Haare wie ein Buschwald

Der Kabarettist Fatih Cevikkollu hat in der Geislinger Rätsche mit verstaubten Vorurteilen aufgeräumt. Seine satirischen Pfeile zielten dabei in wesentlich breitere Gefilde - und trafen ins Schwarze.

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Samstag, 20.30 Uhr in der Rätsche: dunkle Bühne, aus dem Off dringt Verkehrslärm, mittendrin ein per Handy geführtes Gespräch, es kracht, das Martinshorn kreischt, schnelle Schritte, "gehen Sie mal zur Seite ich bin der Notarzt". Und dann verebben alle Geräusche zu einem wabernden nebulösen Etwas. Spot an und auf die Bühne stolpert Fatih Cevikkollu. Weißer Anzug, seine nackten Füße stecken in Flipflops. "Wo bin ich, im Paradies? Bei Lord Voldemort? Nein, bei dem anderen." Weshalb hat "der andere" gerade ihn geholt und zu diesem Zeitpunkt? Das sind Fragen, die den soeben Verstorbenen am Himmelstor beschäftigen und die er Gott stellt - und selbst beantwortet.

Der Kölner Kabarettist Fatih Cevikkollu räumt in seinem neuen Programm "Fatih Unser" kräftig auf mit verstaubten Vorurteilen gegenüber seinen Migrantenmitbetroffenen. "Arbeit gut machen, gut Chef" ist passé. Außerdem habe die politische Diskussion um das Thema Beschneidung Moslem und Juden zusammengebracht, "die Vorhaut ist quasi die Schnittmenge zwischen Moslem und Juden". Einzig bei Körperbehaarung sei der Türke noch Türke, "die wächst bei mir nach wie vor wie ein Buschwald".

Über soziale Netzwerke ereifert sich Fatih ebenso, wie er Politikern jegliche Glaubwürdigkeit abredet. Für Fatih ist Brüderle gleichzusetzen mit Pinocchio, und überhaupt seien alle Politiker nicht reeller als die Augsburger Puppenkiste. Schon ist er beim sozialen Netzwerk: "Wie oft muss man vom Fahrrad fallen, dass man diese organisierte Einsamkeit nicht mehr merkt", wettert er über Facebook und fragt im Publikum nach, wer dort ein Konto hat und wie viele Freunde. Doch das Rätschepublikum ist ihm zwar zugeneigt, aber nicht genug, um in seinem interaktiven Kabarett immer mitzumachen. Auch als Fatih allen zum Friedensnobelpreis applaudiert, bleibt es still. "Habt ihr das jetzt nicht verstanden", fragt er von der Bühne runter um im nächsten Augenblick eine vor sich hingeworfene Bemerkung eines Gastes aufzugreifen: "Ihr seid nicht im Fernsehen, ich kann euch hören."

Nicht immer springt der Funke über in der Rätsche, wo mancher leere Stuhl Lücken frei lässt. Fatih betont selber: "Kabarett ist ein Denkraum, ich denke vor, ihr nach." Doch da, wo der Zuschauer mit nachdenken anfangen könnte, liefert Fatih gleich die detailliert ausformulierte Antwort. Man vermisst die auf die Spitze getriebenen Übertreibungen, das Ungesagte, dem die Phantasie die zündenden Pointen liefert. Deshalb bleiben brüllende Lachsalven aus, wenn auch ein latentes, auf- und abschwellendes Gelächter eine permanente Geräuschkulisse bildet. Fatihs Gedankengänge sind durchaus logisch und mit satirischer, zielgenauer Spitze, seine Beobachtungen scharf und manche Szene blitzt im Wiedererkennen eigener Lebenssituationen heiter auf. Insbesondere seinem schauspielerischen Talent verdankt der Kölner viele Lacher, wenn er Politiker oder sein Töchterlein parodiert. Keinesfalls zu überhören ist sein Appell, nicht aus Bequemlichkeit alles hinzunehmen, sei es beim Zeitgeist oder der Politik, der hinter der Ernsthaftigkeit seines kabarettistischen Vortrags steckt.

So ruft er zum Kampf gegen den Schönheitswahn auf: "Bevor die Optik komplett versagt hast du Zeit am Charakter zu arbeiten", und kritisiert, dass die Deutschen gegen ihre Regierung nie revoltieren: "Aber dafür gibt es ja keine Formulare. . .".

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