Händeschütteln ist angesagt

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    Er hat bei Paralympics 27 Medaillen abgeräumt und fährt nun als Experte für das ZDF zu den Spielen nach Sotschi. Er brillierte als Musiker mit dem Horn und arbeitete sich in die Führungsebene im Landratsamt Esslingen hoch. Im Gespräch mit Arnd Woletz erklärt Matthias Berg die Faszination Behindertensport - und was sich noch ändern muss. Foto: Giacinto Carlucci
  • Erfolgreicher Athlet: Matthias Berg bei einem internationalen Ski-Wetbewerb in Schweden im Jahr 1996. 2/3
    Erfolgreicher Athlet: Matthias Berg bei einem internationalen Ski-Wetbewerb in Schweden im Jahr 1996.
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Herr Berg, Sie fahren im März als ZDF-Experte zu den Paralympics nach Sotschi. Werden Sie mehr Badehosen oder mehr Winterjacken einpacken?

MATTHIAS BERG: Winterjacken. Das liegt daran, dass unten am Meer die Hallen sind für Ice-Sledge-Hockey und Curling. Dafür haben sich die deutschen Mannschaften aber leider nicht qualifiziert.

Sie sind dort also als Alpin-Experte gefragt?

BERG: Ja. Aber auch für Nordisch, Biathlon und Para-Snowboarding, denn in diesen Disziplinen sind deutsche Athleten am Start. Wir werden also die ganze Zeit oben in den Bergen sein.

Geben Sie mal einen Tipp ab, wieviele Medaillen die deutschen Paralympioniken holen werden?

BERG: Das ist ganz schwer vorherzusagen. Im Alpinsport haben zwei Goldmedaillen-Aspiranten nach den letzten Paralympics aufgehört, nämlich Gerd Schönfelder und Martin Braxentaler. Bei den Nordischen ist Verena Bentele nicht mehr dabei. Das ist natürlich heftig, denn die drei haben rund 80 Prozent der Goldmedaillen geholt vor vier Jahren. Wir haben zwar richtig gute Nachwuchsleute dabei. Aber es ist schwierig, auf deren Schultern große Erwartungen zu legen. Gleichwohl haben wir ein paar ziemliche heiße Eisen im Feuer.

Die Sendezeit der Öffentlich-Rechtlichen ist beachtlich im Vergleich zu früheren Zeiten. Ist der Behindertensport damit am Ziel angekommen?

BERG: Am Ziel ist man natürlich nie, aber es gab von Paralympics zu Paralympics jedes Mal enorme Fortschritte. Dass ARD und ZDF diesmal mit richtig viel Sendezeit dabei sind, ist große Klasse. Aber letztlich müssen halt auch die Einschaltquoten stimmen.

Bei welchen Wettbewerben sind Sie konkret auf der Mattscheibe dabei?

BERG: Bei möglichst vielen. Es wird dort kein Studio geben, ich werde immer in der Nähe vom Zielbereich oder mit Blick auf die Wettkampfstätte mit dem Moderator stehen.

Ist Russland ein problematisches Pflaster, was den Zuspruch der Live-Zuschauer vor Ort betrifft?

BERG: Das glaube ich erstmal nicht, aber auch das ist schwer vorherzusagen. Karten sind aber schon viele verkauft worden. Ich rechne damit, dass die Zuschauer auch dort sehr begeisterungsfähig sind.

Wie ist der Stellenwert des Behindertensports in Russland generell?

BERG: Wenn man sich die Medaillen-Rankings anschaut, dann ist Russland Stück für Stück nach vorne gekommen. Im Behinderten-leistungssport, vor allem im Wintersport, sind sie seit Jahren vorne dabei. Was die Stellung von Menschen mit Behinderung in der normalen Gesellschaft angeht, sind Aussagen schon schwieriger. Aber das war 2008 in Peking ähnlich. Da war es klar, dass Menschen mit Behinderung am Rande der Gesellschaft stehen. Sicher ist: In Russland ist die Akzeptanz lange nicht auf dem Niveau wie in Deutschland oder in Mitteleuropa.

Kann da so eine Veranstaltung auch etwas verbessern?

BERG: Ich bin davon überzeugt, dass jede Paralympics, egal wo in der Welt sie stattfinden, eine Verbesserung im Image bei der dortigen Bevölkerung hervorruft. Das haben wir auch in Peking gesehen.

Wie funktioniert das in Ländern wie Russland oder China?

BERG: In diesen Gesellschaften bedeuten Behinderungen oft das Abdriften an den gesellschaftlichen Rand, das Ende der Lebensqualität, Ende der Lebensfreude oder Ende einer Karriere. Allein dadurch, dass die Paralympics zeigen, was alles mit Behinderung möglich ist, sehen die Menschen: Das Leben mit Behinderung bietet Chancen, bietet Lebensqualität und kann sehr erfüllt sein. Wenn man die Paralympics live oder im Fernsehen in diesen Ländern sieht, werden die Paralympioniken zu Vorbildern und Personen des öffentlichen Lebens und dadurch kann die Mauer, die oft in der Unsicherheit liegt, auch übersprungen werden.

Inwiefern?

BERG: Menschen mit und ohne Behinderung haben plötzlich etwas gemeinsames, über das sie sprechen können, wo bisher keine Brücke war. Dieser gesellschaftliche Effekt von Paralympics ist enorm und für ein Entwicklungsland im Umgang mit Menschen mit Behinderung sehr wichtig. Und die Paralympics sind zudem eine Werbebotschaft ohne erhobenen Zeigefinger, die nur durch die faszinierenden Bilder spricht. Die Behinderung wird öffentlich und rückt gleichzeitig in den Hintergrund.

Ist das der paralympische Kniff?

BERG: Ich nenne das den Paralympics-Effekt: vom Dunkel ins Licht, vom Defizit zum Können, vom "was fehlt mir" zum "was habe ich an mir". Die Paralmypics haben gegenüber den normalen Olympischen Spielen einen Mehrwert, eine Zusatzbotschaft, die nicht ausgesprochen wird, aber bei jedem Bild mitschwingt.

Hat sich in Deutschland der Gedanke von Integration und Inklusion in der Gesellschaft schon genügend durchgesetzt?

BERG: Wenn man sich die entsprechenden Studien der Vereinten Nationen ansieht, sind wir beileibe nicht auf einem der vorderen Ränge. Deutschland wird von der UN vorgeworfen, dass es Menschen mit Behinderung diskriminiert, vor allem im Bereich Bildung und dem Zugang zum regulären Schulwesen. Wir haben über den Daumen gepeilt 30 Prozent der Menschen mit Behinderung in Regelschulen, 70 Prozent im Sonderschulsystem. Ich behaupte, wenn es umgedreht ist, dann sind wir einen riesigen Schritt weiter. Übrigens bin ich ein Gegner der Abschaffung des Förder- und Sonderschulsystems. Es hat große Stärken und absolut seine Berechtigung, aber eben in deutlich geringerem Umfang.

Wo klemmts?

BERG: Im Moment ist das ein großer politischer Verschiebebahnhof, der in Sonntagsreden unter der Überschrift "Inklusion von Menschen mit Behinderung" läuft und unter der Woche unter dem Faktor: "Was kostet das Ganze?" Da brauchen wir noch einen Sinneswandel.

Kommen wir noch einmal auf den Behindertensport zurück. Was hat sich verändert, seit Sie in den 80ern die paralympischen Medaillen abgeräumt haben?

BERG: Die Professionalität. Heute kann man mit Begabung allein keinen Blumentopf gewinnen. Wer heute in der Weltspitze dabei sein will, muss wie ein Profi trainieren. Das war zu meiner Zeit noch nicht ganz so. Ich habe an der Uni Freiburg zwar auch sehr systematisch mit guten Trainern trainiert. Ich würde sagen, das war semiprofessionell - zumindest vom Umfang her.

Sie sind ja in einer Zeit aufgewachsen, als auch der gesellschaftliche Umgang mit Menschen mit Contergan-Schädigung noch anders war. Wie haben Sie das erlebt?

BERG: Es gab zwei unterschiedliche Lebensabschnitte. Bis zum zehnten Lebensjahr wuchs ich in Detmold auf. Da haben mich meine Eltern schon als Säugling überall mit hingenommen. Die Leute konnten sich daran gewöhnen. Ich war also bekannt und nichts Besonderes. Die Zeit war super. Dann sind wir umgezogen nach Trossingen und da war es viel schwerer. Ich war das einzige Kind mit einer Behinderung. Da wurde mir nachgerufen "Krüppel, Kurzärmle, geh doch zurück ins Heim". Das hat mir für ein paar Jahre regelrecht den Boden unter den Füßen weggezogen. Es hat lange gedauert, bis Trossingen und ich uns aneinander gewöhnt hatten. Das war heftig. Aber nach ein paar Jahren wurde es dort dann umso schöner.

Würde das heute noch passieren?

BERG: Das ist wohl heute auch noch so, dass Kinder untereinander ziemlich direkt sein können. Insgesamt würde ich aber sagen, dass es sich in den vergangenen 40 Jahren Stück für Stück verbessert hat. Die Menschen sind viel offener, umgänglicher und informierter. Den Zirkuseffekt erziele ich nicht mehr. Ich habe auch schon sehr lange keine richtig schlechten Erfahrungen mehr gemacht.

Verunsicherung ist ja oft der Auslöser für unglückliche Verhaltensweisen gegenüber Menschen mit Behinderung. Wie reagieren Sie da?

BERG: Ich würde jedenfalls niemanden für sein schräges Verhalten mir gegenüber lächerlich machen oder vorführen. Wenn jemand nicht weiß, wie er sich verhalten soll, hat er keine andere Chance, als unsicher zu werden.

Ein Beispiel?

BERG: Die Menschen fragen sich, wenn sie mich treffen: Wie geb ich dem die Hand? Darf ich da hin greifen? Und wenn ja, wo greife ich genau hin? Darf ich zudrücken? Dazu haben sie den Bruchteil einer Sekunde Zeit. Ich sag mir deshalb: Fuß vor, Hand vor. Der Gegenüber weiß dann: Händeschütteln ist angesagt. Von da an läufts. Beim nächsten Mal ist es schon kein Thema mehr: Gewöhnung ist alles. Schräges Verhalten mir gegenüber hat ja nie wirklich mit Diskriminierung zu tun, sondern ist immer Resultat von Verunsicherung. Man denkt: Ich möchte nichts falsch machen, also mach ich lieber nichts. Wenn ich will, dass es funktioniert, ist es mein Job, dafür zu sorgen, dass die Verunsicherung weicht. Wenn es nicht funktioniert, dann hat nicht der andere versagt, sondern ich.

Menschen, die optisch von der Norm abweichen, werden oft angestarrt. Was geben Sie anderen, denen es auch so geht, mit auf den Weg?

BERG: Egal wo ich bin, es guckt immer jemand. Und ich versuche, Augenkontakt aufzunehmen und zu lächeln. Das soll dem anderen signalisieren: Alles in Ordnung, völlig ok, dass Du guckst, aber lächle zurück. Dann bleibt nicht das schlechte Gefühl zurück, sondern ein Lächeln. Das klappt sehr oft. Manche schauen dann aber auch weg, wegen des schlechten Gewissens, denn es wurde ihnen eingebleut, dass man Menschen mit Behinderung nicht anstarrt.

Für Sie galt im Sport immer das Leistungsprinzip. Im Spitzensport sind gemeinsame Wettkämpfe von Menschen mit und ohne Behinderung aber eher rar. Ist das gut oder schlecht?

BERG: Im Leistungssport geht das in vielen Bereichen gar nicht anders. Es gibt natürlich inklusive Sportarten, wie zum Beispiel Tischtennis, da spielt die Behinderung kaum eine Rolle. In der Leichtathletik beim 100-Meter-Lauf sieht es anders aus. Ich beispielsweise habe einen klaren Nachteil gegenüber jemand mit zwei langen Armen: beim Start und während des Laufs bei der Pendelbewegung der Arme - da fehlt einfach Gewicht zum Gegenpendeln der Beinbewegung. Deshalb ist es üblich, dass man unterschiedliche Startklassen hat. Das kennt man ja auch aus anderen Sportarten, wie beim Judo, Boxen oder Motorsport. Beim Alpinskifahren beispielsweise gibt es drei Klassen: Stehend, sitzend und sehbehindert. Innerhalb dieser drei Klassen läuft im Prinzip die Uhr langsamer, je stärker die Behinderung ist. Man gibt also manchen Athleten einen Zeitbonus dafür, dass sie gar nicht schneller können. Und so bekommt man faire Rennen. Die Handicap-Vorgaben werden über ein ausgeklügeltes System ermittelt. Das ist zwar nicht unumstritten, verhindert aber, dass es pro Klasse nur wenige Teilnehmer gibt.

Menschen mit Behinderung wünschen sich abseits des Spitzensports auch einfach gemeinsames Sporttreiben mit Nichtbehinderten. Da ist aber noch Luft nach oben, oder?

BERG: Das kann man schon sagen. Es gibt aber in einigen Bundesländern schon positive Ansätze, beispielsweise gemeinsame Sportabzeichen in der Schule oder beim Nebeneinander von "Jugend trainiert für Olympics" und "Jugend trainiert für Paralympics", um die Kinder zusammen zu bringen. Sport ist ein erstklassiger Transporteur des Miteinanders. Und nachher unter der Dusche sieht man sich im Original. Und wenn man das ein paar Mal gemacht hat, ist es eine Selbstverständlichkeit. Je früher dieser Kontakt zustande kommt, desto besser.

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