Glasklare Leidenschaft

|
Vorherige Inhalte
  • 1/4
  • Vor allem Glasarbeiten aus der WMF-Produktion haben es Wolfgang Weiß angetan: Die unterschiedlichsten Objekte glänzen in seiner Sammlung. 2/4
    Vor allem Glasarbeiten aus der WMF-Produktion haben es Wolfgang Weiß angetan: Die unterschiedlichsten Objekte glänzen in seiner Sammlung.
  • 3/4
  • 4/4
Nächste Inhalte

Das Heim des Ehepaars Weiß ist urgemütlich, ihre Wohnung eine museale Fundgrube. In jeder Ecke, jeder Vitrine, in Regalen, sogar am Plafond entdeckt man Sammlerstücke - vor allem aus der Glashütte der WMF.

Von Roderich Schmauz

Es kommt nicht von ungefähr, dass er eine Kollektion schöner Gläser, schlanker und bauchiger Vasen, flacher und tiefer Schalen in allen Farbschattierungen sein Eigen nennt. Sie repräsentieren einen Querschnitt der Produkte und Stile aus den hundert Jahren, während der die frühere Glashütte und Glasschleiferei der WMF in Geislingen bestand. Glas fasziniert den Sammler Wolfgang Weiß aus Bad Überkingen seit jeher.

Sein Vater legte dafür die Grundlage. Der war nämlich Meister in der Glasschleiferei, nahm den Sohnemann bisweilen in die Werkstatt mit - und der Bub staunte. Auch wenn Wolfgang Weiß dann beruflich ganz andere Wege einschlug und Fernmeldeingenieur wurde, weiß der nun 75-Jährige seitdem zu würdigen, was gute Glasbläser, Glasmacher und Glasschleifer konnten - Berufe, die heute fast ausgestorben sind.

Bei jedem Stück seiner Glassammlung kann Weiß sagen, welche Arbeitsvorgänge nacheinander vonnöten waren: Dass hier zur Färbung bestimmte Metalloxide zugegeben wurden. Dass dort Glasschichten in unterschiedlichen Farben übereinander gelegt wurden. Er kann beschreiben, wie der Glasmacher die erhitzte zähe Glasmasse in Formen hineingeblasen hat. Oder wie der Glasschleifer exakteste Konturen eingeschliffen hat, wie er Ornamente oder ganze Bildmotive eingraviert oder geätzt hat. Wolfgang Weiß zeigt auf ein anderes Glas: "Hier wurde noch ein Glasfaden draufgeschmolzen, dort zum Abschluss Gold aufgetragen, hier wurde gepudert, dort die Oberfläche mit Oxiden bedampft."

Weil er um das handwerkliche und fachliche Können weiß, schätzt er die Produkte. Im Gegenzug vermisst der Sammler diese Kenntnis und Wertschätzung bei jungen Generationen. "Das betrifft natürlich andere aussterbende Berufe mit langer Tradition ebenso", ist ihm bewusst.

Weiß ist vom Material Glas auch deswegen so fasziniert, weil sich damit ein Strang der Kulturgeschichte der Menschheit erzählen lässt. "Glas ist einer der ältesten Werkstoffe", schwärmt er und beginnt, von den alten Ägyptern zu erzählen. Wie sähe unsere Welt ohne Glas aus, fragt der Fernmeldetechniker und erinnert nicht nur an Fensterscheiben, Glasflaschen und Spiegel, sondern auch an Glasfaserkabel. Und schließlich findet er es frappierend, dass aus den im Überfluss verfügbaren natürlichen Grundstoffen Sand, Natron und Kalk das transparente Glas entsteht - sofern man weiß, wie man die Zutaten mischen und erhitzen muss, wie man die flüssige Masse formen, farblich verändern und bearbeiten kann.

Produkte aus der langen Geschichte der Geislinger WMF sind durchaus geeignet als Objekte der Begierde für Sammler: Wie WMF-Designer Heinz Scheiffele, der beste Kenner der umfangreichen Produktpalette des Traditionsunternehmens, weiß, spezialisieren sich Sammler vor allem auf Myra- und Ikoraglas, beliebt sind auch WMF-Jugendstilprodukte. Keiner weiß, wie viele Sammler es gibt. Doch die, die aktiv bei Auktionen in Erscheinung treten, sind überschaubar. Scheiffele, selbst Sammler, schätzt ihre Zahl auf 50. Hinzukommen allerdings noch renommierte Museen, die ebenfalls WMF-Kollektionen ihr eigen nennen.

Scheiffele kennt Vorlieben und Spezialgebiete einzelner Sammler: So erwarb ein Belgier einen Teil der WMF-Jugendstilsammlung, die der bekannte Jazztrompeter Chris Barber zusammengetragen hatte und dann wieder verkauft hat. In Ulm wohnt ein Sammler von Jugendstil-Produkten der frühen WMF-Tochterfirma Orevit. Es gibt auch Kaffeemaschinen-Sammler, weiß Scheiffele. Und denen eröffnet die WMF ein breites Betätigungsfeld, beginnend 1880 mit dem ersten Tischsamowar. Für Bestecksammler gibt es in Solingen sogar eine Börse. Von Sammlerinteresse sind auch WMF-Produkte neueren Datums, so die Entwürfe des herausragenden Designers Wilhelm Wagenfeld. Nur für die - oft unhandlichen - Skulpturen aus der galvanoplastischen Kunstanstalt besteht überhaupt kein Sammlermarkt, weiß Scheiffele. Da gebe es allenfalls mal Anfragen wegen der Restaurierung von Grabengeln.

In Jahrzehnten hat das Ehepaar Weiß Erlesenes zusammengetragen, mit dem es sein Heim ausstaffiert hat. Von ausgedehnten Reisen in vieler Herren Länder brachte es zum Beispiel "echte" Knüpfteppiche mit. In den Zimmern stehen ausgesuchte, alte Möbelstücke. Neben Porzellan liegt der Schwerpunkt der Weißschen Sammelleidenschaft eben auf Glas und da wiederum auf WMF-Produkten.

Wie viele es sind? Wolfgang Weiß lacht: "Ich habe sie nie gezählt. Auf dem Dachboden steht auch noch einiges." In Schränken, Aufsätzen und Vitrinen, in Regalen und auf Borden stehen all die guten Stücke - hier eine Serie blaues Glas, dort eine bernsteingelbe Kollektion, hier das galvanotechnisch mit Silber beschichtete Porzellanservice und und und.

Die meisten Stücke waren zu seiner Zeit Massenware, reine Gebrauchsgegenstände, wenn auch handwerklich gefertigt. Vieles entspricht nicht mehr dem heutigen Zeitgeschmack, das weiß Weiß wohl. Zum Beispiel die Stücke aus der Gründerzeit mit ihrem überbordenden Prunk und dem pompösen Zierrat. Einige Stücke seiner Sammlung repräsentieren den Jugendstil mit seiner schlichteren ornamentalen Formensprache. Besonders zahlreich vertreten sind in den Weißschen Vitrinen Ikora- und Myraprodukte aus der "Neuen Kunstgewerblichen Abteilung" (NKA) der WMF. Dazu gehört auch eine Deckenlampe oder der Fuß einer Stehlampe.

Eine mehrfarbige Glasschale erwarb er vor Jahren in einem Antiquitätengeschäft in Neuseeland für umgerechnet 90 Euro; zufällig war er auf einer Reise darauf gestoßen. Mit einem kostbaren Einzelstück, einer in Gelbtönen schillernden Vase, in die fein ziseliert ein Segelschiff auf hoher See eingraviert ist, war er vor vielen Jahren in der Fernseh-Sendung "Kunst und Krempel", in der bis heute Fachleute Kunst und angebliche Kunst beurteilen und schätzen. Versicherungswert des Weißschen Unikats: 15 000 Euro.

Für Glasliebhaber Weiß zählt in erster Linie der ideelle Wert seiner guten Stücke. Deswegen versteht er es überhaupt nicht, dass die WMF mit dem Pfund ihres großen Fundus nicht wuchert: "Daimler baut für seine alten Automodelle ein großes neues Museum, die WMF versteckt ihre Schätze im verstaubten Archiv."

Die Glashütte der WMF Geislingen
Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Mehrheit lehnt Messstelle an der Sternkreuzung ab

Die Mehrheit im Göppinger Gemeinderat hat eine Messstelle für Luftschadstoffe an der Sternkreuzung abgelehnt. Auch die Verwaltung war dagegen. weiter lesen