Hoffnung für Krebspatienten

Schonender, schneller, präziser. Gerd Becker schwärmt von den Vorteilen des neuen Linearbeschleunigers in der Klinik am Eichert. Die moderne Strahlentherapie gibt Krebspatienten Hoffnung , so der Professor.

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Nein, es geht nicht um den Antrieb eines Raumschiffes - das Großgerät der Göppinger Klinik am Eichert, das ein bisschen an eine überdimensionierte Trockenhaube erinnert, heißt nur so: Linearbeschleuniger. Der Apparat steht in einem 400 Quadratmeter großen Anbau mit meterdicken Wänden aus Spezialbeton. Sicherheit wird groß geschrieben in der Klinik. Die futuristische anmutende Apparatur soll kein Space Shuttle durchs All schießen, sondern die Heilungschancen von Tausenden von Krebskranken verbessern.

Rund 60 Prozent aller Tumorpatienten werden im Laufe der Therapie bestrahlt, Elektronen oder Röntgenstrahlen zerstören das Tumorgewebe. Fälle für Professor Dr. Gerd Becker und sein 50-köpfiges Team aus Fachärzten, Medizintechnischen Assistenten und Medizinphysikern. Der Chefarzt der Radioonkologie und Strahlentherapie bekommt leuchtende Augen, wenn er von der jüngsten Errungenschaft seiner Klinik redet. "Der neue Linearbeschleuniger ermöglicht eine zielgenaue Bestrahlung mit optimaler Schonung der umliegenden Organe und des Gewebes", schwärmt er von dem High-Endgerät, über das nur drei Kliniken in Baden-Württemberg verfügen - neben Göppingen, das Klinikum in Esslingen und die Uni-Klinik in Ulm. Damit könnten Nebenwirkungen stark reduziert werden, während die Heilungschance weiter steige, sagt der Ärztliche Direktor. Ein Jahr lang wurde an der Göppinger Klinik auf die Inbetriebnahme des neuen 3,5 Millionen Euro teuren Großgeräts hingearbeitet. Inzwischen ist das alte Gerät abgebaut.

Ein Team aus Medizinphysikern hat die neue Technologie monatelang eingemessen, justiert und kontrolliert, bevor sie schrittweise in den klinischen Betrieb übernommen wurde. "Die gesetzlichen Auflagen sind bei Bestrahlungsgeräten sehr streng", berichtet Professor Becker. Der Strahlenschutz und die Qualitätssicherung hätten dabei oberste Priorität.

Rapid Arc - ein Kunstwort aus den beiden Begriffen Geschwindigkeit und Umdrehung - nennt sich die Technik, die es dank äußerster Präzision ermöglicht, selbst sehr komplexe Tumore zu bestrahlen, was früher nicht möglich war. Wucherungen etwa, die sich um die besonders strahlenempfindliche Niere gelegt haben. "Das neue Gerät hat die Möglichkeit, schneller zu bestrahlen", schildert Professor Becker einen der Vorteile. "Damit ist die Liegezeit kürzer, die Ungenauigkeit durch Bewegungen der Patienten geringer und wir können die Sicherheitsabstände knapper wählen." Mit der bisherigen Technologie betrug die Liegezeit des Patienten 15 bis 20 Minuten. "Heute ist das in einem Bruchteil dieser Zeit möglich", erklärt der Chefarzt.

Letztendlich geht es um eine äußerst genauestens dosierte Abgabe der Strahlen. Der Patient befindet sich auf einer Liege, während sich das Gerät um ihn herumbewegt, um dabei eine Unzahl von Datenpunkten zu erfassen und alle zehn Millisekunden die Dosierung zu überprüfen. "Dabei schieben sich Bleilamellen in den Strahlengang oder sie öffnen sich", erläutert Wolfgang Wittmoser, der leitende Medizinphysik-Experte die Vorgänge im Beschleuniger. Jede der 120 Bleilamellen wird durch einen Elektromotor gesteuert und kann dynamisch in verschiedene Richtungen bewegt werden, während der Strahlerkopf um den Körper rotiert.

Wittmoser gehört zu dem Überwachungsteam aus Medizintechnischen Assistenten, Medizinphysikern und Ärzten, die die Bestrahlung im Nebenraum auf mehreren Monitoren verfolgen. Sogar die Lunge kann bestrahlt werden, obwohl sie ständig in Bewegung ist. Die so genannte Intensitätsmodulierte Strahlentherapie (IMRT wurde zwar in der Klinik am Eichert schon lange vor der Inbetriebnahme des neuen Linearbeschleunigers angewandt. Das onkologische Zentrum der Klinik am Eichert kann schon seit Jahren auf beste Heilungsergebnissen beim Mamma- Prostata- und Dickdarmkarzinom verweisen. Jetzt aber ist die Bestrahlungstherapie an einem Punkt, der Professor Becker Anlass zu den größten Hoffnungen gibt.

Bei aller Technik sei es allerdings wichtig, dem Patienten die Angst zu nehmen. "Das ist ganz wichtig", sagt der Chefarzt. Der erste Sicherheitscheck läuft bereits in der Ambulanz. Dort überprüfen die Fachärzte, ob die Befunde plausibel sind, ob alles zueinander passt. "Erst wenn wir sicher sind, können wir dem Patienten erklärten, wie und warum er von einer Strahlentherapie profitieren wird." Dann wird ein aufwändiger Bestrahlungsplan erarbeitet. Der Patient macht Bekanntschaft mit einem ringförmigen Simulator, in dem mit modernsten bildgebenden Verfahren wie der Computertomographie alle Krankheitsherde identifiziert und alle wichtigen Daten zusammengetragen werden. Jetzt schlägt die Stunde der Medizinphysik-Experten. Sie sitzen in einer Art Kommandobrücke vor ihren Bildschirmen und bereiten an ihren Rechnern den gesamten Bestrahlungsverlauf vor. Das Ärzteteam legt fest, was wie stark wo bestrahlt wird. Es geht um die Zielregion, die verschiedenen Intensitätsbereiche, die Dosisverteilung, den Einstrahlwinkel, die Dauer und um noch viele andere Parameter. In früheren Zeiten mussten die Fachärzte etwa bei Bestrahlungen von Brustkrebspatientinnen, das Herz oder die Lunge belasten. Bei der Behandlung von Prostatakarzinomen bestand die Gefahr von Reizungen an Blase und Darm. "Mit der modernen Technik haben wir vor allem an der Haut überhaupt keine Reaktionen, ganz wenige am Darm und auch von der Blase wird diese Behandlung heute besser vertragen", berichtet Professor Becker.

"Wir wissen welche Dosis ein gesundes Gewebe toleriert, sagt Thomas Clewing, der leitende Medizinisch Technische Assistent. Der Aufwand, die für den Patienten optimale Bestrahlung zu finden, ist immens: Manchmal sitzt ein Team eine Woche vor den Rechnern um die bestmögliche Vorgehensweise vorzubereiten. Ohne Computer bräuchte man gut 200 Jahre, um einen exakten Bestrahlungsplan ausrechnen zu können. "Es ist phantastisch, was moderne Computersysteme in Minuten leisten können", erklärt Professor Becker. Erst wenn der Plan steht, kommt der Linearbeschleuniger zum Einsatz. Bevors l der in dem Gerät integrierte Computertomograph die Lage des Patienten, lokalisiert die Bestrahlungsregion, vergleicht sie mit vorherigen Untersuchungsergebnissen und richtet sich entsprechend aus. "Die Form des Bestrahlungesfeldes und die Strahlendosis passen sich während der Bestrahlung ständig Form und Position des Tumors an", so Professor Becker. Das bedeute, dass man den größten Teil der Patienten ambulant behandeln könne. "Viele sind sogar parallel zur Behandlung berufstätig. "

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