Geschwänzt wegen Höhenangst - Verfahren gegen Familie eingestellt

Wegen Schuleschwänzens mussten sich ein 14-Jähriger und seine Eltern vor Gericht verantworten. Höhenangst gab der Schüler als Grund an.

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Ein klarer Verstoß gegen das Schulgesetz ist es, wenn ein Schüler an 15 Tagen nicht zum Unterricht erscheint, mehrfach zu spät kommt und auch noch sechs Mal dem Sportunterricht fernbleibt. So geschehen im vergangenen Jahr im unteren Filstal - immer wieder schwänzte ein 14-Jähriger den Unterricht. So schien es zumindest.

Das Landratsamt schickte der Familie Bußgeldbescheide, deren Adressaten auch die Eltern waren. Schließlich müssen diese als Erziehungsberechtigte dafür sorgen, dass der Nachwuchs regelmäßig die Schule besucht. Die Familie legte Einspruch gegen die Bescheide ein, deshalb landete die Ordnungswidrigkeit vor dem Göppinger Amtsgericht. "Warum haben Sie denn Einspruch eingelegt?" wollte Richter Heiner Buchele vom Familienvater wissen. "Er kann nicht alleine in die Schule gehen wegen seiner Höhenangst", erwiderte der 47-Jährige - und auf dem Weg gebe es eine Brücke, die der Sohn nicht überwinden könne. "Es ist so eine Art von Phobie", ergänzte der Schüler. An den besagten Tagen sei der Vater nicht da gewesen, um ihn zu fahren, deshalb sei er nicht zur Schule gegangen. "Wovor hast du denn Angst?", hakte Buchele nach. "Das ist schwer zu sagen", meinte der Junge.

Mehr Aufschluss gaben da Unterlagen des Christophsbads, wo der 14-Jährige seit Jahren in Behandlung ist. "Agoraphobie" lautet die Diagnose der Ärzte: "Ihm ist es nicht möglich, größere Plätze oder Brücken ohne Panikattacken zu begehen." Warum die Familie die Unterlagen nicht auch der Schule und dem Landratsamt gegeben habe, fragte Buchele. "Dann hätte es keinen Bußgeldbescheid gegeben." Doch, sowohl Schule als auch Kreisbehörde hätten die Papiere bekommen, versicherte die Familie - was Buchele wunderte, denn in den Akten seien sie nicht zu finden.

Für den Amtsrichter war jedenfalls klar, dass das Verfahren gegen die Familie eingestellt wird. Er riet jedoch dazu, sich ans Jugendamt zu wenden, das womöglich einen Fahrdienst vermitteln könne. Eltern und Sohn redete er ins Gewissen: "Schulbesuch ist immens wichtig, er ist das A und O, sonst verbauen Sie sich die Zukunft."

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Kommentare

22.03.2013 10:58 Uhr

Platzangst nicht "Höhenangst"

Man reibt sich verwundert die Augen, dass diese traurige Provinzklamotte ungestört den langen wie völlig inkompatiblen justischen Weg gehen konnte bis man sich etwas näher gedaanklich mit dem Problem auseinandersetzt, für dessen Lösung der Rechtsweg so geeignet ist wie ein Bussgeld bei einer Reifenpanne. Dem Schüler und seinen Eltern darf man nur wünschen, dass sie eine angemessene Form der Bewältigung eines durchaus lösbaren Problems finden und die eifernden Auroritätstrommler zur Vernunft kommen.

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