Günther Oettinger macht sich bei Jubiläumsfeier von ZG für Europa stark

Zeller und Gmelin feiert den 150. Geburtstag. Beim Festabend warnte Günther Oettinger vor dem Populismus, der den Frieden in Europa gefährde.

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EU-Kommissar Günther Oettinger hat sich bei der Jubiläumsfeier von Zeller und Gmelin ins Goldene Buch der Stadt Eislingen eingetragen. Oberbürgermeister Klaus Heininger (r.) freut sich.    Foto: 

 Die Firma Zeller und Gmelin wurde am Donnerstagabend ihrer Profession vollkommen gerecht: Der Festakt der 150-Jahrfeier „lief wie geschmiert“, wie der eine oder andere Redner und mancher Besucher passend zum Handwerk der Eislinger Firma zurecht anmerkte. Der Hersteller und Händler von Schmierstoffen und Druckfarben hat in einem großen Zelt, das auf dem Parkplatz der Firma aufgestellt war, mit knapp 500 geladenen Gästen Geburtstag gefeiert.

Sascha Schiffbauer führte als Moderator durch das Unterhaltungsprogramm zwischen den Reden und dem dreigängigen Menu. Damit war die Zeit bis etwa 21 Uhr relativ schnell überbrückt, denn der Stargast des Abends, Günther Oettinger, kam von der Internationalen Automobil-Ausstellung für Nutzfahrzeuge in Hannover und konnte seine Rede erst gegen 21.30 Uhr beginnen. Die Wartenden wurden vom EU-Kommissar mit einer kurzweiligen und hochgradig aktuellen Rede zur Lage und Bedeutung der Europäischen Union (EU) entschädigt.

Oettinger erinnerte ans Jahr 1866. Damals hatten Anton Zeller und Paul Gmelin nicht nur die Eislinger Firma gegründet, Württemberg und andere süddeutsche Staaten führten zusammen mit Österreich Krieg gegen Preußen. „Wir haben haushoch verloren“, stellte der frühere CDU-Ministerpräsident fest. Fünf Jahre später folgte dann der Krieg des Deutschen Reiches gegen Frankreich. Der 62-Jährige erwähnte eine Wanderung mit seinen Großeltern. Der junge Günther war mit ihnen in der Nachkriegszeit in den Vogesen. Da habe ihm sein Großvater mit feuchten Augen gezeigt, wo er im Ersten Weltkrieg im Schützengraben lag. „Europa ist zu allererst ein Friedensprojekt“, stellte Oettinger fest. Das sei die Lehre aus der Vergangenheit. „Der Frieden ist aber nicht für alle Ewigkeit gesichert.“ Das habe der Jugoslawienkrieg gezeigt.

Der EU-Kommissar sprach die wirtschaftlichen Herausforderungen der Globalisierung an. Früher sei Württemberg ein armes Land gewesen. Die Menschen seien ausgewandert. Heute sei das Land eine Zuwanderungs- und Wachstumsregion. Die erfolgreichste Exportregion der Welt profitiere vom Binnenmarkt. Mittelständische Firmen wie die ZG hätten diesen Erfolg ermöglicht. „Das ist ein knallharter Sektor: Chemie, Öle, Lacke.“ Es handle sich um High-Tech-Produkte, die viele Branchen benötigten. Dabei sei der Ruf der chemischen Industrie nicht gut, nur knapp über den Politikern: „Wir sind der VfB, ihr der HSV“, griff er unter Gelächter zu einem seiner meist gut platzierten Fußballvergleiche.

Gegen die moderne Welt würden immer mehr Nationalisten und Populisten ankämpfen: Oettinger zählte einige auf: Le Pen, Grillo in Italien, die FPÖ, die „A-Partei“ in Deutschland, „Donald Duck Trump“, Putin – „alle dieselben Typen“.  „Ich bin besorgt, wenn die Typen überhandnehmen, dass alle in die alte Wagenburg zurückfallen“, dann sei der Wohlstand und der Friede gefährdet. Dabei sei dies jetzt doch die „glücklichste Generation, die je im Filstal gelebt hat“, stellte Oettinger fest und forderte die Zuhörer auf, weniger zu bruddeln, sondern fröhlich zu sein.

Der für Marketing und Vertrieb zuständige Geschäftsführer, Siegfried Müller, erinnerte an die Anfänge des Unternehmens. Im Frühjahr 1866 wollten der Eisenbahningenieur Anton Zeller und der Apothekers Paul Gmelin aus dem in Eislingen vorkommenden Schiefer Öl für Lampen gewinnen. Das „Start-up“ scheiterte, weil sich für diesen Zweck amerikanisches Petroleum durchsetzte. Wolf Ulrich Martin, sprach in seiner Rede von einem „klassischen Fehlstart“. Die Firma habe aber ihre zweite Chance genutzt. Der Präsident der IHK-Göppinen übergab ZG den „Merkur“, die Ehrenskulptur der IHK für Verdienste an der Wirtschaft.

Nach dem Lampenöl produzierte und handelte die Firma mit Schmierstoffen, Lacken, Druckfarben, stellte Benzin her und hatte sogar ein kleines Tankstellennetz. Heute arbeiten für ZG  950 Mitarbeiter. Sie ist in 12 Staaten mit 16 Tochterunternehmen vertreten, berichtete Müller. Von den 540 Beschäftigten am Stammsitz Eislingen seien 80 in der Forschung und Entwicklung tätig. Müller hob den Umweltschutz hervor. Man wolle energie- und rohstoffsparend produzieren. Die Firma wolle den Export, der schon die Hälfte des Umsatzes ausmacht, weiter ausweiten. Müller sieht in China „gewaltige Chancen“.

Dr. Peter Baumeister, der Aufsichtsratsvorsitzende von ZG, erinnerte ans 19. Jahrhundert, als Hunger und Auswanderung an der Tagesordnung war. „Wer nichts hat, muss erfinderisch sein.“ Deswegen habe das Land der Erfinder und Tüftler viele mittelständische Firmen hervorgebracht. Zeller und Gmelin werde als Familienunternehmen seinen Wurzeln treu bleiben. Baumeister erwähnte zwei Witwen der Familie Zeller, die Ende des 19. Jahrhunderts und nach dem Ersten Weltkrieg die Produktion leiten mussten, weil ihre Männer gestorben waren. Die Firma lebe Tradition, wolle aber offen für Neues sein.

Von einem „weltweit operierenden Unternehmen mit Spitzenstellung am Markt“ sprach Landrat Edgar Wolff. Die Firma habe eine besondere Bedeutung für den Kreis, sie nehme gesellschaftliche Verantwortung war. Oberbürgermeister Klaus Heininger nannte das Jubiläum einen „Meilenstein für die Stadt“. Als größter Gewerbesteuerzahler habe ZG einen großen Anteil an der guten Entwicklung von Eislingen. Er sprach von einer weltweit tätigen Musterfirma.

Sportlicher Landesverrat

Fußball  Günther Oettinger würzte seine Rede mit Anspielungen auf den Fußball. So stellte er fest, dass die Zahl der VfB-Aufkleber an Autos weniger werden, je weiter man nach Osten in Württemberg kommt. Dafür steige die Zahl der Bäbber von Bayern München: „Das ist Landesverrat.“

Ehrung Der EU-Kommissar hat sich ins Goldene Buch der Stadt Eislingen eingetragen.

Unterhaltung Die Trommelgruppe Jogi Nestle und die Schattentänzer von Moving Shadows boten ein kurzweiliges Unterhaltungsprogramm.

Menu Als Vorspeise gab es unter anderem Zupfsalat, gebeizte Lachsforelle und gerauchtes Landhuhn mit Pfifferlingsalat und Blutampfer. Hauptspeise war sous vide gegartes Roastbeef vom Weiderind mit Lemberger-Jus, Kürbiscreme, sautierten Kräuterseitlingen und Kartoffelbaumkuchen.

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