Hundestaffeln proben Ernstfall

Erstmals fand am Samstag im Kreis Göppingen eine Landesübung des Bundesverbands Rettungshunde (BRH) statt. Die BRH-Staffel Mittlerer Neckar lieferte einen gelungenen Nachweis ihrer Einsatzfähigkeit ab.

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  • Golden Retriever Chevivo sucht in dem Trümmerhaufen aus Steinen und Holzteilen einen Verunglückten - und wird schnell fündig. Allein in Deutschland werden jährlich etwa 100 000 Menschen als vermisst gemeldet. Fotos: Sabine Ackermann 1/2
    Golden Retriever Chevivo sucht in dem Trümmerhaufen aus Steinen und Holzteilen einen Verunglückten - und wird schnell fündig. Allein in Deutschland werden jährlich etwa 100 000 Menschen als vermisst gemeldet. Fotos: Sabine Ackermann
  • Explodierte Gasflasche, vermisster Hausmeister, verschwundene Angler: Bei der Landesübung am Samstag hatten die Einsatzteams viel zu tun. 2/2
    Explodierte Gasflasche, vermisster Hausmeister, verschwundene Angler: Bei der Landesübung am Samstag hatten die Einsatzteams viel zu tun.
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"Gut, dass ihr endlich da seid." Die beiden Rettungshundeführer, Achim Friedel und Marie-Theres Fetzer, die mit ihren Hunden Chevivo und Balko per Hubschrauber zum Einsatzort geflogen sind, werden bereits dringend erwartet. Wegen des starken Gegenwinds hatte der Rettungsheli mit seiner wichtigen tierischen Fracht rund 20 Minuten Verspätung.

"Wir haben folgende Ausgangslage: Auf dem Gelände der Privatschule ist bei Schweißarbeiten eine Gasflasche explodiert, zum Glück waren keine Schüler oder Lehrer anwesend. Doch der Hausmeister wurde schwerverletzt ins Krankenhaus gebracht und von seinem Gehilfen fehlt bisher jede Spur. Da er aber Epileptiker ist und vergessen hat, seine Medikamente einzunehmen, ist ein schnellstmögliches Auffinden dringend notwendig", informiert Christa Göttert von der Rettungshundestaffel Mittlerer Neckar ihre Kollegen.

Die Helfer stellen noch ein paar Fragen zu der vermissten Person, dann macht sich als erstes der Golden Retriever Chevivo in dem noch qualmenden Trümmerhaufen aus Steinen und Holzteilen auf die Suche nach dem Verunglückten. Was tatsächlich so passiert sein könnte, war am Samstag nur eine Übung.

Allein in Deutschland werden jährlich etwa 100 000 meist ältere Menschen oder Kinder als vermisst gemeldet. Viele von ihnen haben eines gemeinsam: Die Vermissten befinden sich in einer lebensbedrohlichen Lage. Auch aus diesem Grund richtet die bundesweit älteste sowie mit 80 Staffeln größte Rettungshundevereinigung BRH Bundesverband Rettungshunde regelmäßig ihre Landesübungen aus. In Baden-Württemberg ist der BRH mit seinen insgesamt 15 Staffeln eine vom Innenministerium anerkannte Katastrophenschutzorganisation. "Als BRH Mittlerer Neckar inszenieren wir diesmal in den Landkreisen Göppingen und Esslingen ganz unterschiedliche Suchaufträge in Trümmerlagen oder Waldflächen", erklärt Staffel-Leiter Peter Göttert.

Die zentrale Leitung der Großübung befindet sich in Jebenhausen. Von dort werden die einzelnen Rettungsteams in ihre Einsatzorte von Altbach über Deggingen bis nach Nürtingen geschickt. Göttert ergänzt: "Die Zusammenarbeit einzelner Module sowie der mitwirkenden Organisationen wie dem Technischen Hilfswerk oder der Freiwilligen Feuerwehr ist ebenfalls Ziel und Inhalt der Übung."

Ein so genantes RettungshundeModul des Katastrophenschutzes besteht nach Vorgaben des Innenministeriums aus einem Mannschaftswagen mit siebenköpfiger Besatzung. Diese besteht aus dem Gruppenführer, drei Rettungshundeteams sowie drei Suchgruppenhelfern. Zwar laufen bei dem 62-jährigen Schlierbacher Göttert alle Fäden zusammen, trotzdem arbeitet jedes Modul autark. "Gewisse Feinheiten sollen die Teams selbst überlegen. Jeder hat ein Mitspracherecht, denn es geht um die Gemeinschaft und nicht darum, wer wann was zu bestimmen hat. Mensch wie Hund sollen sich gleichermaßen wohlfühlen", betont Göttert, der bereits seit mehr als 30 Jahren zum BRH Mittlerer Neckar gehört.

Plötzlich schlägt Chevivo vor einem kleinen Spalt an. Vor dem Trümmerhaufen, der zuvor vielleicht mal ein Schuppen war, gibt das Tier seinem Herrschen zu verstehen: Da ist jemand drin. Zur Sicherheit wird als zweiter Trümmer- und Flächensuchhund der Appenzeller Sennenhund Balko losgeschickt, der den Fundort seines tierischen Kollegen schwanzwedelnd bestätigt. Nicht umsonst sind beide Vierbeiner auch im Ausland aktiv, denn wegen des Katastrophentourismus dürfen längst nur noch zertifizierte Gruppen im Ausland helfen.

Nachdem die wichtigste Aufgabe - das schnelle Aufspüren der vermissten Person - erfolgreich erledigt ist, sind Feuerwehr und Sanitäter mit der Bergung und Versorgung des Verletzten an der Reihe. "Habt ihr den Wolfgangsee gefunden?" fragt Einsatzleiter Uwe Osswald, der mit Matthias Bliederhäuser-Nille am Stützpunkt in Jebenhausen auf dem Firmengelände der OVG die Stellung hält. Ein kleiner Weiher dieses Namens bei Adelberg ist das Ziel. Am frühen Morgen, so die Annahme bei der Übung, angelten dort noch zwei Männer, plötzlich fehlt von einem jede Spur - wiederum ein klarer Einsatz für einen Suchhund.

Auch in Nürtingen wird eine Person vermisst. "Dort haben wir seit Jahren praktisch ein Abo in der Psychiatrie. Viele Patienten kehren von ihren Ausflügen in das mittlerweile stillgelegte alte Krankenhaus und nicht in die psychiatrische Abteilung der neuen Klinik zurück. Und der verlassene Altbau hat viele Schlupfwinkel", weiß Peter Göttert.

Bei rund 95 Prozent der BHR-Einsätze geht es je zur Hälfte um Hilfe für Demenzkranke und Suizidgefährdete, in den übrigen Fällen werden Kinder oder Menschen mit andern Problemen vermisst. Es sind immer Einsätze, die nicht vorhersehbar sind und bei denen die zwei- und vierbeinigen Helfer oft an ihre Grenzen gehen. So wussten auch die rund 200 ehrenamtlichen Einsatzkräfte nicht, was bei der Landesübung auf sie zukam. "Wir bauen da manchmal kleine Fallen ein. Mal ist der Einsatzleiter ein Besserwisser und Profilneurotiker oder die Unglücksstelle ist schwer zugänglich. Nur dadurch lernen die freiwilligen Helfer richtig zu reagieren", sagt der 62-jährige Staffelleiter.

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