Gelungene Eröffnung der Göppinger Theatertage

Dem vielversprechenden Auftakt mit der Theaterwerkstatt folgte eine quicklebendige Eröffnung: Die Gruppe Spielbar sorgte am Mittwoch für eine fulminante Eröffnung der Göppinger Theatertage.

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Wer sind die denn - und wenn ja wie viele? Das dürften sich, in Anlehnung an den Buchtitel von Richard David Precht, einige Besucher gefragt haben, als eine junge Frau nach der anderen, Briefe rezitierend, auf der Stadthallenbühne erschien. Denn eigentlich ist "Gut gegen Nordwind" ja ein klassisches Frau-Mann-Stück. Als Briefroman ein Welterfolg (bis 2010 wurde es in 28 Sprachen übersetzt), hat es Daniel Glattauer verstanden, die aufgeklärt bittersüße E-Mail-Romanze um Emmi und Leo höchst wirksam auf der Bühne umzusetzen.

Doch was macht die Theatergruppe Spielbar aus Darmstadt nun daraus? Regisseur Matthias Lauer hat Emmi vier Mal besetzt, Die Rolle des Leo teilen sich fünf Schauspieler. Bald wird klar: Das Ganze ist kein Notbehelf, um möglichst vielen Jugendlichen der Evangelischen Petrusgemeinde Darmstadt das Mitspielen zu ermöglichen, sondern ein cleverer Inszenierungstrick, der dem gespielten Briefroman eine irrlichternde Dynamik gibt.

Nicht alle Emmis und Leos sind gleich präsent, manche ragen mimisch heraus, andere wirken eher spröde, aber dies kann man auch als Resultat des angewandten Schemas deuten. Denn in Glattauers Stück geht es ja eben darum, wie zwei Menschen sich durch Zufall per E-Mail kennenlernen, sich ineinander verlieben, ohne sich je gesehen, gehört, gespürt zu haben. So ist es nur eine Frage der Zeit, bis die Fantasie der beiden Kapriolen schlägt und den Briefpartner mit immer neuen Attributen versieht: Ist die Angebetete nun schlank mit langen Haaren oder mollig-verträumt und hat Locken? Und ist der romantische Womanizer nicht in Wirklichkeit ein kühl berechnender Sprachwissenschaftler, der Opfer für sein Forschungsprojekt über E-Mail-Sprache sucht?

Ängstlich suchen Emmi und Leo nach Nähe - und verharren doch in der virtuellen Unverbindlichkeit ihres Briefkontakts, indem sie ihr reales Leben ohne einander weiterleben. "Wir können nicht leben, was wir schreiben", gibt sich Leo desillusioniert - um Emmi kurze Zeit später rührende Tipps zu geben, wie sie auch bei störendem Nordwind und trotz offenem Fenster einschlafen kann. Momente der Euphorie wechseln sich ab mit Phasen der Ernüchterung, neuen Aufschwüngen folgt der nächste Absturz.

Für die Schwingen der Liebe hat die Regie das schöne Bild bedruckter Papierflieger gefunden, die die Protagonisten mal durch den Saal segeln und unsanft landen lassen, mal zum altmodischen Brief entfalten, aus dem sie Passagen zitieren.

Untermalt wird das Ganze mit Musik. Zu hören ist ein breites Spektrum, von intimen Klängen über harte Beats nebst Stroboskoplicht bis zum Live-Gesang: Einfühlsam tragen Adriana Tausch und Daniel Enders (Klavier) Vanessa Carltons Song "A Thousand Miles" vor.

So entsteht ein quicklebendiges Spiel um Sehnsüchte und Lebensängste, das zwar letztlich nichts gegen den Nordwind ausrichtet, aber umso mehr gegen die Langeweile.

Nach dem Loriot-Abend vor zwei Jahren hat das Fachleiter-Team der Theatertage, bestehend aus Ralf Rummel und Uwe Wittmann, hier erneut ihr Näschen für ein gelungenes Eröffnungsstück bewiesen. So jedenfalls kann es weitergehen.

Info: Am Freitag stehen vier Stücke im Alten E-Werk auf dem Programm: um 9 Uhr "Sturm aus heiterem Himmel" (ab 8 J.) vom Jungen Theater Lörrach, um 11 Uhr "Wer den Mächtigen stört" (ab 13) von Jugendlichen aus Hamm, um 16 Uhr "Kopf voll, Herz leer (ab 14) vom LTT-Theaterclub und um 20 Uhr das Stück "Laut" der Schweizer Wölfinnen.

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