Große Gesten, große Gefühle

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  • Regisseur Christian Mann (Mitte) und drei Chormitglieder haben hinter dem Theaterhaus-Eingang ein Plätzchen im Schatten gefunden. 1/4
    Regisseur Christian Mann (Mitte) und drei Chormitglieder haben hinter dem Theaterhaus-Eingang ein Plätzchen im Schatten gefunden. Foto: 
  • Während die Helfer des Theaterhauses die Podeste für die Sänger aufbauen, besprechen sich "Mädchen für alles" Simone Benz und Chorleiterin Angela Sieg. 2/4
    Während die Helfer des Theaterhauses die Podeste für die Sänger aufbauen, besprechen sich "Mädchen für alles" Simone Benz und Chorleiterin Angela Sieg. Foto: 
  • Angela Sieg (links) animiert ihre Sänger zu Atem- und Lockerungsübungen. 3/4
    Angela Sieg (links) animiert ihre Sänger zu Atem- und Lockerungsübungen. Foto: 
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Halleluja, was für ein Tag. Busfahrer Reinhard Hoene, hauptberuflich Pfarrer in Amstetten, sammelte am Donnerstagnachmittag ein aufgeregtes Völkchen ein. Erster Halt Geislingen, dann Deggingen, dann Mühlhausen. Von dort, kurz nach halb drei, auf die Autobahn Richtung Stuttgart. "Boah, Leute, es ist echt soweit: Wir sitzen im Bus und fahren nach Stuttgart", sprach Angela "Gela" Sieg ins Bordmikrofon. 2013 hatte sie mit ihren Gospelchören No Distance und AmazSing das Musical "Maria Magdalena" uraufgeführt - vor 900 Besuchern in der Amstetter Aurainhalle. Es folgten fünf weitere Vorstellungen in Wiesensteig, Uhingen und Gingen. Insgesamt 3000 Menschen haben das Zweieinhalbstunden-Stück mit hohem Gänsehautfaktor bis dato miterlebt. Am Donnerstag sollten es die Besucher des Evangelischen Kirchentags in Stuttgart zu sehen bekommen, im Theaterhaus auf dem Killesberg.

"Singen hilft", machte Gela ihren Sängern Mut. "Ich würde sagen wir singen, und alles wird gut." Und so stimmten die Chöre auf Höhe des Flughafens Stuttgart ihr erstes Lied an, "El Shaddai", bekannt geworden durch die Sängerin Amy Grant. Das Musical "Maria Magdalena" setzt sich aus lauter bekannten Worship-Songs zusammen, teils mit hebräischem Text, teils mit englischem und deutschem. Als Gela die Lieder mit ihren Sängern einstudierte, formte sich in ihrem Kopf nach und nach eine Geschichte dazu, die der Maria Magdalena, der Frau an Jesus Seite. Mit Hilfe des Eislingers Christian Herr, der die Regie führte und mit den Darstellern, die aus den Chorreihen heraustreten, immer wieder übte, ist aus der Abfolge von Sprechszenen, Chorgesang und Soli ein beeindruckendes Ganzes entstanden.

Für den Auftritt in Stuttgart schwor Christian das Ensemble auf "große Gesten, große Gefühle" ein. Während die Akteure auf eher kleinen Bühnen darauf achten müssen, dass sie sich mit weit ausholender Gestik nicht gegenseitig verletzen, ist Großzügigkeit auf großen Bühnen ein Muss. Und die Bühne im Theaterhaus ist sehr groß.

15.25 Uhr: Ankunft am Theaterhaus. Raus aus dem klimatisierten Bus, rein zum Hinter- beziehungsweise Künstlereingang und hoch in den zweiten Stock. Simone Benz, die sich selbst "Mädchen für alles" nennt, wuselt hin und her, schart Chorleiterin, Regisseur und die Hilfskräfte vor Ort um sich. Bei ihr sind seit Wochen alle Fäden zusammengelaufen.

"Für alles und jedes gab es einen gesonderten Ansprechpartner", berichtet Simone und zählt auf: Zugangskarten für alle Beteiligten bestellen, den Code für den Busparkplatz erfragen, Mikrofone und Headsets ordern, klarmachen, wie viele Podeste wo auf der Bühne stehen müssen. Es sei toll gewesen zu sehen, wie sich die vielen kleinen Puzzleteilchen mit der Zeit ineinanderfügt haben. "Trotzdem habe ich die beiden letzten Nächte nicht geschlafen", gibt sie zu und verzieht das Gesicht. "Dauernd dachte ich darüber nach, ob ich wirklich an alles gedacht habe."

Fast alles läuft reibungslos. Der Regisseur wird später bemängeln, dass er für die Beleuchtung keine Farbwechsler hatte. Doch Simone Benz' Tochter sprang ein und hielt von Hand bunte Scheiben vor den Spot.

Um 16.15 Uhr treten die ersten Chormitglieder, bereits in ihre bodenlangen, sandfarbenen Kutten gekleidet, zum Schminken an. Station eins: Grundierung; Station zwei: Pudern; Station drei: Augen und Mund. Rund 80 Leute, egal ob Mann oder Frau, müssen das Procedere über sich ergehen lassen.

Erst um 18.30 Uhr gibt der palästinensische Schulchor, der vor Gelas Gospelchören auftritt, die Bühne frei. Bis dahin fächeln sich die Ensemblemitglieder in ihrem Aufenthaltsraum Luft zu, setzen sich rund ums Theaterhaus im Schatten in Grüppchen zusammen, unterhalten sich - über die vergangenen Aufführungen, über ihre Rollen ("Denen da kann man nichts glauben - das sind Pharisäer."), über Alltägliches. Die meisten haben ihre Kutten geschürzt, Luft soll an die nackten Waden kommen, es ist drückend warm, drinnen wie draußen, das dicke Make-up im Gesicht macht die Sache nicht angenehmer.

Um 17.15 Uhr fragt Jesus-Darsteller Bernd Anton, ob jemand mitgeht zum Currywurst Essen. Kurz nach 18 Uhr erscheint Gela im Aufenthaltsraum. "Trinkt viel Wasser", weist sie ihre Leute an, "lieber geht einer während der Aufführung auf die Toilette als dass einer umfällt." Die Chöre singen sich ein, machen Atem- und Lockerungsübungen, der ganze Raum seufzt und summt und tönt. Dann gehen alle zusammen nach unten, die Anspannung ist greifbar.

Doch alles läuft wie geschmiert, jeder hilft mit: Die Podeste werden aufgestellt, die Instrumente der Band hereingetragen, dann die Requisiten wie Körbe, Fässer, Pflanzen, Stühle, Stöcke, Schwerter. Regisseur Christian sitzt jetzt ganz oben im Zuschauerraum am Mischpult und leitet den Licht- und Soundcheck. Gela positioniert ihre Sänger, das eine oder andere Lied wird probehalber angestimmt.

Kurz vor 20 Uhr versammeln sich alle in der Halle hinter dem Veranstaltungsraum. "Schnauft jetzt erst mal ganz tief durch", sagt Gela. "Heute wird es megaspannend, das ist eine Profibühne", sagt Christian. "Steht auf dieser Bühne, saugt alles auf, genießt jeden Augenblick. Das ist euer Moment." Dann bittet Gela um göttlichen Segen: für die, die singen und spielen, für jeden Einzelnen, dass es gelingen möge, die Herzen der Zuhörer zu erreichen. Nochmal singen sich alle, wie im Bus, Mut an. Bevor jeder seinen Platz einnimmt kommt Gelas Ansage: "Leute, lasst uns die Bühne rocken."

Vor 750 Besuchern - der große Saal des Theaterhauses ist zu drei Vierteln gefüllt - führen No Distance, AmazSing & friends zum vorletzten Mal "Maria Magdalena" auf. Das Publikum ist begeistert, spendet am Schluss stehend Beifall und erklatscht sich hartnäckig eine nicht vorgesehene Zugabe.

Die Dernière

Das Musical "Maria Magdalena" feierte am 29. Juni 2013 in der Amstetter Aurainhalle Premiere. Heute Abend ist in der Geislinger Jahnhalle die Dernièrenvorstellung - die letzte Gelegenheit, das Stück zu sehen.

SWP

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