Henning Scherf: "Merkel finde ich stark"

Er versteht sich als politischer Enkel von Willy Brandt und hat sich als pragmatischer SPD-Linker auch in herausragenden politischen Ämtern einen Namen gemacht. Im Interview sprach Henning Scherf über die Sozialdemokratie, Brüche und Umbrüche in unserer Gesellschaft.

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Herr Scherf, Sie sind ein langjähriger SPD-Spitzenpolitiker. Zu welchem Lager innerhalb der Sozialdemokraten zählen Sie sich?

HENNING SCHERF: Ich bin über meine Eltern und meine Kirchengemeinde politisiert worden. Wir sind zunächst in der Gesamtdeutschen Volkspartei von Gustav Heinemann gelandet. Mit ihm bin ich als Junge zur SPD gekommen. Zuerst war ich bei den Jusos und dann auch später Mitglied der SPD. Ich war aber nie Marxist. Herbert Wehner hat gesagt, so Typen wie wir sind Pietcong. Also wir seien Radikale, aber mit christlichem Hintergrund. Ich habe mich immer sehr an Willy Brandt orientiert. Ich fühle mich so wie einer seiner politischen Enkel, bin mit seinem Sohn befreundet. Der Jüngste, Matthias, hat beispielsweise bei uns im Haus gewohnt. Wenn man sich als Brandt-Anhänger innerhalb der SPD outet, ist man meistens links.

Waren Sie dann mit der Politik von Gerhard Schröder zufrieden?

SCHERF: Nein. Der war mir zu neo-liberal. Schröder hatte richtig Frust mit den Gewerkschaften und mit den traditionellen ökonomischen Konzepten der Linken und wollte unbedingt das anpacken, was Kohl selber sich nicht getraut hat. Schröder ist dann richtig unter Druck geraten: Wenn ich jetzt nix mache, verliere ich wegen Untätigkeit. Und dann kam der Streit mit Oskar Lafontaine. Da hat es ja richtig gekracht und Lafontaine ist dann verschwunden, hat die Linke gegründet und unglaublich polemisiert, besonders gegen Schröder. Das hat Schröder umso entschlossener gemacht. Der Lafontaine hat mit seiner Politik den Schröder nicht müde und kaputt, sondern ihn erst richtig zornig gemacht. Und in diesem Zorn hat Schröder sich angelehnt an Tony Blair, das war für ihn wichtig, und sich sehr mit neo-liberalen Konzepten vertraut gemacht. Mit seiner Agenda 2010, mit der er ja berühmt geworden ist, weil sie die Voraussetzung war und ist, dass die bundesrepublikanische Wirtschaft so ein richtig vorzeigbarer Motor für Europa wurde. Davor waren wir der kranke Mann in Europa.

Und was hat Schröders Politik innerhalb der SPD bewirkt?

SCHERF: Schröder hat sich mit seinem Gewaltakt, der Agenda 2010, sehr nach rechts bewegt und hat mit dazu beigetragen, dass die Linke stark geworden ist. Helmut Schmidt hat die Grünen produziert und Schröder hat die Linke produziert. Die Partei hat unter zwei SPD-Kanzlern einen Teil ihrer Wähler und einen Teil ihrer Mitglieder verloren. Das muss man ganz nüchtern sagen. Aber trotzdem ist Schröder bis heute davon überzeugt, dass er richtig gelegen hat. Es sagt: Seht euch mal um, wie wir überall in der Welt beguckt werden, es ging nicht anders. Der Hollande, der auch so links angefangen hat und jetzt merkt, er bekommt die französische Wirtschaft überhaupt nicht in Schwung, fängt nun genauso an wie Schröder, auch mit neoliberaler Politik.

Was haben Sie anders gemacht?

SCHERF: Ich bin immer ein Stück mehr an der Parteibasis gewesen. Klar, ich war nicht in der Bundesregierung und wollte das auch nicht. Ich wollte meinen Laden vor Ort zusammenhalten und ich wollte meine Große Koalition begründen. Ich habe es leichter gehabt als Schröder. Das ist auch der Grund dafür, dass ich so einen erfolgreichen Impetus gekriegt habe. Ich war einer der wenigen, die während der Schröder-Regierungszeit gegen den Trend Landtagswahlen gewonnen haben. Weil ich eben Große Koalition machte und weil ich es anders machte als die in Berlin. Das hat mir und uns Bremern sehr geholfen.

Wie hat der Ex-Kanzler darauf reagiert?

SCHERF: Schröder hat das gefreut, muss ich fairerweise sagen. Klar, er wollte sicherlich zeigen, man kann auch während seiner Kanzlerschaft als regionaler SPD-Mann Wahlen gewinnen. Er wollte zeigen, dass nicht alles an ihm liegt. Ich weiß noch, wie er mich nach meinen Wahlerfolgen immer gebeten hat, nach Berlin zu kommen. Ich sollte dort den Presse- und den SPD-Leuten erklären, wie ich Wahlen gewinne. Das habe ich auch gemacht. Weil er sagte: Guck mal, lernt mal von dem. Ihr müsst euch nicht immer an mir abarbeiten, ihr müsst selber auch einen Schlag dazu beitragen. Das hat er übrigens auch in Richtung Baden-Württemberg gesagt, die ihre Große Koalition in Baden-Württemberg wie eine Quälnummer erlebt haben unter Maurer. Der linke Maurer war hier SPD-Landesvorsitzender. Die haben bei der Wahl fürchterlich einen auf den Kopf bekommen, weil sie sich, so ist meine Erklärung, pausenlos vom Koalitionspartner abgegrenzt haben und bei den Wählern ankam, die streiten sich ja nur, die machen ja gar nichts zusammen. Das wollen die Leute nicht hören. Die Leute wollen hören, dass die sich zusammenraufen, dass die was machen und dass es Ergebnisse gibt. Das ist entscheidend. Und nicht, ob ich den anderen die Schuld zuweise. Das habe ich alles gelernt. Und daraus habe ich, finde ich, die richtigen Konsequenzen gezogen.

Fanden Sie denn die Agenda 2010 richtig?

SCHERF: Ich war Vorsitzender des Vermittlungsausschusses und musste diesen Kompromiss verhandeln. Ich war überall dabei. Wir haben Details überhaupt nicht überrissen. Das waren mehr als 2500 Gesetzesseiten. Wir haben uns in dem Vermittlungsausschussverfahren immer nur auf die Streitpunkte konzentriert, nicht auf die anderen. Wir wollten ja schließlich keine neuen Streitpunkte produzieren. Wir haben uns auf das gegenseitige Zusammenkommen konzentriert. Im Nachhinein, als dann die Gerichtsverfahren losgingen und die Sozialgerichte uns ständig etwas auf den Kopf gehauen haben, da ist mir schrittweise erst klar geworden, dass wir vieles wirklich nicht gut gemacht haben, dass wir vieles übersehen und zu schnell gemacht haben. Und ich beobachte, seitdem Schröder nicht mehr da ist, dass unter Frau Merkel mit den FDP-Leuten und jetzt unter den Großen Koalitionären, ganz behutsam das große Reformwerk, das uns wirtschaftlich sehr geholfen hat, aber das neue sozialpolitische Ungerechtigkeiten produziert hat, dass das jetzt so stückweise korrigiert wird. Wenn man so große Weichenstellungen macht, gelingt es selten, eine Punktlandung zu schaffen. Ganz oft ist es dann auch so, dass man Fehler macht und dann über das Korrigieren der Fehler eigentlich erst zu verträglichen Verhältnissen kommt. Und das passiert bis heute bei der Agenda 2010.

Was sind Sie für ein Mensch?

SCHERF: Ich bin sehr familiengeprägt durch meine Eltern und meine Geschwister. Am Anfang war ich auch sehr kirchlich geprägt. Ich sollte Pastor werden, weil ich am Reformationstag geboren wurde. Meine Frau und ich haben als Studenten sehr früh geheiratet. Wir sind jetzt im 54. Jahr verheiratet. Das ist das wichtigste in meinem Leben, dass ich diese Frau gefunden habe. Und ich liebe meine Kinder und Enkelkinder sehr. Außerdem bin ich durch meine Kirchengemeinde sehr, sehr pazifistisch erzogen worden. Ich bin Kriegsdienstverweigerer und ich bin bis heute davon überzeugt, dass Kriege zu führen ein katastrophaler Unsinn ist. Denn ich bin vielmehr an zivilgesellschaftlicher Verständigung interessiert. Auch bin ich schon sehr früh internationalistisch geworden. Ich wollte früher Missionar in Afrika werden.

Was sagen Sie dann zu den Thesen Ihres Genossen Thilo Sarrazin?

SCHERF: Die halte ich für abgrundtief falsch. Ich bin auch ganz entsetzt darüber, dass wir den nicht rausgeschmissen haben. Ich hätte ihn natürlich rausgeschmissen. Ich kenne ihn gut. Ich weiß, dass er ein Zyniker ist, der einen Spaß daran hat, andere Leute zu ärgern, besonders seine eigene Truppe. Es ist ein unseliges Schreiben und Reden, was der macht. Da bin ich sehr unglücklich drüber.

Was für Fehler haben Sie selber bei sich festgestellt?

SCHERF: Ich kann sehr ungerecht sein. Kann auch jähzornig werden. Ich bin leider kein Sanfter. Alle Welt denkt ich bin so ein Sanfter, so ein Friedlicher. Nein. Ich bin leider auch cholerisch und habe leider auch Fehler gemacht, bin für sie abgestraft worden und habe es dann aber auch kapiert. Dadurch habe ich mich einerseits angreifbar gemacht, andererseits hat mir das auch immer wieder Unterstützung bei meinen Wählern eingebracht. Wenn man sich wie ein Diplomat in der Politik verhält, wird man nicht gewählt. Dann gilt man als meinungslos, feige und nicht nah an den Leuten dran. Selbst Fehler kann man machen, wenn man sie danach auch eingesteht.

Aber Frau Merkel wird doch auch gewählt.

SCHERF: Merkel ist für mich eine richtige Überraschung. So etwas hab ich noch nicht erlebt. Dass eine Frau aus dem Osten mit einer FDJ-Biografie und einer DDR-Sozialisation sich in dieser, von Männern dominierten, konservativen, west-orientierten CDU durchsetzt, also das macht mich bis heute noch staunend. Und dass sie sich so lange mit ihrer zurückhaltenden und eigentlich gar nicht rhetorisch attraktiven Art an der Regierung hält, das ist für mich eine sehr große Überraschung. Mit Frau Thatcher hat Merkel überhaupt nichts zu tun. Die ist ja eine Kampffrau gewesen. Die hat ja nur provoziert. Das macht Frau Merkel nicht. Also, dass die sich hält - das passt jetzt nicht so richtig für einen SPD-Mann -, finde ich stark. Ich finde auch stark, dass jemand wie sie Deutschland vertritt. Dass wir da nicht so einen Lautsprecher haben, so einen Machtpolitiker haben, der meint, ich zeig es jetzt den anderen, wo es lang geht, sondern das wir da jemanden Behutsamen haben, der auch persönlich zurückhaltend, bescheiden und diskret ist, finde ich stark. Ganz ohne Darstellungsbedarf. Wirklich, wie man so in einer preußischen Pastorenfamilie gelernt hat zu leben. Da wird bescheiden gelebt, da wird Rücksicht genommen. Dass das jetzt die stärkste Frau in Deutschland oder gar auf dem Globus ist, das gefällt mir richtig.

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