Getarnte Bildgegenstände

Alles ist echt, alles ist Illusion: die Malerei und die Objekte. Der Münchner Tom Früchtl übermalt die Echtheit der Dinge und spielt mit der Illusion von ihr, dass es eine Freude ist, so getäuscht zu werden.

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Spielen mit der Wahrnehmung der Betrachter, mit der Illusion von Realität: die Arbeiten des Münchner Konzeptmalers Tom Früchtl, die noch bis 29. April in der Kunsthalle Göppingen zu sehen sind. Foto: Hans Steinherr

Alte, ausgediente leere Pappkartons. Es sieht aus als warte ein ganzer Stapel davon auf Entsorgung. Dabei hat sich der junge Münchner Tom Früchtl weiß Gott viel Zeit genommen alles so kunstvoll zu drapieren, dass man nicht anders kann als mit den Augen drüber stolpern. Nur ein Hauch von Farbe entströmt den Kartons. Ganz fein. Wie Früchtl"s Idee, die Verpackungen so zu bemalen, dass sie erst recht alt und gebraucht aussehen.

Es geht um Malerei. Um nichts anderes. Und es ist was es ist: gemalte Realität und reale Malerei. Ein paar Meter weiter hinten lehnt ein Holztor an der Wand. Scheinbar in Besitz genommen von einer Patina aus Schimmel und Moder. Das Tor ist echt und stammt tatsächlich aus jenem Dorf in Bayern, in dem Tom Früchtl Jahrgang 1966 - groß geworden ist. Die Patina ist gemalt.

Früchtl malt Bilder von Gegenständen auf den Gegenstand selbst. Weil, wie er sagt, schon so viele Bäume in der Malerei gemalt worden sind und er deshalb die Leinwand weg lasse und den Baum lieber auf den Baum male. Früchtl spielt mit der Wahrnehmung des Betrachters, mit der Illusion von Realität, tarnt was echt ist mit einem Bild von sich selbst, versteckt die Echtheit hinter dem Anschein von ihr, düpiert so direkt, dass es eine wahre Freude ist, so getäuscht zu werden.

Die Kunsthalle Göppingen präsentiert den aufstrebenden Münchner Konzeptmaler Tom Früchtl mit "not unreal" in einer erstmalig in einer so umfangreich angelegten Einzelausstellung. Mit ausgehender Signalwirkung, wie Kunsthallenchef Werner Meyer hofft. Weil es sich lohnt, von Früchtl an die Enden sicherer Wahrnehmung und vielleicht sogar noch einen Schritt darüber hinaus geführt zu werden. An die Grenzen die sich auftun zwischen der Wirklichkeit eines Bildgegenstandes und seines eigenen Abbildes. Das benutzte Geschirrtuch ist ebenso echt, wie die Wasserflecken aufgemalt sind. Wie die Rippen eines Stücks aufgerissener Wellpappe, wie die Maserung einer OSB-Platte, wie die Klebebandstreifen der Schachteln. Früchtl bleibt konsequent. Was streng genommen absurd erscheint.

Akribisch und genau übermalt er die einzelnen, bunten Wollfasern übergroßer Umzugsdecken und wird schließlich radikal. Seine italienischen Landschaftsbilder sind quadratische Bilder in homogenem Grau. An mehreren Tagen und zu verschiedenen Uhrzeiten im Mai des Jahres 2000 auf Sizilien entstanden. Früchtl hat Malkartons auf den Boden gelegt und mit exakt jenem Lichtgrau, das vom Sonnenlicht auf ihnen abgebildet wurde, übermalt. Nicht einfach mit Grau, sondern zusammengemischt aus den Grundfarben Rot und Gelb und Blau und Weiß. Für Werner Meyer hat es Sinn gemacht, gerade jetzt die Arbeiten von Tom Früchtl vorzustellen.

Info Öffnungszeiten: Di. bis Fr. 13-19 Uhr, Sa., So. 11-19 Uhr (bis 29. April). Die nächste öffentliche Führung ist am Sonntag ab 15 Uhr.

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