausstellte, waren das Herren von der österreichischen Armee, die in Feuerbach "Autozünder" bestellen wollten. Auf der Weiterfahrt wurden sie zwischen Reichenbach und Plochingen noch einmal angehalten.

Auch wenn "mindestens die allermeisten Gerüchte unbegründet waren", wie die Zeitung schrieb: Den Göppingern wurde eingeschärft, "nach allen Seiten und allen Orten ein wachsames Auge zu haben." Bürger sollten Gendarm spielen und Verdächtige verhaften, "selbst auf die Gefahr eines Mißgriffs hin". Der Bedrohungs-Wahn gipfelte in einer wahren Wagenburg-Hysterie: "Die Landbevölkerung steht allerorts wachsam mit Gewehren Posten, um jeden Verdächtigen niederzuschießen."

Geschossen hätte man auch auf einen französischen Flieger, der am 3. August angeblich im Anflug war. "In den Mittagsstunden wurde er über Göppingen erwartet. Er kam aber nicht", berichtete der "Hohenstaufen". Es hieß dann, er sei über Bartenbach geflogen, und der Knall, der zu hören gewesen sei, sei mitnichten eine Bombe gewesen, sondern eine Salve, "die einem vermeintlichen Flieger galt".

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