Glosse: Gaudi mit Lederhose

|

Wenn Ihnen momentan einiges spanisch vorkommt, dann könnte das daran liegen, dass Spanien – und wir meinen nicht Mallorca – uns näher ist, als wir gemeinhin annehmen. Warum jetzt Katalonien dort weg will, wo wir mindestens einmal im Jahr hin wollen, entzieht sich unserer näheren Kenntnis. Wir befürchten aber, ähnliche Unabhängigkeitsbewegungen wie in Barcelona könnten auf verhängnisvolle Art Schule machen. Da tut es Not, einen Blick auf den Katalonier in uns allen zu werfen. Im Göppinger – Hossa? – sucht man den heißblütigen Katalonier zwar meist vergebens, gleichwohl lassen sich Parallelen entdecken. Nicht, dass er – Viva Espana! – sich unbedingt von Spanien lossagen wollte, da ist ihm sein Sommerurlaub dann doch wichtiger. Verruchte Abspaltungs-Phantasien sind allerdings auch dem Göppinger nicht fremd. Das lässt sich schon daran erkennen, dass ihm eine unheilige Nähe zu einem Heiligen Berg über dem Ostufer des Ammersees zu eigen ist, die nicht ganz zu seinen schwäbischen Wurzeln passen will.

Der älteste Wallfahrtsort Bayerns zieht den Göppinger an wie nichts sonst – ungeachtet seiner geographisch-württembergischen Zugehörigkeit. Das mag daran liegen, dass dort der Orden der Benediktiner von St. Bonifaz ein Kloster  betreibt, dessen Mönche ein Bier brauen, das dem Göppinger besser mundet als jeder heimische Trollinger. Ein weiteres, weithin unbeachtetes Anzeichen für die drohende Abspaltung dürfte die Tatsache sein, dass Kloster Andechs seine erste Brauereigaststätte außerhalb Bayerns ausgerechnet in der sympathischen Stadt Göppingen eröffnen durfte.

Separatisten in Lederhosen – allen voran der Oberbürgermeister – sollen dort ja aus- und eingehen. Spätestens seit die Brauereigaststätte ein Oktoberfest mitten auf dem Göppinger Schillerplatz plant, gilt eine unmittelbar bevorstehende Unabhängigkeitserklärung – „Mir san mir“ – als sicher. Nicht einmal die Fernsehansprache des fundamental-schwäbischen Stuttgarter Regierungschefs – „Ha, so ebbes got doch et“ – konnte ein Umdenken bewirken. Wenn Göppingen erst einmal bayerisch sei, werde sich die Gaudi von selbst einstellen, meinen viele, die jetzt in der Krachledernen am Bahnhof stehen, um den bayerischen Ministerpräsidenten willkommen zu heißen. Selbstredend mit dem von der Original-Göppinger-Bayernkapelle dargebrachten Defiliermarsch. Dem Vernehmen nach muss das Referendum eindeutig gewesen sein: „Bayern ist unser Bier“. Na, denn Prost!

Info  Joas  Notizen aus der Provinz gibt es auch als Buch: 70 ausgewählte Glossen zum 70. der NWZ, herausgegeben von Annerose Fischer-Bucher, 250 Seiten, gebunden, Manuela-Kinzel-Verlag, 15 Euro, ISBN 978-3-95544-063-3.

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Themenschwerpunkt

Joas Notizen aus der Provinz

In seiner Glosse nimmt Joa Schmid jede Woche große und kleine Begebenheiten des Göppinger Weltgeschehens satirisch aufs Korn.

mehr zum Thema

Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Räuber schießt auf Verkäuferin in Geislingen

Ein Mann hat am Freitag einen Lebens­mit­telladen in Geislingen überfallen und die Besitz­erin mit Schüssen verletzt. weiter lesen