Haierschule: Keiner will schuld sein

Ein verbaler Schlagabtausch begleitet die geplante Aufhebung der Werkrealschule am Haier in Faurndau. Viele Lokalpolitiker wollen das Totenglöcklein erst später läuten – oder es gar dem Schulamt überlassen.

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Wurde die Haierschule im Regen stehen lassen? Es droht jedenfalls der schleichende Abschied vom Werkrealschul-Zug. Das sorgt im Stadtbezirk erneut für Diskussionen. Im Schulausschuss des Gemeinderats deutete sich an, dass viele Göppinger Lokalpolitiker die Entscheidung verschieben wollen.  Foto: 

Tragödie und Schmerzen. Das waren Begriffe, die die Stadträte am Donnerstag im Schulausschuss bemühten. Grund: Die Werkrealschule am Haier ist in den Augen der Behörden nicht mehr zu halten. Das Staatliche Schulamt hat wie berichtet wegen zweimaligen Unterschreitens der Anmeldezahlen verfügt, dass künftig keine fünfte Klasse mehr gebildet werden kann. Die Stadt hat daraufhin vorgeschlagen, den Werkrealschul-Zug bis 2020 allmählich auslaufen zu lassen. Bürgermeisterin Gabriele Zull erklärte im Ausschuss, dieser Beschluss habe den Vorteil, dass die Eltern die Sicherheit hätten, dass ihre Kinder noch an der Haierschule den Abschluss machen können. Dieses Plus an Sicherheit sei auch der Grund, warum die Stadt jetzt handele. „Nichts zu tun, wäre auch für uns einfacher. Dann wäre der Schwarze Peter nicht bei uns.“

Dennoch plädierten sehr viele Lokalpolitiker dafür, jetzt noch nicht Nägel mit Köpfen zu machen: Im Faurndauer Bezirksbeirat wurde der aktuelle Aufhebungsbeschluss am Dienstag mit neun zu zwei Stimmen klar abgelehnt. Auch im Schulausschuss waren nur zwei Stadträte dafür, die übrigen stimmten dagegen oder enthielten sich. Einige Bürgervertreter setzen darauf, dass das letzte Wort noch nicht gesprochen sein könnte. Felix Gerber (CDU) zweifelte an der willkürlich gesetzten Untergrenze von 16 Anmeldungen, die einer Überprüfung womöglich nicht stand halte.

Den Stadträten wollte es auch nicht in den Kopf, dass lediglich die Anmeldungen für Klasse 5 entscheiden sollen, wo doch in den weiteren Klassen durch Rückläufer aus den Realschulen die Zahlen am Haier stimmen. Der Haken: Die zwangsweise Rückstufung schwacher Schüler durch die Realschulen wird im kommenden Schuljahr nicht mehr stattfinden, stellte Gabriele Zull klar. Denn die Realschulen bieten dann selber einen Hauptschulabschluss an.

Weitere Hoffnung setzten die Bürgervertreter auf Flüchtlingskinder. Christian Stähle (Linke) stellte den Antrag, beim Regierungspräsidium eine Ausnahmegenehmigung einzuholen, um angesichts der zu erwartenden zusätzlichen Kinder die Regel der Mindestanmeldungen auszusetzen. Stefan Horn (FWG) sah nicht ein, warum die Gemeinderäte den Beschluss fassen sollten. Dann hätten sie den Schwarzen Peter, obwohl sich am Vorgehen nichts ändern würde, wenn das Schulamt das Auslaufen beschlösse.

Beim Infoabend für Eltern und Schüler in der vollbesetzten Haier-Mensa hatten sich am Dienstag Ärger und Sorge die Waage gehalten, so beschrieb die Elternbeiratsvorsitzende Annikka Siefert die Situation. Unter den Eltern der Werkrealschüler herrsche Unsicherheit. Viele hätten die Sorge, dass die jetzigen Haierschüler doch noch die Schule wechseln müssten. Dabei werde dort exzellente Arbeit geleistet. Die Lehrer seien extrem engagiert, die Absolventen hätten gute Perspektiven, so die Elternvertreterin.

Einig waren sich auch die Lokalpolitiker im Ausschuss am Donnerstag, dass an der Schule hohe Qualität herrsche. Doch damit waren die Übereinstimmungen im Gremium schon erschöpft: Große Teile der Debatte bestanden deshalb im Begleichen alter Rechnungen. Hintergrund: Vor zweieinhalb Jahren hatte eine bürgerliche Mehrheit der Haierschule die Chance verweigert, zur Gemeinschaftsschule umgewandelt zu werden – sehr zum Ärger des Kollegiums und der knapp unterlegenen Stadträte. Deshalb flogen nun erneut die Fetzen: Es sei „fadenscheinig, jetzt die Verantwortung dem Schulamt zuzuschieben“, schimpfte Christian Stähle (Linke). Eva Epple (Grüne) urteilte: „Teile des Gemeinderats haben diese engagierte Schulgemeinschaft im Regen stehen lassen.“ Und Dr. Helmut Dees (SPD) meinte: „Die Schule hätte eine Chance gehabt, wenn nicht ein ideologisch verblendeter Teil des Gemeinderats dagegen gestimmt hätte.“

Das wollte die Gegenseite nicht auf sich sitzen lassen. Felix Gerber (CDU) sagte, es habe einfach nicht genügend Schüler für mehr als einen Gemeinschaftsschul-Standort in der Stadt gegeben. Auch Susanne Weiß (FDP/FW) verteidigte den umstrittenen Beschluss von 2013.

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